Sohn II hatte Fieber, ich blieb mit ihm zu Hause. Das scheint so eine der Aufgaben zu sein, die Väter nach wie vor eher nicht übernehmen, wenn ich mir meinen Bekanntenkreis so ansehe. Weil das Vollzeitmenschen, was die Väter meistens immer noch sind, nicht können, nicht wollen, nicht dürfen, wie auch immer. Ich finde, man sollte das schon aus egoistischen Motiven auch als Vater machen und das erkläre ich jetzt mal am praktischen Beispiel.

Das Kind schwächelt also, mit Störungen im Betriebsablauf ist zu rechnen, etwa in der Form, dass es morgens erst einmal über dem Klo hängt. Ein Lager im Wohnzimmer wird gebaut, ausreichend mit Handtüchern etc. ausgestattet, so dass man mit etwaigen Problemsituationen umgehen könnte. Schüssel griffbereit, Zwieback, Wasser, Tee. Es gibt aber kein weiteres Problem, es gibt nur einen Sohn, der mit glasigen Fieberaugen vorgelesen haben möchte, was natürlich nett ist. “Der glückliche Löwe” von Louise Fatio, illustriert von Roger Duvoisin, übersetzt von Regina und Fritz Mühlenweg. Eines der Bücher, bei denen ich nicht die allerleiseste Ahnung habe, wie sie in diesen Haushalt kamen. Das ist ganz nett, das Buch, allerdings möchte der Sohn nur dieses Buch vorgelesen haben – und zwar immer wieder. Und dann noch einmal. Kranken Kindern erfüllt man selbstverständlich Wünsche, ich lese also schon wieder den Glücklichen Löwen, das Buch wird mir im Laufe des Vormittages immer unsympathischer. Bücher mit eher dick aufgetragener Moral liegen mir nicht und dass der Löwe in seinem Käfig glücklich ist, das ist eine vollkommen abwegige Vorstellung für alle, die schon einmal Löwen im Zoo gesehen haben. Aber egal. Das Kind schläft kurz ein, das Kind wacht auf. Das Kind sieht ganz munter aus, man könnte es auch zum Arzt bringen.

Wer sich kindkrank meldet, der braucht eine Bescheinigung vom Arzt, deswegen muss man natürlich auch dann zum Arzt, wenn man sonst vielleicht gar nicht gehen würde. Ich nehme also den Sohn auf die Schultern und gehe zur U-Bahn, der Kinderarzt ist in einem anderen Stadtteil. In der U-Bahn gibt das Kind Geräusche von sich, die auch Katzenbesitzer alarmieren würden, dann reihert es die Bahn voll. Verblüffend, wie interessiert die Leute, die Kinder sonst so konsequent ignorieren, dann plötzlich sind. “Was hat er denn?” “Er kotzt.” Um dann mit einem loriotmäßigen “Ach was?!” zu antworten, manchmal kann man sein Leben von einem Sketch kaum unterscheiden. Die Leute aus dem hinteren Teil des Wagens kommen auch mal gucken, so ein kotzendes Kind sieht man eben nicht mehr jeden Tag in der alternden Gesellschaft.

Ich schiebe den Sohn schnell aus der Bahn, zum Arzt kann man auch am nächsten Tag. Wir stehen auf dem Bahnsteig und sehen uns um. Toll, das kennen wir hier gar nicht, das hebt die Stimmung sofort. Abenteuer! Wir gehen nach oben, ins Licht, an die Luft, der Sohn ist verständlicherweise nicht zu bewegen, noch einmal in die Bahn zu steigen. Auf meinen Schultern kann er aber sitzen, sagt er, da wird ihm nicht schlecht. Ich habe einen nicht unerheblichen Grusel vor der Möglichkeit, dass er sich von da aus auf meinen Kopf übergeben könnte, aber was soll man machen. Ich trage das Kind auf den Schultern, der Weg nach Hause ist gar nicht mal so kurz. Im Gegenteil, der ist sogar ziemlich lang. Der Sohn ist schlapp und hat keine rechte Körperspannung, er hängt mir im Nacken wie ein nasser Mehlsack. Kinder ohne Körperspannung haben doppeltes Gewicht, alte Regel. Gottseidank ist er erst vier Jahre alt, damit kommt man noch eine Weile zurecht. Sein sechsjähriger Bruder wäre noch ein ganz anderes Problem, denn Kinder in dem Alter kann man nur im Film meilenweit tragen, in der Wirklichkeit braucht man bereits nach einem Block einen Orthopäden. Oder eine Sackkarre.

