Es folgt ein Gastbeitrag von Patricia Cammarata. Die kennen Sie entweder von ihrem eigenen Blog oder von ihrem letzten Artikel bei mir – nämlich hier. Sie schreibt eine Reihe, in der es darum geht, was sich für Erwachsene durch Kinder ändert. Jetzt ihr neuer Text:

Ich sitze in einem Meeting und langweile mich ein bisschen. Neben mir sitzt eine Frau in einem schwarzen Kostüm. Sie trägt dazu eine weiße, gebügelte Bluse. Ich schaue auf ihre rechte Hand und finde einen Ehering. Sie hat ungefähr mein Alter. Bestimmt hat sie Kinder. Sehr brave, unkomplizierte Kinder? Sonst fände sie nicht Zeit ihre Blusen zu bügeln. Oder sie verdient gut. Dann gibt sie ihre Blusen in die Reinigung. Das kostet pro Bluse um die sieben Euro. Das ist eine Menge Geld. Aber Blusen werden immer handgebügelt – im Gegensatz zu Männerhemden – die werden auf eine Puppe gezogen und von unten trocken und glatt gepustet. Weil das halbautomatisiert ist, kann man Hemden schon für unter zwei Euro waschen und bügeln lassen.

Ich schaue auf ihren Blazer. Makellos schwarz. Also schwarz schwarz. Ich schaue auf meinen Blazer. Er ist auch schwarz. Mit Mustern. Wohlwollend könnte man sagen „meliert“. Er ist wirklich mehliert. Das ursprüngliche Wort „meliert“ kommt aus dem Französischen von „Melange“ und bedeutet gemischt, aus verschiedenfarbigen Fasern gemischt. Mein Blazer hingegen hat Mehlflecken. Viele kleine, glücklicherweise mehr oder minder regelmäßige Flecken. Würde die Dame neben mir mein Blazermuster näher betrachten, dann würde sie Abdrücke kleiner Fingerkuppen entdecken. Heute Morgen ging es nämlich heiß zu. Ich hatte vergessen Brot einzukaufen und deswegen habe ich schnell Waffeln zum Frühstück gebacken. Ich bin extra um 6 Uhr aufgestanden, damit mir die Kinder nicht helfen. Aber ich war offenbar zu laut, denn zehn Minuten später standen zwei enthusiastische Kinder in der Küche und unterstützten mich bei der Mehlzerstäubung. NATÜRLICH hatte ich meinen Blazer um 6.10 Uhr nicht an. Wir aßen, putzen uns die Zähne und zogen uns an. Ich ziehe mich grundsätzlich ca. 20 Millisekunden bevor wir das Haus verlassen an. Die Kinder standen schon im Flur und ich wollte die Tür schließen, als dem Jüngsten einfiel, dass es dringend nochmal Pipi müsse. Wir warteten geduldig. Überraschenderweise kam das Kind dann mit einer überzähligen Waffel wieder aus der Wohnung zurück. Ehe ich eine Schutzdecke über das Kind werfen konnte, reichte es mir die Waffel: „Für disch, wenn du Hunger hast, Mami“

Ich versuchte Abstand zu wahren und streckte ihm mit spitzen Fingern meine mit einem Taschentuch geschützt Hand entgegen, um die Waffel entgegen zu nehmen und in meiner Handtasche verschwinden zu lassen. „Isch will disch küssen!“, sagte das Kind und machte einen Schritt auf mich zu. Ja und was soll man da machen? Bussi, Bussi rufen, auf dem Absatz kehrt machen und das Treppenhaus runter laufen? Ich habe natürlich versucht das Kind nur mit den Lippen zu berühren, aber es erwischte mich am Kragen, zog mich mit den Patschehändchen ran und umarmte mich. Als wir uns wieder voneinander lösten, war ich ein schwarz-weiß gefleckter Mehl-Leopard (Mehlopard). Ich klopfte, rubbelte und strich den Stoff aus, aber das Mehl war am Ende immer noch zu sehen. Lediglich besser verteilt.

Ich kenne das. Das ist immer so. Ich habe IMMER Flecken. Immer. Ich kann tun was ich will.

Mir hat vor der Geburt der Kinder niemand gesagt, dass das so ist. Postnatal habe ich viele Kleidungsphasen durchschritten. Vor der Schwangerschaft habe ich ungefähr 50% meines Einkommens für Kleidung ausgegeben. Ich besaß die prächtigsten Kleider. Ich besaß Anzüge in allen Farben des Regenbogens. Sogar weiße. Blusen! Geblümte! Gepunktete! Gestreifte! Zu jedem Outfit das passende Handtäschchen und die wunderschönsten Schuhe.

Dann gebar ich ein Kind. Ein Kind der Kategorie „Spuckkind“. Das sind Kinder, die Unmengen Milch erbrechen. Ich habe das nicht empirisch belegen können, aber ich bin der festen Überzeugung, dass sie mehr Milch spucken als sie trinken können. Ich stillte das Kind, klopfte den Rücken, es spuckte Milch. Ich bewegte das Kind, es spuckte Milch. Ich schaute das Kind an, es lächelte und spuckte Milch. Ich setzte mir das Kind auf die Schulter, es spuckte mir glucksend Milch in die Haare. Ich hatte immer Milchflecken. Ich zog also nur noch die ältesten und ausgeleiertsten Klamotten an. Übergangsweise. Ich hatte Hoffnung, dass es mit dem Breizufüttern besser würde. Es wurde nur bunter. Orange, grün, mischkostfarben.

Nach 18 Monaten hatte ich es satt, immer in Sackleinen rumzulaufen. Ich zog wieder hübschere wenngleich gut zu reinigende Kleidung an und fand mich mit den Flecken ab.

Das ist mein Kompromiss. Ich sehe einigermaßen gut gekleidet aus, aber ich bin immer fleckig. Seitdem schaue ich mir andere Eltern immer ganz genau an und habe erkannt, dass die meisten Menschen mit Kindern eigentlich genauso aussehen wie ich. Sie tragen ihre Flecken mit Würde. Nur eine sehr kleine Gruppe von Eltern ist perfekt und SAUBER gekleidet. Ob die einen Trick haben oder ob sie einfach nur Eltern sind, die nur getrennt durch eine Glasscheibe an ihren Kindern teilhaben (immerhin könnte man durch eine Glasscheibe mit winzigen Löchern noch vorlesen, Gute Nacht Lieder singen oder Kasperletheater spielen) – ich weiß es nicht. Ich denke, es wird mir immer ein Geheimnis bleiben.

Und wenn der Fleck mal zu groß ist, einfach schnell ein Kotztierchen drauf machen.

Fleckige Grüße

Patricia

Patricia Cammarata ist IT-Projektleiterin, Psychologin und Mutter. Seit Mai 2004 bloggt sie unter dem Pseudonym dasnuf. In ihrem Blog erzählt sie einer langen Familientradition folgend gerne Geschichten. Es fehlt ihr gelegentlich an Ernsthaftigkeit, aber so ist das eben, wenn man morgens gemeinsam mit den Kindern Clowns frühstückt.

%d Bloggern gefällt das: