Schtzngrmm

Wenn man in diesen Wochen vor unserer Wohnungstür steht und eine Weile den Familiengesprächen lauscht – man hält uns vermutlich für irre. Was machen die da drin? Sprachübungen? Deklamieren sie, rezitieren sie? Reimen sie, lernen sie ein Theaterstück, verbiegen sie einfach nur Sprache, beleben sie den Dadaismus neu? Die Buddenbohms. Wirkten immer schon ein wenig seltsam.

Dabei lesen und schreiben wir nur. Und denken deswegen etwas anders nach, etwas lauter, etwas zielführender im Sinne der Rechtschreibung. Sohn I ist seit ein paar Wochen Grundschüler, da wird es Zeit für ein Update, das war ja versprochen. Wie läuft das Lesenlernen mit der so leidenschaftlich umstrittenen Anlauttabelle? Schreibt das Kind? Nützt das alles was, was die Pädagogen da ersonnen haben, oder geht die Kultur doch unter, während die Bordkapelle noch unverzagt das ABC-Lied spielt. Fragen über Fragen, ich beschreibe einmal, auf welchem Stand wir gerade sind.

Sohn I kann Einkaufszettel, Notizen und kurze Sätze schreiben, er kann Schilder lesen, Haltestellennamen erkennen und Straßennamen enträtseln. Er kann auch ganz langsam Bücher lesen, das ist nur furchtbar anstrengend und er sieht nach wie vor dabei so aus, als käme irgendwann Rauch aus seinen Ohren. Der Kopf wird rot, die Handknöchel weiß, aber es geht! Er liest, keine Frage.

Er macht es sich natürlich leicht, der Mensch sucht den bequemen Weg und dieser ist sowieso eher Filou als Fleißsternchensammler. Er liest in den Lustigen Taschenbüchern erst einmal die lautmalerischen und angenehm groß geschriebenen Geräuschbeschreibungen. Er amüsiert sich über KAWUMM und FUMPPP und WUUUUUUUUSCH und ZISCH. Und fragt sich, wie viel von den Geschichten er allein dadurch verstehen kann. Braucht man den Rest wirklich, das kleine Zeug in den Sprechblasen? Was macht das große Wort mit der Handlung? Und passt es überhaupt? So rutschen die Buchstaben allmählich in die Geschichten. Das ist noch nicht viel, aber das ist egal, das übt. Er liest auch in Wahrheit keine Haltestellennamen, er liest nur die ersten drei Buchstaben. “Röd…” das kann in Hamburg nur der Rödingsmarkt sein, warum sollte man sich da mehr Mühe geben? Mit der Methode kann man natürlich auch reinfallen, das muss er erst noch etwas justieren. Wenn da etwa ein Wort mit “Superhe…” anfängt und daneben Spiderman und Batman herumturnen, dann ist es für ihn ziemlich klar, dass man aufhören kann, was soll da schon stehen? Superhelden natürlich. Das steht da aber gar nicht, da steht Superheroes. Macht das was? Aber nein. Sowieso gilt: Wenn ein Wort sehr komisch ist, dann ist es ein englisches Wort, das weiß er auch schon. Wie oft das vorkommt, das merkt man wieder, wenn man einen neben sich hat, der alles buchstabiert. N…i…g…h…t – was? Nicht? Nickt? Das ist schon sehr, sehr kompliziert, vieles bleibt aber doch einfach. Vorne Ham… , das ist Hamburg, eh klar. Kommt meistens hin.

Nach der Methode lesen wir Erwachsenen übrigens auch, man merkt es nur nicht. Wir erfassen nicht alle Buchstaben, uns reichen gerade so viele, dass unser Hirn auf das richtige Wort im Kontext kommt, dann geht es zum nächsten Wort. Deswegen ist es so schwer, Tippfehler zu finden, besonders eigene, da weiß man zu viel Kontext. Wir fangen allerdings nicht mehr unbedingt vorne mit dem Erfassen der Buchstaben an, das Kind schon. Alles Lernen fängt eben vorne an.