Der Sohn auf meiner Schulter lenkt mich derweil an den Ohren durch Planten un Blomen, den großen Park mitten in der Stadt. Und nein, an dem „und“ eben fehlte kein d, das gehört so, das ist Platt. Der Park ist voller Blumen, die möchte er sich ansehen, wozu er aber wieder runter auf den Boden muss. Nach drei inspizierten Blüten möchte er wieder nach oben auf die Schultern, dann wieder am nächsten Beet nach unten, ich mache mehr Sport als im ganzen bisherigen Jahr. Wir diskutieren Blütenfarben und -formen, er ist ein wenig pikiert, dass ich nicht weiß, wie die Blumen alle heißen. Zweifelnde Blicke, dieser Vater ist am Ende ein wenig ungebildet? Guck an. Ich kann es nicht ändern, ich kenne nur Tulpen und Rosen, der Rest ist eben so Blühzeug, was weiß ich denn. Der Sohn möchte künftig öfter in den Park, er ist wirklich sehr interessiert und die Blumen wirklich wunderschön, die möchte er alle immer wieder sehen, weil da wachsen ja auch immer mal wieder welche nach, wenn die hier weg sind und dann muss man die neuen Blumen auch ansehen, Papa, die könnten anders aussehen, und dann wieder die danach und guck mal, Papa, die Leute in den grünen Pullovern und Hosen da, die machen hier den ganzen Garten schön und das ist ja passend, dass die Grün tragen, hier ist nämlich alles grün, außer den Blumen, die sind rot und, äh, blau und lila und pink und wie heißt die Farbe da? Die in der grünen Kleidung haben also den Garten erschaffen, und das hat Gott ja auch gemacht, Papa, also einen Garten erschaffen, aber man weiß nicht, ob er dabei etwas Grünes angehabt hat, kann aber schon sein! Das Kind spricht und spricht und spricht, der Satz hört gar nicht mehr auf, er spinnt sich wie ein enorm langer Uhu-Klebefaden quer durch die Stadt, von den Blumenbeeten vor den Messehallen bis hinauf in unser Wohnzimmer, wo ich mich aufs Sofa fallen lasse, das Kind auf mir drauf, das sofort einschläft, mitten im Endlossatz.

Ich habe weder iPad noch Handy greifbar, das Notebook schon gar nicht. Ich liege unter dem Sohn, der glüht und schnarcht. Kein Buch in der Nähe, nichts. Ich schiebe den Sohn probeweise weg, Protest, leises Wimmern im Halbschlaf. Dann muss ich wohl liegenbleiben. Die Balkontür ist auf, die Sonne scheint und die Vögel lärmen, vom Spielplatz hört man Kinder schreien und Bälle, die an Wände geschossen werden. Der Sohn murmelt im Schlaf und hat Durst, wenigstens die Wasserflasche ist greifbar. Ich gebe ihm Wasser und decke ihn zu und gucke in die Gegend und auf die Kirchturmuhr und dann dauert es noch eine ganze Stunde, bis die Zeit allmählich langsamer und langsamer vergeht, allmählich ausrollt und die Minuten sich verzögern und das Gefühl auch bei mir ankommt: einfach nur herumliegen. Nichts machen. Pause.

