Ich habe wieder mit dem Joggen angefangen, denn Menschen in meinem Alter brauchen Bewegung. Man muss was tun! Und kaum tut man was – macht man es total falsch. Sofort kommt jemand und erklärt, dass man zu viel macht. Oder zu wenig. Dass man es zu schnell macht, zu häufig, zum falschen Zeitpunkt. Mit der falschen Technik. Und mit den falschen Schuhen, ganz wichtig! Oder ohne Schuhe, das ist dann aber auch falsch. Vor oder nach den Mahlzeiten: falsch. Die Kategorie „richtig“ gibt es gar nicht. Egal, was man macht, immer gibt es Besserwisser und Auskenner, die einen korrigieren, belehren, ermahnen.

Man kann nichts tun, ohne es falsch zu machen. Man könnte auch alles sein lassen und sich gleich wieder hinlegen, hat doch alles keinen Sinn. Das denkt man aber nur, bis einem jemand sagt, dass man in der falschen Haltung liegt, auf falschen Matratzen, in falsch gelüfteten Räumen. Man kann kein Gespräch führen und nichts lesen, ohne über Fehler belehrt zu werden. Wir sind das Volk der Spezialexperten. Auch schön, so viele kennen sich aus. Mit allem. Ich laufe also falsch und natürlich sitze ich auch falsch, das war ja klar. Die Spezialexperten bedrohen mich mit den fürchterlichen Folgen meiner Fehler. Alles, was ich falsch mache, macht krank, sagen sie. Mein Laufstil macht krank, meine Sitzhaltung macht krank, es ist heillos. Ich kann es nicht mehr hören.

Ich laufe daher jetzt wohl am besten wie ein Ninja in schwarzer Kleidung bei Dämmerung im Schatten. Dann sieht mich keiner, dann kann mich keiner belehren, dann kann ich einfach nur durch die Gegend laufen. Ohne dauernd über Fehler zu grübeln. Ein sinnvoller Ausweg, ohne Kritik macht Laufen sogar Spaß. Denn ich laufe vielleicht tatsächlich falsch – aber richtig denken kann ich noch. Glaube ich.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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