Man liest so viel von sterbenden Innenstädten, von Läden ohne Kundschaft. Alle bestellen immer mehr online, die Fußgängerzonen werden leerer, der Verkehr auf den Straßen besteht bald nur noch aus den Lieferautos der Paketdienste. Da muss man einmal ein kleines Loblied auf den Einzelhandel singen, wenn man denn einen Grund dafür findet.

Ich habe mir z.B. gerade einen neuen Anzug gekauft, das ist alle paar Jahre mal dran. Wenn man nicht gerade mit der allerneuesten Herrenmode geht, dann muss man das nicht öfter machen, ein Anzug hält im besten Fall eine Weile. Aber jetzt war es doch Zeit. Ich habe lange keinen Anzug getragen und bei Licht sah der alte etwas schäbig aus, als ich ihn mal wieder aus dem Schrank nahm. Das möchte man nicht. Aber statt mir irgendwo etwas zusammenzuklicken, was ich hätte zurückschicken müssen, wenn es wieder nicht gepasst hätte, bin ich in einen Laden gegangen. So wie früher. Und zwar in den Laden, in dem ich damals auch den letzten Anzug gekauft hatte. Der Verkäufer war derselbe wie damals, er begrüßte mich, als sei ich nur kurz um den Block gegangen, schon das war faszinierend.

Er brachte mir einen Anzug in der Größe, mit und in der ich früher gut gelebt habe und half mir in die Jacke. Ich zog den Bauch ein, machte die Knöpfe zu und stellte mich vor den Spiegel. Hätte ich eingeatmet, die Knöpfe wären wie Projektile durch den Laden geschossen. Ich stand, sah und atmete nicht. Der Verkäufer sah mich an und sagte, ohne das Gesicht zu verziehen: „Das Sakko sitzt etwas sportiv, ihnen würde eine lässigere Größe jetzt doch besser stehen.“

Dann holte er mir einen Anzug, der besser zu mir und meinem Bauch passte. Eine deutlich lässigere Größe. Doch, man kann es so nennen. Wenn man gut ausgebildet ist. Und man kann so großartige Sätze hören. Wenn man mal wieder in einen Laden geht.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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