Guten Morgen

Ich habe irgendwann einmal geschrieben, dass Eltern in der Regel 90% der verfügbaren Tageskraft bereits verbraucht haben, noch bevor die Kinder in der Kita oder in der Schule sind. Das haben viele für einen Spitzenwitz gehalten, und nur Betroffene haben verstanden, dass dieser Satz gar kein Witz war, sondern nichts als die reine Wahrheit.

Das merkt man sehr deutlich in den Ferien, wenn man morgens nirgendwo hin muss, oder wenn doch, dann eben irgendwann, who cares. Es ist ein so dermaßen auffällig anderes Leben, wenn man morgens nicht wie ein Drill-Sergeant hinter dem Nachwuchs herlaufen muss, dozierend, brüllend, streng guckend, ermahnend, belehrend, antreibend, drohend, finster blickend, stöhnend und das endgültige Ende aller Lustigkeit auf Erden vorhersagend. Wenn man also nicht stundenlang so sein muss, wie man ganz bestimmt nie werden wollte. Wenn man nicht gezwungen ist, permanent Sätze von sich zu geben, bei denen der innere Fünfjärhige entgeistert “WAS WAR DAS GERADE?!” fragt. Es ist wirklich phantastisch, wenn man nicht so sein muss und wenn man auch keine Stunden damit zubringen muss, über großartige pädagogische Konzepte nachzudenken, die einen endlich aus dieser Falle führen könnten, in der man unweigerlich jeden Morgen wieder landet.

Jeder schlurft hier in den Ferien irgendwann aus seinem Bett irgendwohin. Die Herzdame ins Bad, Sohn I ans Comicregal, Sohn II ins leere Elternbett, ich an den Computer. Niemand spricht, niemand beeilt sich mit irgendwas, es ist eine friedliche Zeit. Irgendwann entwickelt irgendwer eine vage Idee vom Frühstück und mangels Zeitdruck beginnt eine betont lässige familiäre Meinungsbildung. Ein Konsens wird gebildet oder auch nicht, das macht auch nichts. Wenn Sohn II nur drei Blaubeeren auf Brötchen frühstücken möchte, warum nicht, das ist mir völlig wurscht, wie man neuerdings sagt. Das wäre mir von der Menge und der Qualität her an normalen Werktagen natürlich auch völlig wurscht, bloß kein Stress beim Essen, versteht sich, ich könnte aber normalerweise nicht ignorieren, dass er eine halbe Stunde braucht, um die Beeren ansprechend anzuordnen, der kleine Wahnsinnige. Jetzt kann er das Arrangement meinetwegen bis zum Mittagessen optimieren, das macht nichts.

Und wenn der Tag so entspannt beginnt, dann merkt man gegen zehn, elf Uhr, dass man einfach irgendwas machen kann, ohne fortwährend Visionen von der abendlichen Bettruhe zu haben. Ohne ständig wiederkehrende Tagträume von diesem phantastischen, erlösenden Moment, in dem man im Elternschlafzimmer das Licht ausmacht und für ein paar Stunden Ruhe hat, echte Ruhe. Ich sitze an normalen Werktagen manchmal am Vormittag schwerst genervt vom Tagesstart im Büro und kann in Gedanken meine Hand auf dem Schalter der Lampe an meinem Bett geradezu spüren, ich fühle schon dieses sachte und erlösende Klicken, mit dem es endlich wieder dunkel und friedlich und ruhig wird. Ja, so groß kann die Sehnsucht der Eltern nach dem Feierabend sein.

Das entfällt alles in den Ferien, dafür muss man sehr dankbar sein. In den Ferien kann man am Vormittag an ganz andere Dinge denken. Also zum Beispiel an den Mittagsschlaf. Es ist zu und zu schön.

Frühstück

14 comments

  1. Paula

    Wie wahr, sehr schön beschrieben. Ich mag gar nicht mehr an die Furie denken, zu der ich 10 Jahre lang mutierte, um unser Zauberkind zur Schule zu bugsieren.

