Wir waren also eine Woche auf einem Bauernhof auf der Halbinsel Eiderstedt. Wenn Sie die nicht kennen, das ist diese große Ausbuchtung an der westdeutschen Küste in Schleswig-Holstein, etwa zwischen Tönning und Husum. An der Westspitze sitzt wie ein Fremdkörper die Übernachtungsrekordstadt Sankt Peter-Ording, das touristische Megagebilde dort hat mit der restlichen Halbinsel allerdings wenig gemein. Im Veranstaltungskalender von Sankt Peter-Ording findet man Perlen wie etwa das Seminar “Dog Coaching für Manager – testen Sie Ihr Führungswissen an Hunden”, in der Schwimmhalle von Sankt Peter-Ording gibt es Pommes mit Parmesan und Trüffelöl als Imbiss, da wird man sich in etwa vorstellen können, warum der gemeine Eiderstedter Bauer bei der Erwähnung von Sankt Peter-Ording mit den Schultern zuckt und den Kopf schüttelt.

Eiderstedt ist Neuland, nicht im Sinne des merkwürdigen Merkelvokabulars, sondern wörtlich. Das Land wurde komplett durch Eindeichung um ehemalige Inseln herum gewonnen, die ganze Halbinsel. Daher ist es dort flach, so flach, wie es nur irgendwo sein kann. Alles liegt auf Meereshöhe oder sogar knapp drunter. Wenn man da also längs fährt und es bergauf geht, dann ist man am Deich, das ist leicht zu merken. Wobei man vielleicht am Deich, aber noch nicht unbedingt am Meer ist, denn das Gebiet ist von alten Deichen durchzogen, die die Linien markieren, an denen das Meer einmal war, vor hundert Jahren, vor fünfhundert Jahren oder wann auch immer. Oder wo das Meer vielleicht auch einmal wieder sein wird, wer weiß.

Flach ist es dort also, sehr flach, wahnsinnig flach. Man sieht, haha, am Morgen schon, wer am Abend zu Besuch kommt, alter Küstenwitz. Stimmt aber tatsächlich, wenn der Besuch denn zu Fuß geht. Und das, was da flach herumliegt, besteht hauptsächlich aus Äckern, Weiden und Gräben. Aus enorm grünen Weiden, die sehen fruchtbar wie im Bilderbuch aus, man möchte geradezu Kuh sein, wenn man die sieht, so nahrhaft wirken die. Und es besteht aus sehr langen Gräben, aus insgesamt etwa 5.000 Kilometern Gräben, die die Halbinsel entwässern. Die säuft sonst nämlich wieder ab, nicht nur bei Sturmflut, sondern auch bei Regen.

Es gibt Touristen, die fahren nach Eiderstedt und machen das ganze touristische Programm mit, ohne überhaupt zu merken, dass die Landschaft toll ist. Die fahren an den Strand, machen Wattwanderungen und so weiter, das normale Küstenprogramm eben. Die merken dann, dass sie im Meer baden, sonst merken sie aber nix, das Hinterland ist nur die Zugabe und irgendwie egal. Die Gegend scheint nicht bei jedem gut anzukommen. Und es gibt Touristen, die können auf Eiderstedt stundenlang an einem Acker stehen und in die Gegend gucken. Und dann drei Meter weitergehen und wieder gucken. Dazu gehören die Herzdame und ich. Als wir vor sieben Jahren zum ersten Mal da waren, das war Liebe auf den ersten Blick. Da stiegen wir aus dem Auto und dachten hier, hier ist es wirklich, wirklich schön. Das denkt man gar nicht so oft, finde ich. Man findet schon ab und zu Gegenden ganz nett oder auch idyllisch oder ganz hübsch, aber dass man diese Verliebtheit spürt, bei der man sich in den Boden krallen möchte, das ist gar nicht so oft. Die spüren wir aber heute immer noch und nach jedem Aufenthalt grübeln wir über Wochenendwohnungen, Ferienhäuser und so weiter nach, zumindest so lange, bis uns der Alltag wieder fest genug im Griff hat und wir sowieso zu nix kommen.

