Ich sitze am Schreibtisch, der Schreibtisch ist das letzte, was in der Wohnung noch steht. Der Rest liegt mehr oder weniger in Trümmern. Ich fühle mich wie ein Überlebender nach einer Naturkatastrophe, der in sein verwüstetes Heim zurückkehrt und sich ratlos umsieht. Die Naturkatastrophe war in diesem Fall allerdings die Herzdame. Sie hat in der leeren und etwas langsamer schleichenden Zeit zwischen den Jahren festgestellt, dass das Regal aus dem Flur auch prima ins Kinderzimmer passen würde. Und das Regal aus dem Kinderzimmer, das könnte dann doch ins Wohnzimmer. Und wo im Wohnzimmer diese Lücke ist, da könnte man im Möbelhaus am Rande der Stadt nachsehen, was man da hinstellen könnte. Und wenn das neue Stück eine andere Farbe hätte, warum auch nicht, dann könnte man den Rest der Möbel und die Wände anmalen, das müsste doch gehen? Und wenn sie so fragt, dann geht es auch.

Und dann gab es diese Innenumbau-Kettenreaktion, die jeder kennt, der schon einmal ein Bild geradegerückt oder einen Tisch verschoben hat. Alles gerät in Bewegung, alles stürzt auf einen ein, fliegt herum und verdoppelt sich im Volumen, sobald es den angestammten Platz verlassen hat. Das ist wissenschaftlich ungeklärt, aber hinlänglich bekannt. Wenn ich aufstehe, fällt sicher irgendwas um. Ich stehe also nicht auf, ich bleibe einfach hier sitzen. Die Herzdame steht währenddessen mit Farbmusterfächern vor Wänden und murmelt von Altweiß und Taubenblau, ich höre schon seit Tagen nicht mehr zu. Ich passe nur noch auf meinen Schreibtisch auf, ich hänge sehr an ihm.

Andere starten entspannt und fit ins Neue Jahr, wir erstehen eher aus Ruinen auf. Und aus dem Staub der letzten Jahre steigt eine neu dekorierte Wohnung. Zumindest demnächst, wenn der Maler erst da war. So beginnt das Neue Jahr mit glänzenden oder doch wenigstens mit taubenblauen Aussichten. Man muss es als gutes Omen nehmen. Alles. Immer.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

 

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