Ich habe Sohn I von der Vorschule abgeholt, dabei kam ich gerade noch rechtzeitig. Er kam mir nämlich in panischer Flucht entgegen gelaufen, Schrecken im Blick, schnell wie ein Hase. Ihm dicht auf den Fersen ein Mädchen, die Arme nach der Beute schon ausgestreckt. „Sie will mich knutschen“ rief er mir zu, dann sauste er in solcher Geschwindigkeit um den Block, dass das Mädchen nach Atem ringend zurückblieb und bald aufgab.

Er ist also in dieser etwa 6 Jahre dauernden Phase angekommen, in der Mädchen igitt sind.  Gegen Ende der Phase wird er sich, wenn ich ihn an diesen Vorfall erinnere, innigst wünschen, dass er damals bloß stehengeblieben wäre, er würde sich dann sicher gerne an den verpassten Kuss erinnern, so ist wohl die Regel. Und dann wird er selbst irgendeinem Mädchen hinterherjagen, vielleicht sogar dem von heute, wer weiß, das dann aber vermutlich eher abgeneigt sein wird – und dann dauert es noch ein wenig und es wird schließlich kein Jagen mehr, sondern endlich ein Finden sein. So jedenfalls könnte es sein. Das ist ein altes, ein sehr altes Spiel.

Das guckt man sich als erfahrener Erwachsener im fortgeschrittenen Alter lächelnd an, schüttelt den Kopf und denkt zurück. Und freut sich, wie praktisch und entspannend es ist, wenn man irgendwann in einer festen Beziehung landet und diese Spielchen endlich hinter sich hat.  Wenn man nach Hause gehen kann und da ist jemand. Jemand der bleibt. Und dieser andere Mensch kriegt vielleicht keine roten Bäckchen mehr, wenn man die Wohnung betritt, er hat auch kein irres Glitzern in den Augen, wenn die Blicke sich treffen – aber er haut auch nicht mehr kreischend ab.  Das ist schon alles gut eingerichtet.

Ich meine, so schnell bin ich nun wirklich nicht mehr.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.

%d Bloggern gefällt das: