Sohn II glaubt noch an den Weihnachtsmann, Sohn I nicht mehr. Das stellt man sich schwierig vor, nicht wahr, wie kann das denn gutgehen, liegt da nicht Konfliktpotential? Die beiden reden doch dauernd miteinander? Muss der Zauber denn nicht auffliegen, den man rund um Weihnachten veranstaltet? Es geht aber gut, es geht sogar sehr gut. Weil sie beide ganz genau wissen, dass sie im Recht sind. Sohn II weiß es, weil es Geschenke gibt, das hat er selbst in den letzten Jahren gesehen, dass die plötzlich unterm Baum lagen, einfach so. Das ist eine unumstößliche Tatsache, die muss man nicht diskutieren. Außerdem ist der ganze Monat mit Bildern vom Weihnachtsmann dekoriert, die Erwachsenen reden dauernd von ihm – alles, wirklich alles belegt seine Existenz. Deswegen glaubt er sehr berechtigt, dass es den Weihnachtsmann gibt.

Sohn I dagegen meint zu wissen, dass es den Weihnachtsmann gar nicht geben kann. Denn, ist ja klar, das ist ein Märchen. Der wohnt am Nordpol und bringt Geschenke für alle, haha. Von Wichteln handgedrechseltes Spielzeug, hm? Nein, das kann ihm doch keiner erzählen. Die Welt ist kein Märchenland. Rentiere fliegen nicht, so nett es auch wäre. Alles, wirklich alles belegt die Nichtexistenz des Weihnachtsmanns. Deswegen glaubt er sehr berechtigt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.

Und weil beide wissen, dass sie zweifellos richtig liegen, lassen sie einander einfach in Ruhe. Soll der andere doch glauben, was er will, das kann noch so abwegig sein, das ist ja nicht ihr Problem. Brüder sind eben manchmal seltsam.

So wird hier der Familienfrieden gewahrt, weil die Söhne für sich und aus dem Stand heraus gerade die Toleranz in Glaubensfragen erfunden haben. Und wenn die Söhne so etwas mit fünf und sieben Jahren können – sollten es Erwachsene dann nicht auch hinbekommen? Na, war nur so ein Gedanke.

Ich wünsche eine wunderschöne Weihnachtswoche! Mit oder ohne Weihnachtsmann.

(Dieser Text erschien in etwas kürzerer Form als Sonntags-Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

 

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