Sohn I schreibt also Einkaufszettel, er schreibt Tomate, das klingt nach Tooooooooommmmmmmma…t…t….t…t. Und dann? Was kommt da hinten dran, dieser seltsame Laut, was ist das? Das ist eigentlich eher ein kümmerliches Schwa als ein stolzes E, dem muss man beim Sprechen etwas auf die Beine helfen, sonst hört man es nicht: Tomaté. Oder sagen wir Tomatö? Und dann Banané. Und wenn man zehnmal Banané gesagt hat, dann läuft das Wort natürlich Gefahr, im Familienslang so zu bleiben. Bzw. zu bleibén, weil es eben nicht bleibn heißt. B…l…a….i…b…e…n. Sprechen Sie das mal aus, wir reden hier gerade dauernd so, das ist interessant. Da ist ein A drin, und wenn man auf diese Art Mais auf einen Einkaufszettel schreibt, dann schreibt man das richtig. Aber Reis nicht. So schwer!

Man hört die Wörter wieder neu, man macht sie nackt und stellt sie bloß in ihren Silben, man vergrößert sie und pustet sie auf, man gibt ihnen Laute, die ihnen niemand mehr anhört. Sagen Sie mal Schlange, so ganz normal – da hört man das G gar nicht. Und wenn man darauf achtet, dann ist zumindest bei uns Norddeutschen der Laut nicht zu hören, den man macht, wenn man Schlan-ge sagt, ganz langsam, sehr betont, mit lustvollem G. Das akzentuierte G ist im Mund viel weiter vorne als der beiläufig reduzierte Konsonant in der Mitte der schnell gesprochenen Schlange. Faszinierend! Hört man da übrigens, bei diesem “faszinierend”, dass das erste I kein E nach sich zieht, das zweite aber schon? Fasziiiiiniiii… Man kaut auf der Sprache herum, man spuckt Konsonanten, man lässt Vokale aus dem Mund laufen und überall hängen Silben in der Luft. In der Lu-f-t.

Sohn II hat währenddessen seine Vorliebe für das Beatboxen entdeckt, er übt unentwegt an allen Geräuschen, die sich mit dem Mund nur machen lassen, und das sind viele. Und da er schon seit Wochen übt, kann er das verdammt gut. Nicht gut im Sinne des Beatboxings, gut eher im Sinne einer eigenen Klicksprache, wie man sie aus Afrika kennt, Wobei Sohn II die stimmlichen Laute und die Klicks nicht mischt, sondern sie hinten an die Wörter hängt. Er sagt also, wenn er etwas bekommt, nicht danke, er sagt etwas, das klingt wie danketskpfftk. Wenn man das ganz langsam und deutlich spricht und versucht, jeden Konsonanten mitzunehmen, kann man ahnen, wie es bei ihm klingt. Nicht wie ein Geräuschbrei, eher tatsächlich wie eine entwickelte Sprache. Er hat verschiedene Sounds für verschiedene Stimmungen, er klickt oder beatboxt sogar abends im Bett, bis er eingeschlafen ist. Ein wenig klingt das nach einem schmatzenden Meerschwein, manchmal aber auch nach einem ganz, ganz leisen Rhythmusgerät. Wenn Sohn I ein Wort lautiert, um zu verstehen, wie es geschrieben wird, hört Sohn II zu. Wenn Sohn I “lobt” sagt, dann muss er die Endkonsonanten aufdröseln, das macht er durch langsames Sprechen:”lo-b-t.” Dann kann er es schreiben. Während er schreibt, greift Sohn II die Endkonsonanten auf, b-t, b-t, b-t, sie werden immer schneller, sie werden irre schnell, sie bekommen einen Rhythmus, einen Beat. Währenddessen hat Sohn I geschrieben und liest noch einmal, er fängt mit einem langgezogenen looooooo an, das ist eingerahmt vom unentwegten btbtbtbtbtbtbtbt seines Bruders. Das geschriebene Wort wird mir gezeigt, gemeinsam überlegen wir, ob da ein B oder doch ein P klingt, wir sprechen das laut und überzogen, das macht einen Heidenspaß. Und weil Reime hier auch gerade in Mode sind, wird aus dem einen buchstabierten Wort schnell ein fix gedichtetes “Wer toooobt, wird geloooobt”, das man unendlich oft wiederholen kann, weil es so toll klingt. Der Jandl fällt einem ein, Schtzngrrm, kennen Sie das? Kein Gedicht für Kinder, das sicher nicht. Aber doch nah am Thema.

 

Wobei auch Ottos Mops nicht weit von den Sprachspielereien hier entfernt ist. Und absolut kinderkompatibel.

