Ich nehme mit Freude zur Kenntnis, dass immer mehr kleine Brauereien entstehen und es eine ganz neue Bierszene gibt. Das ist wunderbar, dass man das Brauen nicht mehr nur den Konzernen überlässt, deren Produkte oft ganz okay sind, aber längst nicht so gut, wie ein Bier sein kann. Ich trinke gerne Bier, ich mag es, wenn es da Vielfalt gibt. Andererseits nehme ich mit Sorge zur Kenntnis, dass in Getränkekarten bei Bierspezialitäten immer öfter verdächtige Vokabeln auftauchen. Da liest man von Karamellaromen, von fruchtigen Noten und Obstsorten. „Anklänge von grünem Apfel“, ja nee, ist klar. Was machen denn diese Begriffe bitte beim Bier? Das ist doch, als ginge man auf ein Rockkonzert und der Sänger würde vor Beginn ans Mikro treten, die Arme heben und ganz ernst erklären, dass der erste Song noch piano sei, der zweite eher capriccioso und dann ginge es aber so richtig furioso weiter. Statt es einfach krachen zu lassen.

Wenn man diese Entwicklung weiterdenkt, muss man bald seitenlang Bierbeschreibungen lesen und mit fachkundigen Obern Diskussionen über Hopfenanbaugebiete führen, bevor man in der Kneipe endlich etwas ins Glas bekommt. Und womöglich muss man dabei so kultiviert gucken, wie es die Weintrinker immer schon tun. Nichts gegen Weintrinker, versteht sich, ich mag ihre stets bemühte Grundhaltung. Aber möchte man sich denn bemühen, wenn man Durst hat? Möchte man nicht einfach nur ein Bier? Ein sehr, sehr gutes Bier meinetwegen.

Nein, ich will mein Bier nicht erklärt bekommen. Ich will nichts von tannenzapfig im Abgang oder über Anklänge von Brombeer und Moos lesen. Ein so beschriebenes Bier kann man doch nicht mehr auf ex trinken, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Und dann denkt man wehmütig zurück an damals, als Bier noch gegen Durst half.

Was war das schön.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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