Uwe Timm: Montaignes Turm. Essays. Das habe ich als eBook gelesen, daher ohne schickes Bild. Dabei fiel mir auf, dass sich Essays ganz hervorragend als eBooks eignen, das fühlt sich viel besser an als Romane, die Sachlichkeit der Gedanken harmoniert so nett mit der Technik. Vermutlich entwickelt man bei der Wahl der Medien irgendwann drollige Ticks, es gibt dann eben Bücher, die müssen gedruckt sein, die passen auf das iPad, die passen auf das Handy usw. Und warum auch nicht.

Essays also, es geht in dem Band hauptsächlich um Literatur und dabei wiederum um ältere. Da habe ich wieder gemerkt, dass ich, ohne recht zu wissen warum, Sekundärliteratur manchmal wahnsinnig gemütlich finde. Ja, gemütlich. Es fühlt sich seltsam heimelig an, über den Konjunktiv bei Kleist zu lesen, obwohl mich der wirklich nicht brennend interessiert. Ich habe auch nicht den Eindruck, mir besonders viel vom Inhalt zu merken, als Bildungsarbeit geht das also kaum durch, aber ich finde es irgendwie beruhigend und erbaulich. Die Raumform bei Montaigne, das nationale Identitätsgefühl bei Kafka, das klingt doch schon alles so herrlich unaufgeregt. so bibliothekslastig, so ruhig und ungestört erarbeitet in einem stillen Akademikerzimmer. Und das kann einem auch einmal guttun, sich in eine solche gelassen-gelehrte Stimmung zu begeben. Oder mir jedenfalls.

Und Uwe Timm ist natürlich ein ausgezeichneter Stilist, an seinen Sätzen denkt man gerne entlang, zumal er immer wieder so faszinierend wort- und detailverliebt ist. Wer ihn einmal auf der Bühne erlebt hat, der weiß, wie sich das auf die Zuhörer überträgt, diese Liebe zum Wort, zum Satz, zum Klang, zur Kleinigkeit. Und weil ich das so nett fand, diese Essays zu lesen, habe ich, ebenfalls als eBook, gleich darauf noch ein Sachbuch angefangen:

Karl-Markus Gauß: Lob der Sprache, Glück des Schreibens. Das sind kleine Stücke, irgendwo zwischen Glosse, Kolumne und Essay. Glänzend geschrieben und gedacht, es liest sich ein wenig so, als hätte man ein sehr, sehr gutes Blog entdeckt. So thematisch wild durcheinander, teilweise auch so kurz, meistens aber doch interessant. Ein ausgezeichnetes Zwischendurchbuch, von diesen Texten passen manchmal auch drei zwischen bei S-Bahnen. Im Freitag eine schöne Rezension zum Buch.

Gleich noch ein paar mehr Essaybände vorgemerkt, denn mit anderen Leuten quasi gemeinsam herumzudenken, das hat ja den Vorteil, dass man sich mal wieder fragt, ob man selbst eigentlich genug denkt. Gründlich genug denkt. Elegant genug denkt. Und die Fragen schaden ja nicht.

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt
Wir haben Raketen geangelt

Das habe ich in Wahrheit noch gar nicht angefangen, das wollte ich nur anfangen. Ich habe Karen Köhler aber schon mehrfach daraus lesen hören und war jedesmal komplett hingerissen, ich fand die Geschichten wirklich außerordentlich gut. Und, weswegen ich das Buch auch schon erwähne, die Herzdame hat es bereits komplett durchgelesen und mir dann mehrfach Vorträge darüber gehalten, was das für ein tolles Buch sei. Und ich glaube fast, dass hat sie noch nie bei irgendeinem Buch gemacht.

Robert Seethaler: Die weiteren Aussichten

Die weiteren Aussichten

Bei Robert Seethaler reden alle vom Trafikanten und vom ganzen Leben, die beiden Titel scheinen ja gerade auf jedem Nachttisch zu liegen. Und bei mir ist es nun so – ich fand das hier noch besser. Das ist eine höchst spezielle Liebesgeschichte, ein abgedrehtes Road-Book, eine Hymne auf das Anderssein, ein durchgeknalltes Provinzstück, das ist ganz wunderbar und außerdem ein enormer Spaß. Zwischendurch klingt der Seethaler streckenweise wie Wolf Haas, das ist ein wenig irritierend, passt aber hervorragend zur Story und man möchte überhaupt nicht, dass das Buch aufhört. Ich weiß nicht, ob es bereits verfilmt wurde, es müsste aber ganz dringend verfilmt werden, ich würde dafür sogar ins Kino gehen. Es ist ja gar nicht selbstverständlich, dass man ein Buch beim Lesen so komplett als Film vor sich sieht, mit allen Details, aber hier ist das der Fall. Wirklich dicke Empfehlung! Grandioses Buch!

Nebenbei habe ich bemerkt, dass die drei Seethaler-Bücher, die ich jetzt kenne, jeweils einen vollkommen anderen Sound haben, als wären sie von drei Autoren geschrieben worden. Ich weiß nicht, ob mir das schon jemals bei einem Autor so aufgefallen ist. Wie isses nun bloß möglich?

Mai – Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell.

Mai-Gedichte

Im Mai kriegen sich die Damen und Herren der Lyrikbrigade vor Freude natürlich gar nicht mehr ein, das ist auch nicht anders zu erwarten, das soll auch so sein. Sogar der olle Karl Krolow in “Neues Wesen”:

[…]
Frühling, ja, du bist’s!
Man kann das nachlesen.
Die grüne Hecke ist ein Zitat
aus einem unbekannten Dichter.
Die Leute streichen auch
ihre Familien an, die Autos,
die Boote.
Ihr neues Wesen
gefällt allgemein.

