Ein Gastbeitrag von Rochus Wolff:

Der Sommer ist fürs Kinderkino – daheim wie in den Lichtspieltheatern – meist eher saure-Gurken-Zeit (obwohl: am 10. Juli startet im Kino Rico, Oskar und die Tieferschatten, den sollte man sich unbedingt ansehen, wenn die Kinder das Buch schon gelesen haben – womöglich der Kinderfilm des Jahres! Ausführliche Rezension hier).

Aber ein paar gute Filme gibt es dann eben doch, und hier ein paar Vorschläge für die hoffentlich seltenen Regentage während der Sommerferien – beginnend mit einem Thema, das sich zu Zeiten von viel Sonnenlicht sowieso besser behandeln lässt als im finsteren Herbst, wo es traditionell hingehört.

Mich beschäftigt nämlich immer wieder die Frage, wie man eigentlich vor allem etwas sensibleren Kindern die klassischen Themen des Horrorfilms nahebringen kann. (Die robusten werden sich ihre Figuren selbst suchen und schneller, als es uns Eltern lieb ist, mit Freunden gemeinsam heimlich mit einer vom großen Bruder des besten Freundes ausgeliehenen DVD vor dem Fernseher zittern. Und das ist gut so, denn das Horrorgenre braucht natürlich genau das: Das Heimliche, Verbotene, die eigene Entdeckung der knarzenden Holzbohle da ganz hinten im dunklen Zimmer.)

Dass das mit ganz jungen Kindern noch nicht richtig funktioniert, liegt in der Natur der Sache; damit stößt aber ein Film wie Hotel Transsilvanien ins Leere, der in seiner kindertauglichen Parodie aller klassischen Monster kulturelles Wissen voraussetzt, dass die Kinder eigentlich noch nicht haben können, weil sie selbst für die klassischen Universal-Monsterfilme von Frankenstein bis Dracula eigentlich noch zu jung sind. (Und wenn sie sie kennen, muss ihnen Hotel Transsilvanien im Vergleich unendlich fade erscheinen.)

In diese seltsame Leere hinein fällt Alfie, der kleine Werwolf, der das eigentlich Unmögliche versucht, eine Horrorfilmfigur schreckensfrei für fünf- bis achtjährige Kinder aufzubereiten – und das außer ein paar leicht gruseligen Verneigungen in Richtung des Genres, ganz gut hinbekommt. Daraus wird letztlich eine Geschichte vom Anderssein (da ist dem Horror nie fern), von Akzeptanz und Elternliebe – die Eltern des Titelhelden sind nämlich ein Elternpaar, selbstbewusst gleichberechtigt und ironisch-gelassen –, wie man es sich im deutschen Kinderfilm nur wünschen würde. (Empfohlen ab 5 Jahren, ausführliche Rezension hier.)

https://www.youtube.com/watch?v=JA2TMhmI058

Die Themen Anpassung und Selbstbewusstsein verhandelt Trommelbauch von einer sehr viel realitätsnäheren Perspektive – und dennoch ist er eigentlich der phantastischere von den beiden. Hier geht es um den kleinen Dik Trommel, der mit seiner Familie von Dicksleben nach Dünnhausen zieht, weil seine Eltern dort ein Restaurant eröffnen wollen. Und wie die Namen schon sagen, ziehen hier also stramm übergewichtig-lebensfrohe Menschen in einen Ort, in dem Fitnessstudios und kalorienarme Gemüseshakes regieren.