Sohn I geht gelassen damit um, dass er nicht jedes Wort richtig schreibt, er scheint das nicht als umwerfenden Misserfolg zu betrachten, das lernt man eben irgendwann. Er schreibt “Schips” auf den Einkaufszettel und sieht im Laden, dass da “Chips” steht. Aber das macht gar nichts, das Wort ist wieder englisch und damit ist das schon geklärt, das kann er ja nicht wissen. Die spinnen, die Briten, das reicht als Erklärung. Die Buta schreibt sich Butter, na ja, das kann man später genau lernen. Gekauft wird jedenfalls das richtige Produkt, man soll den Erfolg nicht unterschätzen, der liegt auf der Hand oder eben im Einkaufswagen.

Ansonsten steigert hier die Medienerziehung die Motivation, und zwar erheblich. Wir schreiben alle plötzlich mehr mit der Hand, weil sich hier alles um die Schrift dreht, aber es gibt auch noch eine ganz andere Welt, da tippt man die Buchstaben. Der Sohn möchte in den Legoladen gehen, dann soll er es bitte im Familienkalender auf dem iPad notieren, sonst vergisst man das doch so schnell. Und wenn Sohn I wissen möchte, welche ferngesteuerten Autos es gibt, dann muss er das eben in einer Suchmaschine eingeben und sich die Ergebnisse ansehen. Da bastelt er sich also “ferngesteuert” zurecht, das ist mühsam, sehr mühsam, aber da hat er ein Ziel, denn es ist bald Weihnachten und er hat einen Wunschzettel. Motivation ist alles, das klappt schon. Heißt es Auto oder Audo? Und dann, Papa, guck mal! Das ist ein irrer Effekt, die Software schlägt ja Wortschreibungen vor! Und da steht auch schon Auto. Ha! So geht das also, so kommt man weiter, so sieht man, was man schreiben wollte, plötzlich glasklar vor sich, das ist aber mal interessant. Das geht auch auf dem Handy, er tippt einen Buchstaben und schon schlägt das Handy ein Wort vor, wie toll ist das denn? Es reißt ihn mit und er nimmt einfach irgendeinen Vorschlag an, immer wieder und wieder, er schreibt einen ganzen Satz auf diese Art, da steht: “Die Frage nach den Fragen der Frage ist die Sonne der Perspektive.”

Das ist einfach nur irgendein Unsinn aus der Rechtschreibkorrektur, nichts davon hat das Kind gemeint oder gedacht, das ist nur Zufall, das ist irres Getippe. Oder aber irgendein Geschwurbel aus dem dritten Semester Philosophie, wer weiß. Wir bewahren den Satz besser auf, vielleicht braucht man ihn noch einmal.

Was ich sagen wollte: Lesenlernen läuft.

 

22 comments

  1. Tulpentopf

    Kommt mir doch alles sehr bekannt vor, auch wenn die Kinder bei uns nach der Uraltmethode Lesen und Schreiben lernen.
    Durchs Leben mogeln kann man sich damit echt gut.
    Dumm nur, wenn es dann Zensuren auf die Rechtschreibung gibt und jeder falsch Buchstabe selbige versaut.

    Einen ABC-Schützen im Haushalt zu haben hat allerdings auch einen hübschen Erziehungseffekt auf die Erwachsenen: Es wir d wieder mehr auf korrekte Groß- und Kleinschreibung geachtet, sobald das findige Kind einem über die Schulter schauen oder das Geschriebene später in die Finger bekommen könnte.

  2. Petra

    Der gute alte Jandl…
    Den Schtzngrmm hat mein Großer damals in der jährlichen Schulaufführung vor jubelndem Publikum vorgetragen. Kurzfristig gab es dann den Berufswunsch „Nachrichtensprecher/Moderator“
    Die Fortschritte von Sohn I lassen vermuten, dass er etwa zu Weihnachten zum Familienvorleser avanciert.

  3. FeathersMcGraw

    So lerne ich auch grade Japanisch lesen. Wobei ich den nachteil habe die Worte auch nicht zu kennen die ich da buchstabierend zu entziffern versuche. Aber das Lesen als Kind hab ich auch mit Comics gemacht, mit lustigen Taschenbuechern sogar. Beruhigend dass das alles immernoch irgendwie genauso geht.

  4. Cloud

    Ein sehr hübscher Einblick in die Welt des Lesenlerners – mal sehen, wie es in einem Jahr um diese Zeit durch unsere Wohnung klingt und lautmalert.
    Zum Thema Tippfehler noch ein Tipp :)
    Den Text rückwärts Wort für Wort anschauen hilft beim Fehler aufspüren.

