Sätze aus der Kindheit

Ich habe hier gerade etwas gelesen über Sätze, die man in der Kindheit nie mochte und die man selbst nie sagen möchte und dann vielleicht doch versehentlich schon beim Nachwuchs angebracht hat. Da fällt mir sofort ein Satz ein, der mich heute noch aggressiv macht, so ein Satz, der für Instant-Missmut steht, für finsterste Laune.

Und der Satz ist verblüffenderweise überhaupt nicht schlimm. Er enthält keine abartige Drohung, er ist nicht abwertend oder übergriffig, er ist vollkommen harmlos. Ich kann ihn auch meiner Mutter nicht vorhalten, es war gar nicht verwerflich, diesen Satz zu sagen, immer wieder zu sagen, für mein Gefühl geradezu unendlich oft zu sagen, nein, es war wirklich keine schlimme Formulierung. Das Problem mit diesem Satz liegt ganz allein in meiner damaligen Aversion gegen die Schule begründet, auf die ich mich niemals so gefreut habe, wie es Sohn I heute tut.

Und deswegen war es mir zutiefst zuwider, wenn Tage mit dem immer gleichen Weckspruch meiner Mutter begannen, auf den sie nur in den Ferien verzichtete. In den Ferien, in denen man als Kind damals noch nicht in irgendeine Betreuung musste, sondern einfach tonnenweise freie Zeit hatte, ohne jede Aufsicht, “Los, geh spielen”. So viel freie Zeit, dass ganze Romane hinein passten. Romane, die man selbst erleben oder doch wenigstens stapelweise lesen konnte. Wenn man es recht bedenkt, besteht ein erheblicher Teil der Kinder- und Jugendliteratur aus Sommerferien, aus wochenlangen Gelegenheiten für alles, aus Tagen und Tagen und Tagen ohne jeden Termin. Das werden die Söhne in dem Ausmaß schwerlich erleben können, und das gehört übrigens zu den wenigen Umständen, die mir heute wirklich für die Kinder leid tun. Ferien werden sie nie so kennenlernen wie meine Generation. Aber so viel Urlaub, wie man nehmen müsste, um in allen Ferienwochen die Kinder zu Hause zu haben, wer könnte die nehmen, von Lehrern mal abgesehen? Wir sicher nicht.

Waren keine Ferien, begann damals jedenfalls jeder Tag für mich unweigerlich mit dem durch die Tür gerufenen Satz meiner Mutter: “Aufstehen, Schule gehen.” Und ich könnte immer noch spontan Kopfschmerzen bekommen, wenn ich nur an diesen Satz denke. Da kommt alles wieder hoch, die bleischwere Schulmorgenmüdigkeit der Teenie-Jahre, die komplett unverstanden gebliebene Vektorrechnung, die ungelösten Rätsel der lateinischen Grammatik, physikalische Formelketten aus der Hölle, lustlos geführte Endlosdebatten über Shakespeares “Is this a dagger which I see before me”, brechreizerregend endlos langweilige Brechtgedichtzergliederungen, Bundesjugendspiele im Regen, Lithium, Natrium, Kalium usw., was es da alles an Horror gab. “Aufstehen, Schule gehen”, und der Tag war im Eimer. So schnell ging das.

Im Moment wäre Sohn I allerdings sogar entzückt, wenn ich ihn mit diesem Satz wecken würde, er würde ganz begeistert aus dem Bett springen. Aber ich werde es sicher nicht tun.

 

11 comments

  1. Lina

    Ich denke, dass du an der falschen Stelle nach dem Grund für den Schmerz suchst. Sicher: die Worte sind „nicht schlimm“, aber zum einen hat Deine Mutter dich nicht „gesehen“. Hätte sie auf deinen Schulfrust empathisch reagiert, hätte sie sich sicherlich etwas anderes überlegt. Zum Anderen könnte der Schmerz auch noch seine Wurzeln darin haben, dass ihr erster Satz des Tages eine Floskel ist, in der es um Pflichterfüllung und das Funktionieren geht.

    Ich würde jedenfalls nie auf die Idee kommen meine Kinder so zu wecken. Ich drücke morgens meine Liebe und Freude aus, dass ich einen weiteren Tag mit meinen Kindern verbringen darf. Und das aufregende Abenteuer, einen weiteren Tag geschenkt bekommen zu haben 😉

  2. Mama notes

    Den Satz kenne ich auch, von meinem Vater. „Aufstehen! Schule gehen! 1 und 1 lernen!“
    Der Satz hat mich auch sehr genervt, spätestens ab der 2. Klasse.

  3. Silbertaler

    Bei uns hieß es auch „Aufstehen, du musst zur Schule!“
    Irgendwann bin ich dann alleine aufgestanden, ich glaube ab der 7. Klasse. Was dann zur Folge hatte, dass ich so manches Mal rennen musste, um noch den Schulbus zu bekommen… Oder doch gleich aufs Fahrrad, um annähernd pünktlich zu sein…

  4. dorothy_jane

    Ich hatte das übergroße Glück, dass mein Papa mich immer geweckt hat, sehr zärtlich und liebevoll mit seiner schwäbischen Koseform meines Namens und der Ergänzung „Es ist Zeit.“ Mehr nicht. Den Rest des Morgenrituals verbrachten wir schweigend und gemeinsam frühstückend.

