Musikalische Früherziehung

Die Söhne sehen zufällig einen Gitarristen im Fernsehen. So einen mit akustischer Konzertgitarre, er spielt ein Stück klassische Musik. Ich erkenne es nicht, ich habe von so etwas überhaupt keine Ahnung. Man sieht Nahaufnahmen seiner Finger, die in absurd geschickter Weise und Geschwindigkeit über die Saiten fliegen, der Mann spielt wirklich bewundernswert. Er spielt in einem historischen Gebäude, in einem Museum vielleicht, die Musik hallt durch die Säulengänge, es ist fantastisch.

Die Söhne gucken gebannt. Ich freue mich, denn ich bedaure immer, dass ich ihnen musikalisch so wenig vermitteln kann. Da habe ich im Leben etwas verpasst und kann gar nichts weitergeben. Sollen sie sich also ruhig für ein klassisches Gitarrenkonzert begeistern, das finde ich gut, das finde ich sehr gut. Der Tonteppich wird immer dichter, die Musik wird immer dramatischer, die Finger des Mannes bewegen sich in einer Weise, die man gar nicht für möglich hält. Anerkennendes Nicken der Söhne. „Schön?“ frage ich hoffnungsvoll. „Ja“, sagen die Kinder, „der kann aber was, Papa!“ „Genau“, sage ich, „sicher ein großer Künstler.“

„Aber wenn er eine E-Gitarre nehmen würde, dann hätte das mehr Kawumm“, sagt Sohn II, ein Experte für Kawumm in allen Lebenslagen. „Er müsste auch weniger machen“, sagt Sohn I, ein ausgewiesener Kenner des Nichtstuns. „Nicht so wahnsinnig viele Töne.“ „Und mit einem Schlagzeug dabei wäre es noch besser“, überlegen sie gemeinsam weiter. Außerdem gehört neben einen mit Gitarre doch auch immer auch einer mit Bass, meinen sie, und den Gesang, den Gesang vermissen sie irgendwie auch. Aber sonst: schon schön.

Nun ja. Liebhaber der klassischen Musik werden sie vielleicht nicht mehr. Aber sie sind jederzeit bereit, die Rockmusik neu zu erfinden. Das ist doch auch etwas wert.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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