Ostern naht: Diese DVDs für Kinder müssen sich nicht verstecken

Es folgt ein Gastbeitrag vom Kinderfilmexperten Rochus Wolff:

Die ersten Wochen nach Weihnachten sind für’s Kinderkino gerne einmal ein wenig Saure-Gurken-Zeit; die Produzenten haben im Weihnachtsgeschäft auf DVD und ins Kino rausgehauen, so viel es ging, um jeden Cent aus dem Publikum zu pressen, dass sich vor der Kälte in Lichtspielhäuser und vors heimische Lagerfeuer der Neuzeit flüchtet… Aber lassen wir das, bevor die Bilder allzu bemüht werden.

In diesem Jahr war die Klage eh nur fürs Heimkino berechtigt, denn mit Baymax – Riesiges Robuwabohu und Manolo und das Buch des Lebens gab es immerhin zwei leuchtende Beispiele dafür, warum man sich auch im Januar und Februar mit seinen Kindern in den Kinosessel kuscheln kann. Und jetzt läuft gerade Shaun das Schaf – der Film an, den ich wirklich (ab sechs Jahren) nur wärmstens und eindringlichst empfehlen kann. Zumal jenen Kindern, die das Knetschaf aus dem Hause Aardman eh schon in ihr Herz geschlossen haben: Der Film bleibt den kurzen Episoden aus der Sendung mit der Maus, ihrem Ton und Gestus weitgehend treu, und macht sich doch auf zu neuen Ufern bzw. Stadtgrenzen. Sehr gelungen.

Mit nahendem Frühlingsanfang sprießen aber nun auch wieder die ersten schönen Neuerscheinungen auf DVD und Blu-ray, und da sind bis Mitte April einige dabei, die ich hier gerne empfehle: mal laut, mal leise, mal schnell, mal eher gemächlich. Und sicherheitshalber fangen wir gleich mal mit dem mächtigsten (nicht dick!) Brummer in der Reihe an, Die große Asterix-Edition, sieben der seit neuestem neun Asterix-Animationsfilme in einer sogar recht bezahlbaren Box; und wer wissen möchte, ob sich das Paket lohnt, bzw. wer meiner Empfehlung allein keinen Glauben schenkt, darf sich gerne den tollen Rückblick auf 50 Jahre Asterix-Filme zu Gemüte führen, den Alexander Matzkeit für mein Blog verfasst hat.

AsterixGallier

(Foto: Studiocanal)

Noch so ein Klassiker, eher der belehrenden Art: Die Studio Hamburg Enterprises komprimieren derzeit nach und nach die Reihen „Es war einmal…“ in handliche Boxen – wer jetzt Kinder im Grundschulalter hat, wird die Serien wohl aus der eigenen Fernseh-Sozialisation in der einen oder anderen Form kennen. Da kann man sich also nostalgisch drin wälzen und wird womöglich die Erfahrung machen, dass die eigenen Kinder damit nur bedingt viel anfangen können… ein hervorragender Anlass also, sich einmal richtig alt zu fühlen. Aktuell erscheint Es war einmal… der Weltraum, im Mai kommt dann das besonders von mir heiß herbei gesehnte Es war einmal… das Leben. Darüber dann noch einmal ausführlicher.

Genug mit DVD-Boxen; frisch erschienen sind auch ein paar reizend kastenförmige Gesellen, Die Boxtrolls aus den Laika-Studios. Dort hat man sich – ähnlich wie im britischen Hause Aardman – noch ganz der Stop-Motion-Animation verschrieben, mit einem ganz eigenen visuellen Stil, der irgendwo zwischen Hyperrealismus und Expressionismus liegt. Die Geschichte, die Figuren sind für kleinere Kinder wohl noch zu düster: Das menschliche Findelkind Eggs lebt bei den titelgebenden Trollen im Untergrund der Stadt Cheesebridge; bei den Menschen oben trifft sich die Elite zu geheimen Käseverkostungen, die Boxtrolls aber gelten dem Volk als kinderfressende Monstren und werden deshalb massiv gejagt. Ihre Herzensgüte und Ängstlichkeit hindert sie daran, sich zu wehren, als es ihnen gänzlich an den Kragen gehen soll – erst Eggs reißt sie aus ihrer Lethargie.

Boxtrolls

(Foto: Universal)

Das ist in letzter Konsequenz in seiner Erzählstruktur ein wenig bekannt; aber die Boxtrolls und ihre Welt sind so schön schräg anzuschauen, da lässt sich das leicht ertragen.

Wesentlich gefälliger kommt natürlich Paddington daher, dem man um Weihnachten herum praktisch nicht aus dem Weg gehen konnte; und in der Tat ist die Realverfilmung um den kleinen Bären, den einst der Brite Michael Bond aus dem dunkelsten Peru nach London schickte, samt computeranimierter Titelfigur erstaunlich gut gelungen. Sowohl der Bär als auch seine englische Adoptivfamilie wurden elegant in die Gegenwart modernisiert, Paddingtons Herkunft wird ein wenig beleuchtet, und die Rahmenhandlung des Films macht daraus einen fröhlichen Aufruf, Immigrant_innen selbst aus dem dunkelsten Peru bitteschön freundlich gegenüberzutreten.