Wir wohnen in Hamburg Mitte, hier gibt es kaum Himmel. Wenn man hier vor die Tür geht und guckt, dann sieht man Menschen, Häuser, Geschäfte, Reklame, Autos, Cafés, Bäume, Bahnstationen, Ampeln und dergleichen. Das ist alles dicht, ganz nah an einem dran, direkt vor einem und es ist alles laut und spricht einen an. Die Menschen machen Lärm, die Werbung randaliert im Auge des Betrachters, die Autos, die Ampeln, die Züge, alles blinkt, brummt, rattert, signalisiert irgendwas. Alles will Aufmerksamkeit, etwas verkaufen, vor etwas warnen, sich anbieten. Immer. Deswegen wohnen wir hier , das ist auch gut so. Aber ab und zu ist es schön, das alles nicht zu sehen. Und den Blick nach oben zu richten.

Untitled

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Wenn man auf Eiderstedt ankommt und aus dem Auto steigt, dann sieht man unwillkürlich nach oben. Weil unten nichts ist. Das heißt, da ist natürlich ein Acker, und nach dem Acker ist noch ein Acker und dann kommt ein Graben und dann, genau, ein Acker. Das hält das Auge aber nicht fest, das ist ein grüner Streifen, der sich irgendwo im Dunst verliert. Aber oben!

Oben ist gewaltig, oben ist unvorstellbar viel Himmel. Oben ist ein Wolkenimperium, oben ballt es sich zusammen und verändert sich fortwährend. Oben finden Shakespearedramen statt, Wolkenheerscharen rollen heran, gehen unter, stehen wieder auf und hat man eine Minute nicht hingesehen, hat man schon einen ganzen Akt verpasst und das Reich wird gerade neu verteilt und man sieht dann doch noch länger hin, um zu wissen, wie es weitergeht, auch wenn man nie erfahren wird, wie es ausgeht.

Man sieht nicht einmal nach oben, wenn man es genau nimmt, man sieht einfach nach vorne – und da ist fast nur Himmel. Ein Wahnsinnshimmel. Ein “Das gibt es ja heute kaum noch”-Himmel.

Ein Himmel, für den Instagram einem dann nicht mehr reicht, da möchte man lieber Landschaftsmaler sein und mit Palette mitten im Feld stehen, mit Ölfarbtuben und allem. Obwohl man so schnell gar nicht malen kann, wie sich der Himmel mit dem Wind verändert. Hat man eben noch an Rembrandtsche Wolkenziselierungen gedacht, steigen jetzt schon vangoghsche Krähen aus dem Kornfeld, strahlt die Abendsonne plötzlich in schmitt-rotluffschen Knallfarben über die Schafweiden, kneift man im Gegenlicht die Augen zusammen und erinnert sich an Cézanne im Garten, es ist höchst unwahrscheinlich, was man da alles sieht und doch ist es so.

Und wenn die Krähen hier schwirren Flugs zur Stadt ziehen, dann wird es wohl Husum sein, da kann man sich also nicht nur von Maler zu Maler sondern auch von Dichter zu Dichter hangeln, von Nietzsche zu Storm und immer noch weiter, es wird einem ganz naturtoll zumute, wenn man diesen Himmel sieht. Man hört in der Ferne Bullen durch den goldenen Abend rufen und erinnert sich plötzlich sogar an den ollen Trakl, man möchte wilde Aquarelle malen und lauthals Sommergedichte deklamieren – am Ende bloggt man aber dann doch wieder nur und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Und der Himmel steht weit und blau und wolkendekoriert über einem, die Luft flimmert in der Sommerhitze und Schwalben schnörkeln ihren Flug mitten durch den Blick und über diese Schwalben schreibe ich dann morgen was, da gab es, wie sagt man, eine seltsame Begebenheit. Bleiben Sie dran.

#eiderstedt

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