Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im September

Gelesen

Erwin Strittmatter: Tinko. Darüber habe ich hier schon geschrieben.

Françoise Sagan: Ein gewisses Lächeln. Deutsch von Helga Treichl. Schon vor einiger Zeit begonnen, jetzt erst durchgelesen. Eine junge Frau betrügt ihren jungen Freund mit einem älteren Mann, der dabei wiederum seine Ehefrau betrügt, die eine Freundin der Frau ist, also eine ganz normale Geschichte. Eine ganz normale Geschichte mit wunderbar klaren Schilderungen des Hin und Hers der Gefühle. Ein wenig hoffnungslos, ein wenig bitter, ein wenig unterkühlt – und sehr, sehr verständlich. Man kann sich beim Lesen gut vorstellen, wie sie einem das Buch erzählt, die Sagan, mit leiser Stimme und betont deutlicher Aussprache. Man hört ihr den Bildungsstatus an, auch wenn sie damit nicht kokettiert. Sie sitzt in einem Pariser Café und erzählt diese kleine, einfache Liebesgeschichte, man hört ihr zu und wundert sich, wie jemand so klar erzählen kann, so reflektiert, klar und schön. Man kann sich gut vorstellen, sich ein wenig in sie zu verlieben, während sie so erzählt, und natürlich verliebte man sich völlig sinnlos und ohne jede Aussicht. Sie trinkt zwischendurch Wein, sie wird aber nicht betrunken, sie raucht, und es gehört so. Sie beendet die Geschichte mit einem Gesichtsausdruck, den man nicht deuten kann, sie sieht einen an und sagt, “So war es” und man hat eine ganz kurze Gelegenheit, etwas wahnsinnig Kluges anzumerken, etwas Kluges, das einem natürlich nicht einfällt, man ist eben nicht Sartre, was soll man machen. Sie sieht einen an und sie verabschiedet sich freundlich. Man sieht ihr die Enttäuschung nicht an, aber man fühlt sie. Sie zahlt und geht, als hätte sie es gleich gewusst. Wozu erzählt sie Fremden Geschichten? Wenn sie das nur wüsste.

So ein Buch ist das.

Pia Ziefle: Länger als sonst ist nicht für immer.

Yeah.

Das ist natürlich ein hervorragendes Buch, wie es bei der Autorin nicht anders zu erwarten war, das wird aber in Kürze zu einem separaten Blogeintrag verarbeitet. Ehre, wem Ehre gebührt. Kaufen könnten Sie es dennoch schon einmal, versteht sich.

Wilhelm Müller: Gedichte. Damit habe ich zwar gerechnet, aber ich wollte es doch einmal bestätigt haben – die Gedichte funktonieren nicht ohne Schubert. Und zwar so überhaupt nicht.

Vorgelesen

Aleksandra Mizielinski und Daniel Mizielinski: Alle Welt. Aus dem Polnischen von Thomas Weiler. Hier beim Verlag kann man eine Leseprobe ansehen, dann versteht man gleich – das ist gar kein Vorlesebuch. Das ist ein Staun- und Betrachtungsbuch für die ganze Familie, ein Fingerreiseführer, ein prächtiges Bilderbuch und eine Einladung für Eltern, zu erzählen, zu erklären, zu erinnern. Das Buch kann ich als Geschenk für Kinder wirklich empfehlen. Es zielt ungefähr auf das Vorschulalter, etwas darüber und darunter macht aber überhaupt nichts.

Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte. Das klingt natürlich nach fortgeschrittenem Bildungsbürgertum, einem Siebenjährigen Goethe vorzulesen, aber keine Angst, ich kann alles erklären. Es ging nämlich nur um die Reime, die Sohn I gerade faszinieren und beschäftigen. Reime werden gesucht und gefunden, zu Liedern verarbeitet und umgebaut, verschoben, verbogen und versaubeutelt. “Reimt sich reimt sich auf schleimt sich”, das ist ein Satz von ihm, so etwas merkt man sich dann. Und wie sind nun aber “ganz richtige” Gedichte? Da wollte er gerne mehr von hören. Also habe ich den Goethe irgendwo aufgeschlagen und vorgelesen, sowohl die leicht verständlichen Sachen wie den Zauberlehrling als auch einfach irgendwas, es gibt ja ein paar mehr Gedichte von ihm. Wir haben uns darauf geeinigt, dass man den Sinn gar nicht immer verstehen muss, vielleicht auch nicht immer verstehen kann, so ein Gedicht aber dennoch schön sein kann – oder vielleicht nicht einmal schön, aber dennoch beeindruckend gereimt. Und das ist auch was wert, findet Sohn I. Wir haben über “Ein Gleiches” gesprochen, das war ihm dann doch etwas rätselhaft, dass dieses Gedicht so bekannt ist. An eine Holzwand hat er das geschrieben, der Goethe? Das ist cool, keine Frage. Aber ein besonders gutes Gedicht? So ein kurzes? Echt jetzt? Na, obwohl es schon schön ist, doch, doch, das klingt irgendwie – schon ziemlich gut. Aber warum? Lies noch einmal, Papa.

