Die Rubrik “Hochgucken” wurde hier sträflich vernachlässigt, das muss sich wieder ändern. Es ging, das erkläre ich für die Neuzugestiegenen kurz noch einmal, um Beobachtungen von Szenen, die man sonst verpasst, wenn man auf sein Handy sieht. Die ersten Texte dazu finden sich hier. Ich habe das zunächst mit gezählten Tagen betitelt, das war aber keine sehr gute Idee, das setze ich jetzt lieber mit ganz normalen Überschriften fort.

Die Rubrik lag etwas brach, weil es Sommer war und ich im Sommer wenig S-Bahn fahre, denn ich gehe zu Fuß nur zwanzig Minuten bis zur Arbeit. Und wenn ich doch einmal gefahren bin, habe ich nichts gesehen. Also natürlich habe ich irgendwas gesehen, aber, wie Frau Gminggmangg sagen würde, ohne jedes Bemerknis, daher also auch ohne Blogartikel hinterher. Oder ich habe doch einmal etwas gesehen, kam dann aber tagelang nicht zum Schreiben und dann war es mir irgendwann zu lange her. Ich schreibe ja gerne fangfrisch. Jedenfalls im Blog. Da mir die Rubrik aber doch gut gefällt, werde ich mir mit ihr wieder mehr Mühe geben und jetzt auch Situationen aufnehmen, die nicht in der S-Bahn stattfinden. Nicht auf das Handy gucken kann man überall, sagt man. Also zumindest ab und zu, wir wollen nicht übertreiben. Und dann sieht man schon irgendwas. Wie die Szene hier, die sich in der letzten Woche vor dem Hamburger Hauptbahnhof abspielte.

Vor dem Hamburger Hauptbahnhof, auf der Seite nach St. Georg hin, liegt ein Platz, auf dem nichts ist. Auf der einen Hälfte des Platzes stehen Taxis, auf der anderen ist gar nichts. Da stehen Touristen und entblättern ratlos Faltpläne oder fotografieren den Bahnhof, da sitzen ein paar Obdachlose, leeren Bierflaschen und rauchen gesammelte Kippen, da strömen Menschen mit schnellen Schritten nach Sant Georg oder von Sankt Georg zum Hauptbahnhof. Auf der anderen Straßenseite der angrenzenden Kirchenallee ist das Schauspielhaus, da wollen auch viele hin, wenn die Tageszeit passt.

Sie passt aber nicht, es ist erst drei Uhr am Nachmittag, da gibt es noch keine Vorstellung. Zumindest nicht im Theater, denn auf dem Platz ist dann doch eine Vorstellung, und was für eine. Eine Vorstellung mit nur einer Person, die allerdings spielt, als ginge es um ihr Leben. Eine ältere Dame ist das, Wirrnis im Blick, verrutschte Kleidung, der Gesamtzustand etwas desolat. Die Bluse hängt aus der Hose. Es ist aber keine schlechte Bluse, die Frau ist nicht heruntergekommen. Ihre Haare sind zerwühlt, man sieht aber noch, sie hat durchaus eine Frisur. Vermutlich also keine Obdachlose, sicher aber eine Frau abseits der Normalität, denn sie spricht vor sich hin, ziemlich laut sogar. Eigentlich sollte man eher sagen: Sie deklamiert. Sie deklamiert einen Text, von dem man im Vorübergehen nicht alles verstehen kann, nur einige Sätze werden deutlich, es sind die Sätze, die immer wieder lauter als die anderen gesprochen werden, wobei sie die Hände ringt. Das ist ein fast ausgestorbener Ausdruck, man ringt heute nicht mehr die Hände, das ist aus der Mode gekommen. Die verwirrte Dame ringt aber ganz zweifellos die erhobenen Hände, in Sichtweite des Schauspielhauses tut sie das und bühnenreif sieht es aus.

Sie steht vor der Bushaltestelle des 6ers, der fährt in die Innenstadt. Ein Bus rollt gerade heran, da werden die beiden verständlichen Sätze lauter und lauter gesprochen, gerufen fast. Die Hände erheben sich zitternd zum Himmel, fahren immer wieder durch die ohnehin nach oben stehenden Haare, weisen auf den Bus. Ein dürrer Zeigefinger zielt auf die Wartenden an der Haltestelle und sie ruft mit bebender Stimme: “ES IST DER TOD! DER TOD IST IM BUS!”

Die Wartenden sehen sich um. Die Aussteigenden gehen auf die Dame zu, bleiben kurz vor ihr stehen. “STEIGT NICHT EIN! DER TOD IST IM BUS!” Die Dame krümmt sich, als würde ihr das Spezialwissen an den Gedärmen zerren, ein Arm schlingt sich um den Bauch, der andere fährt wieder hoch zum Himmel, kreist, sinkt nieder, bleibt auf halber Höhe und weist auf die Wartenden, die jetzt gerade zu Einsteigenden werden: “ES IST DER TOD!” Die Ausgestiegenen gehen kopfschüttelnd weiter, ein paar gehen links an ihr vorbei, ein paar gehen rechts an ihr vorbei.

Wenn es ein Hollywoodfilm wäre, man sähe jetzt die Gesichter der normalen Leute, die da einsteigen, lächelnd, plaudernd. Die Kamera würde die Busfenster entlang fahren, langsam, ganz langsam. Man sähe im Bus Mütter mit Kindern, Männer mit Zeitung, dämmernde Großmütter – und dann Jack Nicholson, satanisch grinsend und der irren Dame kameradschaftlich zuzwinkernd. In der Musik gäbe es in der Sekunde eine ganz leichte Disharmonie und man wüsste gleich, die nächsten zehn Minuten würden nicht alle überleben.

Wenn das ein schwedischer Film aus der freundlichen Ecke wäre, einer der Einsteigenden würde einen trockenen Scherz über die Frau machen, trocken aber gut, richtig gut. Die Dame, die vor dem Tod warnt, würde kurz darauf von ungeheuer freundlichen Pflegern abgeholt werden, abgeholt in ein Heim, in dem alle wahnsinnig nett wären und in dem lauter skurrile Typen leben würden, solche Typen, die für etliche kleine Geschichten gut wären. Einer der netten, aber insgeheim doch überforderten Pfleger würde sich in die etwas unscheinbare junge Frau verlieben, die ihre verwirrte Tante jeden Dienstag besucht, und darum würde es dann im Rest des Films eigentlich gehen und es ginge auch gut aus, natürlich doch.

Das ist hier aber kein Film, das ist Hamburger Wirklichkeit.Niemand achtet hier länger als eine Sekunde auf die Frau, hier gibt es genug Irre, die den ganzen Tag vor sich hin faseln, da kann man nicht jedem zuhören, wirklich nicht. Die Bustüren schließen sich, der Bus fährt ab. Die verwirrte Dame fährt sich durch die Haare, sieht zum Himmel, sie hat Tränen in den Augen, wischt sie weg. Sie schüttelt den Kopf, vielleicht fragt sie sich, wie viele sie noch verlieren soll, es hört ihr doch einfach keiner zu, sie kann machen, was sie will. Sie steht starr und guckt in den unverändert sommerlich friedlichen Himmel, an dem kein Wölkchen sich zu einem Zeichen formt, nein, ganz bestimmt nicht. Sie steht und guckt einfach nach oben, als würde sie auf etwas warten oder als würde sie im Blau oder im Flug der Tauben etwas sehen, was andere nicht sehen können. Sie steht und steht und sie guckt. Bis der nächste Bus kommt.

Dann hebt sie langsam ihren Zeigefinger.

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