Ich dämmere ein wenig. Ich schlafe nicht richtig, ich bin dann wohl das, was ich sonst nie bin: entspannt. Der Sohn streckt sich im Schlaf und rutscht tiefer unter die Decke und plötzlich kann ich mir verblüffend gut vorstellen, er zu sein. Nicht kindkrank, sondern krankes Kind. Die Erinnerung wird wach und sehr präsent. Wenn man so da liegt, versorgt, müde und ohne etwas tun zu können oder auch nur zu wollen, wenn einfach nichts ist, außer den Geräuschen von draußen. Wenn jemand die Decke aufschüttelt und Tee bringt und Salzstangen oder was auch immer da auf der Traditionslinie liegt, wenn jemand über die Stirn streicht und “trink was” murmelt. Man ist krank und irgendwas stimmt nicht, aber alles ist gut, es ist vielleicht sogar für einen Moment besser als sonst. Der Tag hat keine Struktur mehr und zerfließt breiig.

Das kann ich mir wieder vorstellen, dieses Gefühl, diese Stunden, diese Tage. Und auch wenn ich jetzt der Behüter bin, nicht das behütete Kind, ist es schön, das noch einmal zu erleben. Es ist meditativ und erholsam und zeitlos und nach zwei Stunden weiß man nicht, dass es zwei Stunden waren und irgendwann merkt man, dass es dunkel wird.

Der Sohn wacht auf und setzt den langen Satz aus dem Park da fort, wo er aufgehört hat, er redet und redet. Da sie in der Kita gerade über Ostern gesprochen haben und er, ganz im Gegesatz zum Rest der Familie, Religion außerordentlich interessant findet, redet er dauernd über Gott und will wissen, was ich davon halte. Er findet es nicht schlimm, dass ich an nichts glaube, denn er weiß ja Bescheid und kann es mir erklären, da habe ich ja Glück. Er weiß nämlich mehr als andere, sagt er, und er ist erst vier, sagt er, das wird ja also immer noch besser, das mit dem Wissen. Was er in ein paar Jahren erst alles wissen wird! Das wird viel, sagt er. Er hält mir einen Vortrag über die genaue Position von Jesus in der Luft, über Jesu Verwandtschaftsverhältnisse und dass er Söhne hatte, die nach seinem Tod eine Straßengang gegründet haben. Er zählt die  Schläge der Kirchenglocken mit und zählt dann weiter bis 49, weiter kann er noch nicht. Er fragt, wie viel 49 ist und was man mit dieser Zahl eigentlich anfangen kann und ob man so alt wird und ob unendlich eigentlich mehr als endlos ist und ob Gott nicht doch tot ist und ob Walkie Talkies auch bis Mallorca reichen? Das wäre doch praktisch! Er redet und redet und redet, er hat den Laberflash des Jahres und hört nicht auf, es perlt aus ihm heraus. Um zehn Uhr abends schlafe ich ein, er redet immer noch neben mir, er erklärt mir gerade, dass Deutschland nicht nur aus Hamburg besteht, sondern zum Beispiel auch noch aus Helgoland, wo es aber anders aussieht und Robben gibt, die Gott übrigens auch gemacht hat. Er fragt, ob alle Lübecker immer barfuß gehen und ist überrascht, dass das nur mein Bruder tut. Alle Lübecker sind also nicht wie mein Bruder, aber sie sind ja auch nicht alle meine Brüder. Oder, Papa? Er fragt, ob Walkie Talkies bis nach Lübeck reichen. Warum nicht? Papa? Papa?

Ich wache um fünf auf, das Kind sitzt neben mir und spricht immer noch oder schon wieder, wer weiß. “Gott ist tot”, sagt er, “aber vielleicht sind Reste von ihm in der Luft.”

Und er glüht weiter und ich bleibe noch einen Tag zu Hause und lasse mir von ihm die Welt erklären. Und den ganzen Rest womöglich auch.

Wie könnte man denn so etwas verpassen wollen?

 

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