Trommelbauch

Foto: Tiberius-Film

Das ist natürlich völlig überzeichnet und macht es sich in seiner direkten Kritik am Schlankheitswahn auch ein wenig einfach – aber da der Film jede Menge Komik aus der Konfrontation der unterschiedlichen Lebensstile mitbringt und die Figuren nicht nur als Strohmänner und -frauen für diesen Konflikt entwickelt, bringt er dann doch jede Menge Charme auf die Waage. (Empfohlen ab 7 Jahren, ausführliche Rezension hier)

Eine wesentlich dramatischere Geschichte bietet Belle & Sebastian: ein Junge wächst in zur Zeit der deutschen Besatzung als Waise in den französischen Alpen heran. Dort soll ein wilder Hund sein Unwesen treiben – aber Sebastian freundet sich schon bald mit dem nur vermeintlich wilden Tier an. Diese Freundschaft wird später dann lebenswichtig, als einige der Dorfbewohner wieder Flüchtlingen helfen wollen, über die Berge in die Schweiz zu fliehen.

Das Kinderbuch Belle & Sebastian von Cécile Aubry wurde bereits in den 1960er Jahren als Fernsehserie verfilmt, die Geschichte ist bekannt; die Verfilmung von Nicolas Vanier bietet das Ganze nun noch einmal verdichtet auf etwas mehr als 90 Minuten und eingebettet – das wird vor allem die Eltern freuen – in wahrhaft atemberaubende Naturaufnahmen der Berglandschaft. (Empfohlen ab 9 Jahren.)

Wen das ob der Erinnerung an die Fernsehserie womöglich ein wenig nostalgisch macht, dem kann geholfen werden. In den letzten Wochen hat es nämlich noch eine ganze Reihe von Fernsehserien gegeben, die neu, zum Teil erstmals, auf DVD erschienen sind, zum Schwelgen in Erinnerungen und vielleicht auch dafür geeignet, den Kindern zu zeigen, dass früher nicht alles schlechter war.

Da gäbe es zum Beispiel, ich werde Feuerwehrmann!, den ganzen, vollständigen Grisu in einer DVD-Box. Wahrscheinlich ist der so en bloc und aus der Gegenwart betrachtet gar nicht mehr so toll, wie man denkt. Auf jeden Fall ist es allerdings, wie auch Als die Tiere den Wald verließen von der guten alten Tante BBC, jetzt in Gänze als DVD-Box erhältlich, noch sehr beruhigend old school. Während es vermutlich noch ein bisschen dauern wird, bis die Kinder uns von den Qualitäten aller zeitgenössischen Fernseh-Trickserien überzeugt haben werden. Ahem.

Geographisch am nächsten an Belle & Sebastian dran, gibt es da noch Die schwarzen Brüder, die in den 1980ern vom deutschen Fernsehen vielleicht ein wenig brav, aber nah am Buch verfilmte Geschichte über Mailänder Kaminkehrerjungen, die ihren Eltern im Tessin in großer Not abgekauft worden waren – im Grunde eine Sozialschmonzette ohnegleichen, aber zugleich ein schöner Blick in eine andere Welt.

Und wer wirklich in echte andere Welten schauen mag, für den ein letzter Tipp, ein wenig ein Geheimtipp, aber ganz wunderbar: Die Geolino-Reportagen, Ausgaben eins bis drei sind bereits erschienen, liefern hochfokussierte, sehr konzentrierte und aufregende Einblicke in das Leben von Kindern und Tieren rund um den Globus – entstanden oft als „Abfallprodukt“ von großen Reportagen, aber deswegen keinen Deut schlechter gemacht. Von Katzenkindern in der Petersburger Eremitage über minensuchende Ratten bis hin zu der Frage, wie man am Polarkreis in die Schule geht – das taucht alles auf. Wenn man sich das anschaut, sollte man sich anschließend noch ein wenig Zeit nehmen für die vielen tollen Fragen, die da noch gesprudelt kommen mögen. Und ganz nebenbei wird für die Kinder sehr sichtbar, wie vielfältig dieses Ding Leben wirklich ist.

Und das soll man im Sommer ja auch feiern, nech.

Rochus Wolff

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Seit Januar 2013 beschäftigt er sich im Kinderfilmblog am liebsten mit dem schönen, guten, wahren Kinderfilm. Er lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet hauptberuflich als PR-Mensch und Konzepter für eine Online-Agentur in Süddeutschland.

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