  2. sandra malik

    So ist das. (Noch) mitten im Schulwahnsinn steckend erkenne ich manchmal meine Mutter in mir. Wie schrecklich.

  3. Tina

    Bei der bildhaften Beschreibung vom Klicken des Lichtschaltes bin ich kurz eingeknickt, Pawlow lässt grüßen. Hier in Bayern starten wir nämlich erst bald mit 90% mehr in den Tag. Ich sehne mich danach und fürchte mich gleichzeitig.

  4. Lisa

    Dein Ernst?

    Ich weiß nicht ob es am Alter meiner Kinder liegt oder an meiner augenblicklichen Unentspanntheit, aaaber wenn es bei uns etwas im Augenblick nicht gibt, dann ist es einen entspannten Morgen am Wochenende. Da die Große uns jeden Tag (auch wenn es nicht gilt aufzustehen) um 7.30 Uhr mit „Ich hab Hunger“ aus den Federn haut, kommt der Kleine ziemlich zickig und unausgeschlafen aus dem Bett um ihr an den Klamotten oder den Haaren zu ziehen oder ein Auto auf den Kopf zu schlagen. Innerhalb kürzester Zeit liegen sich die beiden im Argen und streiten. Ich noch voll schlafdusselig, ohne Kaffee und mit verquollenen Augen bin noch gar nicht hochgefahren, leicht zu stressen und möchte mich nur noch ins Bett verkrümeln. Wie sagte mein Mann kürzlich als ich unter meinem Kissen versteckt zwischen den beiden Streithähnen im Bett lag? „Schatz, verstecken hilft doch auch nicht…“

    Da lobe ich mir wenn eines der Kids irgendwo untergebracht sind und es kein Geschwisterchen gibt mit dem man Streiten kann…

    Wann kam noch mal das Alter mit der Harmonie und wer zum Teufel hat gesagt „Es ist für Kinder so schön, wenn sie Geschwister haben“???

  5. Rocky Raccoon

    „Stress an normalen Werktagen…“: irgendwie kam das bei Ihnen noch nie so rüber. Alles klingt immer so tiefenentspannt und heiter. Ich dachte „alles immer Sonnenschein bei den Buddenbohms“ im Gegensatz zu uns 😉 Habe ich mich getäuscht?

  6. Katarina

    Das Blaubeerarrangement mit der schiefen Nase und dem lachenden Löffelmund ist wirklich sehr schön geworden. Nur, wie soll man das essen ohne es zu zerstören?

  7. Nicole

    Wer außerhalb der Ferien am Morgen stundenlang so sein muss, wie er nie werden wollte, steht offensichtlich viel zu früh auf!

  8. Annette

    Jaja, das geht hier genau so.
    Unentliche Entspannung und Ruhe bis die Schule wieder lauft aber das dauert noch bis September.

  9. Ping: Aber wann? | kreimer.de
  10. bettina

    ahh, wieder so herrlich, der kleine wahnsinnige… armer papa buddenbohm, wenn die brut erst einmal lesen kann und die milchtüten vom frühstückstisch ausgelesen sind, dann gibts kloppe…

  11. gwendolynkucharsky

    Das Blaubeerbrötchen als Sinnbild der Ferienzeit – wie poetisch :)!

    Mir geht es ebenso. Endlich Ferien in Hamburg. Kein morgendliches Antreiben, wenn ich selbst lieber noch schliefe, kein Rennen zum Schulbus, kein Flex-und-Flo, keine Sportsachen, kein Garnichts…

    Was soll ich sagen? Ich bin heute morgen von selbst um 5:38 ausgeschlafen erwacht :).

  12. Papagena

    Die entspannten Vormittage sind auch für mich definitiv die größte Bereicherung während der Schulferien. Ich kenne das Gefühl nur zu gut, den ganzen Tag auf den Abend zu warten, um endlich ins Bett gehen zu dürfen… Sie haben das mal wieder hervorragend auf den Punkt gebracht!

    Erholsame Ferien (wir müssen noch zwei Wochen durchhalten) wünsche ich Ihnen!

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