  5. Frische Brise

    Sehr, sehr toll!!! Ich habe besonders deutlich mitgelesen.

    Hab neulich eine Anlauttabelle gefunden. Die Tochter kennt sie nicht, obwohl sie auch nach der Schreiben-wie-sprechen-Methode gelernt hat. Selbst da gibt es anscheinend Unterschiede.

    Und jetzt, im 2. Schuljahr, ist auch ihre Rechtschreibung schon nahezu tiptop. Läuft, würde ich sagen 😉

  6. Natalie S.

    Ich hab mir im Austauschjahr in Norwegen die Sprache auch mittels Kinderbücher, Comics und untertitelten Derrick-Folgen angeeignet. 😉 Beim Herrn Fastfünf ist nach dem Zählenlernen gerade die Buchstabierphase dran – will sagen, er lässt sich alles vorbuchstabieren. „Mit welchem Buchstaben fängt Lastwagen an?“ – „Mit L wie Laterne!“ – „Oder Auto! Was wäre Auto mit L?“ – „Lauto!“ Großes Gekichere. Aber auch das muss ja irgendwie gelernt werden. Nur dass „Essen“ nicht mit „S“ anfängt, das glaubt er absolut verständlicherweise nicht.

  7. percanta

    Das Schwa löst Nuno teilweise mit dem vorherigen Buchstaben.
    GRÜSH
    beispielsweise, das H (nicht Haaa, H) kann man gar nicht so hauchen, das kein kleines Schwa dabei wäre. Voilà, das hat er genau gebraucht.
    Und neben DAIN oder DEIN kann man es auch mal mit DHJN versuchen. Sieht fremd aus, aber klingt doch ganz überzeugend.

  8. gwendolynkucharsky

    Sehr spannend, der Schriftspracherwerb! Hatten wir letztes Jahr. Es ist fast so schön wie der Spracherwerb :). Jetzt, im zweiten Schuljahr, trotz böööser Anlauttabelle, klappt die Rechtschreibung schon ziemlich gut. Unvergessen: „Was passiert, wenn sich die Kinder nicht an die Regeln halten?“ – „Krigt man erga“. Und das „Kotwort“ *seufz*.

  9. Charles

    Schön, das so in Worte gefasst zu lesen.
    Unser Sohn I ist auch gerade in der Phase. Schon irre, wie schwierig es ist und andererseits, was für tolle Worte entstehen.
    Das geschriebene Wort sieht zum Gruseln aus, aber wenn man es liest, versteht man alles. Reicht doch! (fürs erste zumindest).

    Wenn Reime geliebt werden, wird Sohn I auch das Sams lieben lernen!..

  10. lichterspiele

    Wie wirkt sich denn das Lesenlernen des Sohns auf den Dialektgebrauch des restlichen (vornehmlich erwachsenen) Haushaltes aus? Der steht der ordendlichen Rechtschreibung bei den Anlautschreiben eher im Weg, oder?

  11. Micha

    Das hast du mal wieder so schön in Worte eingefangen bekommen – ich hatte das Gefühl, auf dem Sofa mitten unter den Buddenbohms zu sitzen und zuzugucken, wie Schreiben geübt wird. Merci, Maximillian.

    Als Randbemerkung angehängt: dieser Tage sah ich eine Doku über, hach, wie heißt er wieder, genau *Eminem*. Keine Ahnung, wie ich dazu kam. Auf jeden Fall faszinierte mich als Schnipsel aus seiner Lebensgeschichte, dass zuhause von Kindheit an sehr viel gereimt wurde – was noch auf seine (Ur)Großeltern (?) zurück ging, die das wiederum von den Sklaven aus Afrika übernommen hatten, mit denen sie sich zusammen auf den Baumwollfeldern derart die Zeit während der eintönigen Arbeit vertrieben… Das macht Sprache zum Spiel…

  12. Jan

    Erinnert mich sehr an die mediävistischen Anfänge im Germanistikstudium. Da versteht man oft erst, was da steht, wenn man es laut liest und dabei noch richtig ausspricht. Hat aber den Vorteil, dass man nach der Tortur wirklich jede erdenkliche Vokal- oder Konsonantenkombination flüssig lesen kann. :-)
    Die Idee mit Google und dem Weihnachtswunschzettel gefällt. Super Einfall!

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