    Mama hat hingegen war morgens zu laut und zu geschwätzig. Sehr anstrengend. – Den Satz, den meine Geschwister und ich übrigens alle nicht mehr hören können, lautet „Herbei herbei, gekocht ist der Brei.“ Immer und immer wieder zur Essenszeit, und die Intonation schmerzt heute noch. Brrr.

  5. mariong

    ja, genau, dieses Freiheitsgefühl, das sich bei einer Kindheit in den 70ern nicht auf die Sommerferien beschränkte, sondern generell galt, wenn man mittags nach dem essen die Haushaufgaben und sonstige Pflichten erfüllt hatte und die Ankündigung „ich geh raus“ mit „aber komm wieder rein, wenn es dunkel wird“ beantwortet wurde. Ohne Handy. Ohne Telefon. Ohne nähere Angaben. Dann ging ich, entschied erst unterwegs, welche Freundin ich suchen wollte, manchmal (meistens) waren schon ganz viele Kinder „draußen“ und da war das richtige Leben. So wie Bullerbü etwa. Oder eher wie „Rappelkiste“ oder „Uhlenbusch“.
    Das haben heute die Kinder nicht und sie vermissen es nicht, weil sie keine Ahnung davon haben. Es ist bestimmt spannend zu erforschen, inwiefern es uns Menschen verändert. Mir tut mein Kind öfter leid, weil ich es als mangel empfinde.
    In den Ferien gibt es Ferienspiele oder ähnliche BEtreuungen und da gehen die Kinder sehr gerne hin, schon alleine, weil das weniger langweilig ist als es bei den Eltern wäre, falls diese auch Urlaub haben könnten. Einfach „raus“ gehen funktioniert heutzutage bei uns schon deshalb nicht, weil man dann alleine wäre. In den 70ern war das bei uns auch deshalb spannend, weil die Mütter meistens um das Haus waren und fast jeder noch irgendeine Art von Hausgarten mit Tieren hatte, manche noch mehr oder weniger große Nebenerwerbslandwirtschaftsbetriebe hatten, da war immer irgendwo etwas los. Heute sind wir eine Schlafgemeinde für die große Stadt mit dem noch größeren Flughafen. Tagsüber könnte man eigentlich ein haus nach dem anderen aufbrechen, da ist sowieso niemand.

  6. Maz

    Ich wohne offenbar in einer Zeitfalte: in einer kleinen langweilige Stadt in Norddeutschland…: wie habe ich es gehasst, als ich meinem Mann hinterherzog, um jedes Wochenende schnell wieder in die Großstadt flüchten zu können. Jetzt kann ich das Glück kaum fassen, dass mein Kind hier doch/immer einfach noch auf die Straße rennen kann, sich die Kinder finden und spielen bis es Abendbrot gibt – nicht einmal zwangsläufig in der eigenen Familie. Gewachsene Strukturen mit „echten“ Gärten, nicht groß, aber nicht nur als Abstandsgrün gedacht, dafür mit Muckelecken. Autofahrer die sich manchmal fast zu schämen scheinen, das Spiel der Kinder auf der Straße kurz zu unterbrechen. Andere Eltern, die einfach „laufenlassen“…Danke, Schicksal!

  7. Lily

    „Auf zu Gott mit Pinsel und Pott, der Himmel wird lackiert…“ Mir kommt heute noch die Mordlust hoch. Schlimmer nur: „Raus aus Metz, Paris ist größer!“, was nur ungerächt blieb, weil die Oma den Spruch raussprudelte, jeden Morgen mit enervierender Fröhlichkeit. Lang verdrängt. Nie vergessen, immer gehasst.

  8. Paula

    Ja, die Ferien früher, ein Traum von Freiheit. Ähnliches habe ich nur im Urlaub auf Campingplätzen erlebt, wenn die Kinder den ganzen Tag lang frei auf dem Platz herumstromern konnten. Natürlich nicht gerade spannend für die Eltern.

  9. Anja

    Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wie ich früher geweckt wurde. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter am Wochenende die nervige Angewohnheit hatte mich zu wecken und mir sofort zu erzählen, was denn an diesem Tag alles zu erledigen war. Da war ich im Halbschlaf schon bedient und hatte spontan schlechte Laune. Also noch schlechtere Laune, als es Teenies ohnehin normalerweise schon haben.
    Was die Ferien betrifft – wir haben das dieses Jahr ausprobiert. Die Kinder sind 9 und 11 und durften tagsüber einfach alleine zu Hause bleiben, während wir arbeiten waren. Sie hatten freie Zeit, haben selbst entschieden ob sie zu Hause rumhängen oder ins Freibad gehen. Das hat prima geklappt. Kann ich nur empfehlen.

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