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Als ich die Herzdame kennenlernte, hatte ich eine Wohnung mit völlig unbenutzter Küche. Da stand ein blitzblanker Herd, den hatte ich noch nie angemacht. Das war natürlich eine sehr saubere Küche, wenn auch nicht besonders einladend. Kochen konnte ich überhaupt nicht. Im Nachhinein ist es mir gar nicht mehr verständlich, wie ich aufwachsen konnte, ohne von all dem Kochen um mich herum etwas mitzubekommen. Ich saß doch dauernd zwischen kochenden oder backenden Müttern, Großmüttern, Tanten und Großtanten, ich verstehe es wirklich nicht. Aber, warum auch immer, es kam nichts bei mir an, gar nichts. Ich erinnere mich an die kochenden Frauen, die Fische zerlegten, Fleisch wolften, Sahnetorten türmten, ganze Schinken anschnitten oder Äpfel zu Kompott verarbeiteten, damals kochten die Frauen jeden Tag und stundenlang und immer für viele. Wobei die Generationen sich nicht immer ganz einig waren, wie das mit dem Kochen zu gehen hatte. Meine Großmutter schreckte, ganz Kriegsgeneration, vor keinem noch so verdorbenen Lebensmittel zurück und versuchte des öfteren, uns Fleisch unterzujubeln, das wir schon für die Hunde rausgelegt hatten, oder verschimmeltes Brot und andere Schrecknisse. Da war man etwas auf Abwehrkurs und sah lieber einmal mehr nach, was da genau in der Suppe schwamm. Andererseits aber hatte sie einen Kenntnisvorsprung vor den jüngeren Frauen, den sie konnte noch alles fachgerecht verabeiten, was auch nur ansatzweise essbar war. Sie konnte kompetent mit ganzen Schweinen umgehen, Karpfen erlegen oder andere Fische räuchern, sie wusste, was mit Holunderbeeren zu tun war und wann was im Garten zu säen war usw. – sie war durch und durch küchenkompetent. Meine Mutter konnte vermutlich nicht mehr ganz so viel wie sie, das weiß ich gar nicht genau, es wäre aber logisch. Sie hat schließlich keine Schweine mehr im Hinterhof gehalten und keine Hühner für den Eigenbedarf gehabt, da werden schon ein paar Kenntnisse gefehlt haben.

Es gab aber damals noch eine klassische Auswahl an Gerichten nach familiären und/oder regionalen Rezepten. Die Rinderrouladen schmeckten, wie sie eben gehörten, die Kohlrouladen auch. Die Fliederbeersuppe war bei Oma wie bei Muttern, und meine Cousinen werden sie auch nicht anders gekannt haben. Wenn man zum Essen bei Verwandten war, dann war das weitgehend überraschungsfrei. Es sei denn, man fuhr zur Verwandtschaft im Rheinland, da war alles anders.

Heute versuche ich in langen Versuchsreihen, mir die Gerichte von damals wieder zu erschaffen. Bei manchen, wie etwa beim Rhabarberkompott, ist es mir bis heute nicht ganz gelungen, bei anderen, wie etwa bei den Rouladen, habe ich es in immer wieder neuen Anläufen erfolgreich hingetrickst. Das wird sicher nicht das Originalrezept sein, aber es ist im Geschmack sehr, sehr ähnlich, das reicht mir. Denn im Grunde war es doch eine Dummheit, das Kochen nicht zu erlernen, es war ein Stück Heimat- und Traditionsverzicht, ein Aufgeben von Verwurzelung – und es war nur eine ganz kurze Zeit lang eine ziemlich coole Sache, nur auswärts oder Tiefkühlpizzen zu essen.

Ich habe gerade zwei Interviews mit Michael Pollan gelesen, hier in der taz und hier in der FAZ und es kommt mir ziemlich richtig vor, was er da sagt. Das sind auch die Gründe, warum ich immer öfter mit den Söhnen in der Küche stehe und warum ich ihnen jetzt schon beibringe, was da zu tun ist. Das macht ihnen auch Spaß, das ist recht einfach, das bedarf keiner großen Überredungskunst.