Demnächst dann die deutschen Balladenklassiker, die ganzen Kracher und Gassenhauer, den ganzen Endreimzauber. Der Ritt über den Bodensee, Die Brück’ am Tay, John Maynard und Konsorten. Das wird schön. Alles an Bord bringen, bevor die Schule es versaut. Oder versaut sie es heute gar nicht mehr? Ich weiß es nicht. Meine Mutter hat mir als Kind Balladen vorgelesen, ich habe es geliebt. “Oh schaurig ists übers Moor zu gehen, wenn es wimmelt vom Heiderauche” – so etwas ist mir bis heute geblieben. Einen Versuch ist es doch wert.

Gesehen

Eine halbe Dokumentation auf arte über emanzipierte Wikingerfrauen. Auf arte könnte man wohl öfter etwas sehen, aber man kommt ja zu nix.

 Gespielt

Nach den Kindergeburtstagen gab es hier einiges aufzubauen, unter anderem auch etwas von Fischertechnik. Die Bausätze entwickeln sich zu einer Spezialität von Sohn II, der anscheinend technisch und mathematisch begabt ist, es gibt eben in jeder Familie merkwürdige Vögel. Ich finde Fischertechnik toll, das Zeug wird irgendwie immer noch unterschätzt. Neu in diesem Haushalt war auch etwas von Lego Technic, das gab es bisher noch gar nicht. Das waren nur ganz kleine Kästen, aber da kann ich doch schon ahnen, wie viele Stunden bald mit den größeren Exemplaren zu verbringen sind. Ja, ja, die langen Winterabende.

Eine Carrerabahn oder, wie die Kinder sagen, eine Karrierabahn, habe ich als Kind nicht gehabt. Die habe ich damals nur bei anderen Kindern mal gesehen und nie richtig spannend gefunden. Da fahren Autos immer im Kreis, na und? Das beschreibt bis heute mein Verhältnis zur Formel 1 ziemlich präzise. Egal, die Söhne sind jetzt jedenfalls begeistert. Wobei es etwas laut und nervtötend ist, wenn die Carrerabahn zu dicht am Schreibtisch steht, da könnte man auch gleich an der Leitplanke einer Autobahn arbeiten.

Von der oben erwähnten Frau Ziefle haben die Söhne Story Cubes geschenkt bekommen, das ist ein ganz außerordentlich feines Spielzeug, pädagogisch wertvoll, literarisch anwendbar, geistig herausfordernd und alles. Da würfelt man, besieht sich die Bildchen auf den Würfeln und erzählt eine Geschichte dazu. Ganz einfach. Und die Söhne erzählen und erzählen, wild fabulierend, fernab aller Logik, sie durchbrechen Zeit und Raum und alles, was Geschichten aufhalten kann, es ist eine helle Freude. Da kann man, das ist kein Scherz, als Erzähler etwas lernen.

Mein Flughafen – Wunderwimmelbuch. Eine App von der Wonderkind GmbH, die sowieso ganz wunderbare Sachen machen. Gerade bei den Wimmelbuch-Apps sieht man deutliche Qualitätsunterschiede und man meint zumindest ahnen zu können, dass einige Entwickler wirklich Freude daran haben. Oder einfach Kindsköpfe sind, was natürlich als Kompliment zu verstehen ist. Dieses Wunderwimmelbuch macht übrigens auch Spaß, wenn man gar keine Kinder hat, längst erwachsen ist, Vielflieger und Businesskasper. Glaube ich jedenfalls. Hier bei iTunes.

Gehört

Immer wieder zurückgekommen zu Horace Silver, der wird besser, je mehr man hört. Die Sucht begann, ich erwähnte das schon einmal, mit dem Song for my father, aber man kann sich bei ihm auch ruhig weiter umhören, da sind sehr schöne Stücke dabei.