Paddington

(Foto: Studiocanal)

Dass der streng episodische Charakter von Bonds Geschichten (und den Animationsserien, die daraus entstanden) etwas verloren geht, ist für einen Spielfilm grundsätzlich nicht schlecht. Die einzige echte Schwäche von Paul Kings Verfilmung ist, dass er sich auf eine wirklich bedrohliche Antagonistin einlässt (eine Tierpräparatorin, die Paddington töten und ausstopfen will) und diese (in der Gestalt von Nicole Kidman) so effektvoll in beängstigende Szene setzt, dass der Film für sensiblere Kinder unter zehn Jahren eigentlich nicht zu empfehlen ist. Daheim, wo der Bildschirm nicht ganz so überwältigend ist wie die Kinoleinwand, mag sich das etwas weniger dramatisch darstellen. (Ab 4. April erhältlich.)

Wesentlich leichtfüßiger, aber auch völlig unbritisch-frenetisch geht es bei Die Pinguine aus Madagascar zu. Die eine oder der andere werden die Vögel schon aus den (der Titel sagt’s) Madagascar-Filmen kennen, in denen sie, obgleich eigentlich Nebenfiguren, mit ihrem sarkastischen und sehr selbstbewussten Auftreten zu kleinen Stars entwickelten. Nun haben Skipper, Private, Kowalski und Rico (die heißen so, fragen Sie gar nicht erst) nach einer Fernsehserie auch einen eigenen Spielfilm verpasst bekommen. Das klingt sehr nach im voraus berechnetem Franchise-Kino, ist aber zumindest in seiner ersten Hälfte so respektlos und vor allem gaga, dass man das gerne in Kauf nimmt. Die vier Pinguine verstehen sich selbst als Top-Agenten-Truppe, allerdings nur im Auftrag für sich selbst, und es kratzt nur kurz an ihrem Selbstbewusstsein, als sie von dem Superschurken Dave gefangen genommen werden, der sich an ihnen rächen will, indem er alle Pinguine der Welt in unansehnliche Monster verwandelt…

Pinguine

 

(Foto: 20th Century Fox)

Das ist bizarrer Hochgeschwindigkeits-Animationsklamauk mit vielen James-Bond-Referenzen und noch mehr Quatsch. Als Erwachsener muss man jedoch höllisch aufpassen, sonst versteht man schon nach ein paar Minuten nicht mehr, worum es geht; der Film schreitet in einem bemerkenswerten Tempo voran und legt dieses bis zum Schluss auch nicht mehr ab. (Ab 26. März, FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren)

Zum Runterkommen noch ein etwas ungewöhnlicherer und wesentlich ruhigerer Vorschlag. Aus Spanien kommt eine sehr jugendliche Variation auf diverse Indiana-Jones-Motive: Das Geheimnis der Murmel-Gang. Der lief im vergangenen Jahr auf dem wunderbaren Kinderfilmfestival „Schlingel“ in Chemnitz: zwei Brüder landen für die Sommerferien in einer recht altertümlichen Erziehungsanstalt und kommen bald darauf, dass sich in dem Gemäuer ein Geheimnis verbirgt. Der autoritäre Schulleiter will aber wohl nicht, dass jemand dieser Sache auf die Spur kommt… und so nimmt das Abenteuer seinen Lauf. Mit Geheimtüren, ein wenig kindertauglichem Grusel und einer Freiheitsbotschaft am Schluss wird daraus zwar kein Meisterwerk, aber ein wirklich solider kleiner Abenteuerfilm für Kinder, sechsmal besser als die ganze furchtbare Fünf-Freunde-Franchise zusammen. (Ab 17. April und 11 Jahren; FSK 6.)

Murmelgang

(Foto: Capelight)

Wer sich die kommenden Feiertage übrigens so richtig versauen möchte, kann zur Neuerscheinung Der kleine Medicus – Bodynauten auf geheimer Mission im Körper greifen, der ich seinerzeit einen tief empfundenen Verriss gegönnt hatte: ein in jeder Hinsicht enttäuschendes Häufchen Film, an dem die „Deutsche Film- und Medienbewertung“ (FBW) nun ihre ganze Ahnungs- und Bedeutungslosigkeit bewies, indem sie ihm das Prädikat „Wertvoll“ verlieh. In der Begründung dazu steht unter anderem: „Das ist bunt, das ist poppig“. So dient diesem seltsamen Gremium als ein Kriterium für filmische Qualität, was schon bei der Auswahl von Ostereiern allenfalls fragwürdige Entscheidungskraft haben sollte.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

Rochus WolffRochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Im Kinderfilmblog sucht er nach dem schönen, guten, wahren Kinderfilm. Er lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet hauptberuflich als PR-Mensch und Konzepter für eine Online-Agentur in Süddeutschland.

 

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