Begeisterung

Man kommt zu nix. Da muss es erst Ostern werden, bevor ich zu den Texten komme, die schon seit Tagen, ach was, seit Wochen, überfällig sind. Denn die Sache mit “Was machen die da” sollte natürlich auch in diesem Blog ein wenig begleitet werden. Drüben erscheinen die Originaltexte unserer Interviewpartnerinnen, hier ist noch Raum für Notizen, wie außerordentlich praktisch.

Und Notizen mache ich mir schon, im Geiste. Denn die Menschen, die wir da befragen, haben lebhaftes Interesse an Themen, die mich vielleicht gar nicht interessieren, das ist doch interessant. Also ich finde das jedenfalls interessant. Da hat also die Begeisterungsfähigkeit von jemandem eine andere Abbiegung als bei mir genommen. Vielleicht an einer Stelle, an der ich auch irgendwann hätte abbiegen können, kann ja sein – und kann man mal drüber nachdenken. Warum ist dies oder das in meinem Leben kein Thema, warum war jenes nur kurz eines und könnte das da wohl noch eines werden? Warum eigentlich nicht?

Es gibt die gelebten Begeisterungen, deswegen schreibe ich zum Beispiel. Ich schreibe fast immer, ich habe fast immer Spaß daran, ich würde auch schreiben, wenn es nicht mein Beruf wäre, das kann man gelten lassen. Es gibt die fast gleichrangigen Begeisterungen, die nur etwas nachhängen. Die hat man vielleicht nicht zu Geld machen können, die bekommen ein klein wenig weniger Zeit ab, werden etwas weniger scheckheftgepflegt, deswegen fotografiere ich. Ich fotografiere wirklich gerne, aber nicht den ganzen Tag. Da würde das Schreiben dann fehlen, das muss man austarieren. Ich würde auch gerne wieder zeichnen, aber ich schaffe es nicht, die Tage reichen einfach nicht aus.

Das Zeichnen ist so eine dieser Reservebegeisterungen, die auf Anstöße reagieren, die in Warteschleifen herumdrehen und geweckt werden können. Deswegen lese ich auch fast keine Sachbücher über Geschichte mehr. Weil, das habe ich irgendwann schon einmal länger ausgeführt, ein Buch zum anderen Buch führt und zack, ist man Experte für das Landleben der unteren Schichten in Nordostwestfalen im 19. Jahrhundert. Aber will man das? Hat man die Zeit dafür? Man kann einfach nicht jede Begeisterung leben, es gibt auch solche, die man bremsen muss. Wenn der Zeitmangel sie nicht sowieso bremst.

Meine erste Frau war frankreichbegeistert, in einem seltsamen Ausmaß sogar. Sie hat die Sprache gelernt wie besessen, mit einer geradezu religiösen Verehrung jeder Silbe, das war wirklich beeindruckend. Jeder Urlaub ging nach Frankreich, bei uns lief französisches Fernsehen und französisches Radio, wir hörten französische Musik. Ich habe mich da damals gerne anstecken lassen, obwohl ich eher dem Englischen zuneigte. Ich war natürlich nie auf ihrem Niveau, aber ich kann noch heute mehr Französisch verstehen, als ich ohne die gemeinsame Zeit mit ihr je gelernt hätte, das gefällt mir auch noch heute.  Aber nach dem Ende der Ehe war ich nie wieder in Frankreich, habe ich nie wieder französisches Fernsehen gesehen. Begeisterungen kommen und gehen, wehen einen an, wehen weg.

Begeisterung ist das, was wir alle erstreben. Niemand nimmt sich als Kind vor, einen mittellangweiligen Beruf zu erlernen, um ein gut aushaltbares Leben bei mäßigem Einkommen und überschaubar geregeltem Essen zu führen. Jeder strebt das an, was begeistert. Wir landen dann vielleicht doch in dem mittellangweiligen Beruf, aber wir suchen immer noch weiter, im Alltag, im Beruf, in der Freizeit, auf Reisen, in der Liebe, im Bett.

Isa und ich haben, fast hätte man es erwarten können, schon Vorwürfe gehört, die gemeinsame Klammer bei “Was machen die da”, die Begeisterung, sei nicht intellektuell genug. So etwas tauge nicht als verbindendes Element, Begeisterung sei einfach zu flach. Da klingt vielleicht ein wenig die Annahme mit, dass der Mensch, der sich begeistert, die Kritikfähigkeit verliert und dümmlich klatschend sowie selig grinsend vor dem jeweiligen Fetisch seiner Freude hockt.

Statthaft ist dann nur das schlechtgelaunte Durchdringen aller Materie, da kreist der Dr. Faust im Studierzimmer und flucht vor sich hin, nicht wahr, das ist kulturgeschichtlich gut belegt. Und die Menschen, die wir drüben interviewen, die sagen aber alle, da kann man ruhig bei Faust bleiben, die sagen alle zu ihrem Job, zu ihrem Hobby, wie auch immer: “Verweile doch, du bist so schön.”  Und dann holt sie gar nicht der Teufel. Nanu!

Ich finde, das wollte ich nur kurz sagen, Begeisterung ist eine erstaunliche Regung der menschlichen  Seele, hochinteressant und sehr bewegend. Ich finde, sie ist eine brauchbare Klammer für so eine Interview-Reihe. Wie kann man sich denn bloß für das Sammeln von irgendwelchem Zeug begeistern? Für ein Handwerk? Für seltsame Kunst, für die Arbeit mit sozial schwachen Menschen, für Kaffee? Spinnen die alle? Ja, natürlich tun sie das. Und ist es nicht schön?

Mich begeistert das. Isa hat in dieser Richtung auch mal was geschrieben, guck an.

So viel vorweg. Morgen dann endlich zur Mode. Oder übermorgen. Oder so.

 

2 comments

  1. Christian

    Wunderbar.
    Es ist schon erstaunlich, wie oft einem dieser Hang zum Auseinandernehmen, zum Zynismus und Kritteln in den Weg kommt. Kürzlich stellte mir ein Freund (auch noch gut zehn Jahre jünger, es ist furchtbar) die Frage: „Warum entscheidest Du Dich für Kritisieren und schlecht finden, wenn Du genauso gut Begeisterungsfähigkeit ausdrücken könntest?“
    Tatsächlich ist Begeisterung und Verklärung (so what?) bei vielen Themen sehr viel leichter möglich als unsere an Kritik gewöhnten post-popkultur-ironischen Köpfe oft glauben.

    Wunderbar auch, weil der Text die für sich genommen schon recht unfassbare Frage aufwirft, wie das überhaupt sein kann, dass andere andere Abzweigungen nehmen, obwohl man doch die gleichen Neigungen und Interessen hat. Wo nehmen die ihre Motivation her, die Entschiedenheit? Und warum ist man selbst zu faul und fußkrank, nicht auch mehr Entschiedenheit zu zeigen?

    Nebulös-stirnrunzelnd ab: c.

  2. FrauNoergeli

    Ich finde Begeisterung ist nie zu flach. So.

    Zu Ostern war ich mit Patenkind (4J) und Patenkindbruder (20Mt.) in den Bergen und die Begeisterung über ein paar Steine in einem Bachbett und ein bisschen Fluss dazu war grenzenlos.

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