Dann des öfteren Byte.fm angemacht, den Sender hatte ich zwischenzeitlich ganz vergessen, er fiel mir erst durch einen Tweet von Markus Trapp wieder ein – vielen Dank für die Erinnerung. Auf Byte.fm macht Radiohören immerhin doch noch Spaß und man stößt tatsächlich mal auf neue Musik, der man sonst nie begegnet wäre. Man lernt etwas. Feine Sache.

Außerdem entdeckt: Dieses Video von The Peddlers, die überhaupt interessant sind, da lohnt auch die weitere Suche, auf Spotify findet man reichlich. Das hat doch was, die Musik. Hätte ich mal damals auf der Hammond-Orgel bloß weiter geübt!

Element of Crime haben ein neues Album, “Lieblingsfarben und Tiere”. Das bringt weder besonders neue Musik noch neue Ansätze, das klingt genau wie die letzten Alben auch klangen – und das ist auch gut so. EoC hat für mich EoC zu sein, ich habe manchmal das Gefühl, ohne ihre Musik würde ich überhaupt nie in Schreibstimmung kommen. Das Titellied entält den Begriff “Schwachstromsignalübertragungsweg”, das muss man auch mal ausdrücklich anerkennen. Das können nicht alle, so etwas souverän in Texten zu verbauen, das kann sonst vielleicht nur noch die Erdmöbel-Truppe, bei denen kommt immerhin in einem Song der Hauhechel-Bläuling vor, das ist auch groß. Und bei EoC ist es wie immer, beim ersten Hören denkt man na ja, beim zweiten Hören wird es schon besser und beim zehnten Hören gehört es schon zum Leben wie die Raufaser an der Wand, nur viel, viel geliebter.

Schubert/Müller/Brendel/Goerne: Winterreise. Also die Winterreise in der Version von Matthias Goerne mit Alfred Brendel am Klavier, die gefällt mir gerade am besten von den zahllosen Aufnahmen, die man finden kann. Und auch “Die schöne Müllerin”, im Grunde hänge ich da aber nur an zwei, drei Liedern aus den Zyklen fest und höre sie in Endlosschleife. “Des Baches Wiegenlied”, das löst bei mir gerade Instant-Entstressung aus, “Heran, heran, was wiegen kann” das schaukelt das Nervensystem so sanft auf ein angenehmeres Erregnungsniveau. “Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus”, das ist, als würde man sich Melancholie intravenös in den Arm jagen, da reicht ein Schuss gleich für drei Stunden Herbstseligkeit. Wenn die Familie nicht da ist, singe ich das sogar sehr bemüht mit, das muss grauenvoll sein. Aber ich höre es ja nicht, ich habe Kopfhörer auf. Hihi.

Neben Goerne sind auch die Aufnahmen von Richard Tauber faszinierend, der stets so singt, als könne er gerne auch lauter, wenn jemand dahinten vielleicht etwas nicht verstehen sollte? Immer denkt man, selbst an den lautesten Stellen, der hat doch noch Reserven. Er hat eine dermaßen lässige Gentleman-Eleganz in der Stimme, das hat wohl niemand so wiederholt. Oder doch? Was weiß ich, ich kenne mich da so überhaupt nicht aus, ich bin Banause durch und durch.

Eva Cassidy: Die Dame kannte ich überhaupt nicht, bis Herr Korten sie auf Facebook verlinkte. Es ist etwas niederschmetternd, ihren Lebenslauf zu lesen und es rührt umso mehr, ihre Aufnahme von Falling Leaves zu hören. Das ist sehr, sehr schön, wie sie das singt.

 

 

4 comments

  1. Micha

    In traurig-schöner Stimmung nach *Falling Leaves*…

    Und das mit dem Vorlesen von den Gedichten und Balladen finde ich ganz wunderbar. Da vertraue ich auf das *gute* Ultralangzeitgedächtnis. Also ich würde gerne dabei sitzen…

  2. Vincent Simon

    …Sie machen das irgendwie so, dass man auch ganz schnell fortgeschrittener Bildungsbürger sein möchte, so wie Sohn I.

  3. lihabiboun

    Ach, ich komme dann bitte auch und krieg vorgelesen und werd Bildungsbürgerin zusammen mit Sohn I und fabuliere über den Wörterwürfelchen. Nein, was für ein TOLLER Vater Sie sind!!!

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