Ich habe es aber eine Weile lang als zusätzlichen Stress betrachtet, auch in der Küche noch etwas leisten zu müssen, womöglich noch mit Foodblog-Output und schicken Bildern, das war erst einmal nur ein weiteres Projekt für mich. Jetzt betrachte ich es allmählich eher als Freizeit, das ist in etwa so, als würde man das ganze Kochen durch einen anderen Filter betrachten. Ich muss es mir immer wieder klar machen: das ist nicht nur irgendein weiteres To-Do vor der entspannten Zeit, nein, das ist die entspannte Zeit. Es geht mir also nicht mehr um Arbeit, nicht darum, etwas zu schaffen und zu leisten. Menschen, die tendenziell zum Workaholic neigen, also Menschen wie ich, haben da offensichtlich ein besonderes Wahrnehmungsproblem. Für mich ist auch “Zeit zur freien Verfügung” noch ein Projekt, das kann ich schwer abstellen. Aber es gibt eben Aufgaben, bei denen man sich dringend klar machen muss, dass sie keine Aufgaben sind. Sondern Freizeit oder genau das, was man heute immer Quality Time nennt, diese Stunden mit der Familie, von denen jetzt alle reden. Es geht darum, mit den Kindern zusammen zu sein, zu reden und nebenbei Gemüse zu schnippeln. Es geht nicht darum, das schnell hinter sich zu bringen, es geht darum, Spaß in der Küche zu haben und auch darum, Traditionen zu erschaffen. Der Punkt wird mir tatsächlich immer wichtiger, den habe ich früher nie bedacht.

Ich habe gestern Weißkohl angebraten und mit viel Kümmel weiter gedünstet, das roch sofort nach Lübeck und Kindheit und Winter und ich würde mich freuen, wenn das auch für meine Söhne irgendwann ein Duft wird, der positiv besetzt ist und etwas mit der Familie zu tun hat.

Das ist alles sicher fürchterlich banal, aber man muss eben erst selbst darauf kommen, um es auch anwenden zu können, denke ich, das theoretische Wissen reicht nicht. Das ist auch einer der Gründe, warum meine Kochbuchsammlung immer noch weiter wächst, auch wenn man in Kochbüchern natürlich nicht die eigene Vergangenheit finden kann. Man findet aber doch immer wieder Ideen, die im eigenen Haushalt zur Tradition werden können. Manchmal ist das aus einem Buch nur ein einziges Rezept, das auf dem Küchenplan bleibt, aber das hat sich dann schon gelohnt. Und das ziellose Blättern in Kochbüchern, in der nur vagen Annahme, man könnte zufällig auf irgendetwas Lust bekommen, das man irgendwann einmal machen könnte, das gehört zu den wenigen Sachen, die ich wirklich entspannend finde.

Neu an Bord, wegen des Titels kam ich überhaupt erst auf den Text hier, ist hier jedenfalls Yvette van Bovens “Home made – natürlich hausgemacht” mit Bildern von Oof Verschuren, übersetzt von Linda Marie Schulhof, aus dem Dumont-Verlag.

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Da sind einige verlockende Rezepte drin, die ganz prächtig in die Reihe “Die Herzdame backt” passen werden, da sind aber auch eine Menge Brote drin, selbstgemachte Liköre, eingemachte Gemüse, selbstgemachter Käse und Senf und dergleichen, das sieht viel nach Spaß aus und nach der Möglichkeit, ein paar grundsätzliche Fertigkeiten zu lernen.Ich habe aber erst einmal gemacht, was ich bei neuen Kochbüchern häufig und gerne mache, ich habe mit dem allersimpelsten Rezept angefangen. Also so ein Abendessen, das in 15 Minuten auf dem Tisch steht.

Schwarze Spaghetti mit frischen Tomaten

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Dazu zerlegt man 6 Tomaten mit etwas Zitronensaft und Zitronenschale, einer bis zwei durchgepressten Knoblauchzehen und evtl. einer Chilischote im Mixer. Wer Kinder hat, lässt sie bitte den Knopf drücken, denn kaum etwas befriedigt sie mehr, als Gemüse zu atomisieren. Salz und Pfeffer dazu. Nebenbei schwarze Spaghetti kochen.

Zwei weitere Tomaten vierteln, Kerne entfernen (steht im Buch, mache ich nicht, so weit kommt’s noch, viel zu fummelig). Tomatenwürfel unter die Sauce rühren, zack, Sauce fertig. Ja, die soll kalt sein, das gehört so.

Dann etwa ein halbes Bund Basilikum mit 100 ml Olivenöl, Pfeffer und Salz pürieren. Das ist übrigens eine sehr gute Idee, warum bin ich da noch nie drauf gekommen? Seltsam. Schwarze Spaghetti auf Tellern anrichten, mit zerpflücktem Mozzarella bestreuen und noch das Basilikumöl darübergeben. Sofort und dringend servieren, sonst werden die Nudeln kalt wie die Sauce. Das ist sehr, sehr gutes Essen, schnell und stressfrei. Das kann man auch gut für Gäste machen, das sieht nach etwas aus und macht keine Arbeit, das ist ja immer gut und erstrebenswert. Das kommt hier auf die Liste der immer anwendbaren Nudelgerichte, von denen man eh nie genug haben kann.

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Und zu den Rezepten, die das Selbermachen mehr betonen, zu denen kommen wir dann natürlich auch noch. Demnächst.

 

 

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