Obwohl wir sehr nah an der Hamburger Innenstadt wohnen, also nah an den großen Einkaufsstraßen, sind wir da ziemlich selten. Mir ist es dort zu voll und zu wuselig, ich gehe auch nicht gerne zum Shopping, ich gehe überhaupt nicht gerne in große Geschäfte, schon gar nicht in Bekleidungsgeschäfte. Heute war ich dennoch kurz in der Spitalerstraße, ich war da mit der Herzdame verabredet. Natürlich war es besonders voll, es ist Wochenende, es ist Ferienzeit, das Wetter war auch gut. Hamburg ist voll von Touristen, rappelvoll, so voll wie sonst nur zur Weihnachtsmarktzeit.

Um zur Spitalerstraße zu kommen, gehen wir durch den ebenso vollen Bahnhof. Sohn I trottet neben mir her. Im Bahnhof fangen plötzlich Männer an in einer fremden Sprache zu schreien und halten Plakate hoch, verteilen Zettel an Passanten und setzen sich dann mitten in den Weg. Man sieht schon die Bahnpolizei am Ende der Halle anrücken, die Sicherheitsleute in den Geschäften ringsum lehnen in den Türen gucken skeptisch. “Eine Demo”, sagt Sohn I fachkundig, “wegen des Krieges da bestimmt.” “Ja”, sage ich, wobei ich gerade nicht deuten kann, worum es da wirklich geht, um welches Land, um welchen Krieg, es kommen immerhin mehrere in Betracht. Auf dem einen Schild stand womöglich etwas mit Kurdistan, ich konnte es kaum erkennen.

Ein paar Meter weiter ein Junggesellinnenabschied, alberne Outfits und die mit dem Verkaufskörbchen und den Hasenöhrchen vorneweg. Angeschickerte junge Damen, hysterisch kichernd, da machen wir einen großen Bogen. Da machen genau genommen sehr viele Menschen einen großen Bogen. Vielleicht ist es irgendwann so weit, dass alle Menschen einen großen Bogen machen? Das wäre mal eine schöne Aussicht.

Vor dem Bahnhof ein Mann im Anzug mit Megaphon, er hat ein Buch unterm Arm, singt und spricht ins Megaphon und geht hektisch auf und ab. Niemand hört ihm zu. “Einer von denen mit Gott”, sagt Sohn I und interessiert sich nicht weiter für den Prediger, der jetzt in gebrochenem Deutsch “er ist King, er ist König” singt und dabei immer wieder nach oben zeigt, wo gerade ein Flugzeug über ihn hinwegzieht. Aber das ist wohl nur Zufall, nicht Gott.

Am Anfang der Spitalerstraße steht dann schon der Jesusbrüller, wie er in dieser Familie genannt wird, das ist der vermutlich dienstälteste Laienprediger der Stadt, den kennt wahrscheinlich jeder Hamburger. Ein großer Typ mit beeindruckend lauter Stimme, der den Namen Jesus immer so norddeutsch ausspricht, dass es wie Jejsus klingt. Er predigt so engagiert, dass er völlig durchgeschwitzt ist. Wenn man den Jesusbrüller beim Bäcker beim Kaffee trifft, ist er eigentlich ganz nett und wirkt ziemlich normal. Wenn man aber einmal gehört hat, was er über Schwule predigt, dann möchte man ihn lieber nicht mehr treffen. “Der Jesusbrüller”, sagt Sohn I, “wie immer.”

Gegenüber vom Jesusbrüller ein Infostand von Falun Gong, dieser religiösen Bewegung aus China. Eine Frau und ein Mann meditieren mit taichi-ähnlichen Bewegungen, daneben mehrere Poster mit ziemlich blutigen Foltermotiven, es geht um die Verfolgung der Religion in China. Das müssen Kinder nicht sehen, ich ziehe den Sohn weiter.

Straßenmusik, ein junger Mann bearbeitet seine Gitarre. “Aber nicht sooo gut”, wie Sohn I befindet. Geld möchte er da lieber nicht geben. Wir überlassen es den Söhnen, wem sie Geld geben wollen. Ob Bettler, Künstler, Musikanten, das können sie selbst entscheiden, wer etwas Kleingeld bekommt.

Ein erhöhter Glaskasten, in dem ein Mann sitzt, der ein Mädchen auf dem Schoß hat und ihm vorliest. Die beiden sind echt, sie haben sehr wenig an und sie ignorieren die zahllosen Menschen, die in den Kasten sehen, in dem sie sitzen. Grimms Märchen werden da vorgelesen, den Buchtitel kann man erkennen. An dem Glaskasten hängen Zettel, ich frage den Sohn, ob wir hingehen und ich vorlesen soll. Er winkt ab: “Das ist dann sowieso wieder Kunst, Papa”, sagt er.

Da braucht er keine Erklärung, Kunst ist eben Kunst und Kunst ist oft, wenn es interessant aber irgendwie sinnlos ist. Denn das hat er schon gelernt: die Erklärungen, die an der Kunst dranhängen, die bringen ihn meistens nicht weiter.

Schon wieder Straßenmusik, zwei junge Mädchen singen. Der Sohn sieht nachdenklich zu, wie die Münzen in die Mütze fliegen, die vor ihnen liegt. Da kommt schon etwas zusammen. “Du brauchst nur zwei Akkorde und drei Freunde”, sage ich aufmunternd. “Denk mal drüber nach.” Er nickt: “Yeah.” Es war dann wohl doch nicht verkehrt, ihm die alten Aufnahmen der Beatles zu zeigen.Er geht näher ran und wirft noch einen Blick in die Mütze. Wirklich nicht schlecht. Hinter ihm der Lego-Laden. Er denkt nach.

Na, mal sehen. Auch zwei Akkorde muss man erstmal lernen. Und das wäre immerhin schon einer mehr als ich jemals gelernt habe, glaube ich.

 

 

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