Der Satz mit der grünen Hecke, der hätte mir auch gerne einfallen dürfen. So schön.

Vorgelesen

Jutta Richter: Das Tontilon

Das Tontilon

Das ist ein Buch aus der Kindheit der Herzdame, sie hat noch eine ganze Menge der alten Kinderbücher, die auf die Söhne sehr anziehend wirken. Beim Wiederlesen kommt einem das Buch dann gar nicht mehr so toll vor, sagt sie, die Zielgruppe war aber gleichwohl sehr angetan. Und darum geht es ja.

Arnhild Kantelhart (Hrsg.): Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Vorleseklassiker. Mit Bildern von Jutta Bauer,

Es war eine dunkle und stürmische Nacht

Es war eine dunkle und stürmische Nacht

Das habe ich tatsächlich wegen des Titels aus der Bücherei mitgenommen, weil gerade Sturm aufkam und es draußen dunkel wurde, als ich das Buch in die Hand nahm. So etwas kann man ja nicht ignorieren, da muss man den Zeichen folgen. Ich fand die Auswahl sehr ansprechend, in dem Buch findet man u.a. Brecht, Calvino, Krüss, Kipling, Tolstoi, eine wilde Mischung mit Geschichten, die auch dem vorlesenden Elternteil Unterhaltung bieten, weil sie manchmal etwas neben dem Erwartbaren liegen. Und Gott sei Dank tun sie das. Es ist nämlich gar nicht so leicht, gute Vorlesebücher mit vielen möglichst verschiedenen Geschichten zu finden. Wenn man die Regalmeter in Buchhandlungen und Büchereien entlangguckt, werden gerade immer mehr Bände nach Themen zusammengestellt, Jungsgeschichten, Mädchengeschichten, Mutgeschichten, Lachgeschichten, Schulgeschichten, Piratengeschichten und immer so weiter. Bei uns funktioniert Abwechslung aber viel, viel besser.

Und apropos Piratengeschichten, da muss ich auch einmal erwähnen, dass diese ganzen Reihen für Erstleser, diese Leselernbücher für Erstklässler – dass die allermeisten von denen ganz furchtbar sind. Die Geschichten sollen einfach sein, versteht sich, sie sind aber meist auch noch witzlos und bieder bis zum Anschlag, wirklich, das ist ein einziges Desaster. Ich verstehe auch gar nicht, wieso es in diesen Büchern immer noch dauernd um Indianer und Piraten und Ritter geht, die Erstklässler hier interessiert das gar nicht mehr, das ist doch Kindergartenkram, sagen sie. Sohn I und ich lassen diese Bücher jetzt wieder weg und lesen lieber ganz normale Geschichten.

Von dem Fischer und seiner Frau. Ein Märchen von Philipp Otto Runge, nacherzählt von Uwe Johnson, illustriert von Katja Gehrmann.

Von dem Fischer und seiner Frau

Das Buch hat Sohn II ausgesucht, der gerade strikt darauf aus ist, dass Bücher möglichst dünn sein müssen und gerne auch nur EINE Geschichte enthalten. Da bieten sich zahlreiche Märchenbände an. Die Herzdame und ich waren, Johnson hin oder her, etwas pikiert, denn das Märchen gehört doch eigentlich plattdeutsch erzählt, zumindest an einigen Stellen, aber nun gut. Wir sind hier ja tolerant und weltoffen. Die Illustrationen sind aber auf jeden Fall super.

Und weil Sohn II so besonders an kurzen Geschichten interessiert ist, gab es noch, ebenfalls aus dem Altbestand der Herzdame:

Ursula Wölfel: Siebenundzwanzig Suppengeschichten. Mit Bildern von Bettina Anrich-Wölfel. Das sind Geschichten, die so kurz sind, dass man sie vorlesen kann, während die noch zu heiße Suppe etwas abkühlt. Also ultimativ kurze Geschichten und das begeistert den Sohn wirklich sehr. Vielleicht sollten wir demnächst zu getwitterten Geschichten übergehen? Die eigentlich angepeilte Zielgruppe liegt vermutlich eher bei drei, vier Jahren, die Geschichten sind auch sehr einfach zu verstehen. Um nicht zu sagen sehr schlicht.

Gesehen

Nichts. Macht nichts. Ich habe den ungenutztesten Netflix-Account, den man sich vorstellen kann, immer wieder denke ich, ich könnte doch mal. Irgendwann. Bei Gelegenheit. Tja.

Gehört

Liebe, Schaps und Tod: Wader singt Bellmann. Ein Album, das eine eigene Wikipedia-Seite hat, wie praktisch. Bellmann ist vielleicht nicht so bekannt, mehr zu dem schwedischen Dichter kann man hier nachlesen. Er gehörte zu den Leuten, aus denen druckreife Lyrik nur so herausperlte, man kennt das z.B. von Goethe, der konnte das als junger Mensch auch schon. Bellmann ist von vielen, vielen deutschen Künstlern aufgenommen worden, wenn man etwas sucht, findet man die erstaunlichsten Stücke, etwa “Juhnke singt Bellmann”, das ist allerdings ziemlich schrecklich. Ich neige ja immer wieder zu schwerem Ohrwurmbefall und in diesem Monat bin ich “Weile an dieser Quelle” einfach nicht mehr losgeworden, das fiel schon unter zwanghaftes Nachsingen, kurz vor Behandlungsbedarf. Allmählich lässt es aber doch nach, ich habe die Hoffnung, im Mai wieder anderes hören zu können. Und beim Frühstück nicht mehr von Bekassinchen trällern zu müssen, die man ohnehin nicht mehr essen darf.

 

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