Zwei, drei Anmerkungen zur TEDx Hamburg

Es gibt Texte, vor denen man etwas ratlos sitzt. Und gar nicht einmal, weil das Thema zu schwer oder zu unbequem wäre. Oder weil einem nichts einfallen würde. Sondern einfach nur, weil jemand schon alles geschrieben hat. Das war in diesem Fall Isa, die ansonsten nicht gerade zum Early Bird neigt, aber jedem seine Chance, man muss auch gönnen können, schon klar.

In ihrem Artikel stehen jedenfalls etwa 99% dessen, was ich auch geschrieben hätte, wenn sie sich nicht vorgedrängelt hätte, weswegen ich da nur noch einige Ergänzungen hinterher werfe.

Da ist zum einen die Sache mit dem WLAN und da könnte ich mich immer noch aufregen. Ich finde es wirklich nicht mehr lustig, dass es keine Veranstaltung dieser Art mit funktionierendem WLAN zu geben scheint, das kann doch nicht mehr wahr sein? Was erlauben Saaltechnik? Ist das denn wirklich unmöglich? Sie dürfen jetzt im Chor “Wir fliegen doch auch zum Mars…” murmeln. Ich begreife es nicht. Man macht eine Veranstaltung mit Vorträgen, in denen es zu nicht gerade geringen Anteilen auch um moderne Technik geht, man betreibt einen immensen Aufwand, um diese Veranstaltung angemessen modern zu inszenieren, man lädt Blogger und Twitterer ein, die diese tollen neuen Kommunikationstechniken lieben – und dann gehen alle in einen Saal, in dem genau diese Technik nicht funktioniert. Kein WLAN, kein Internet. Kein Twitter, kein Facebook. Wir hätten Zettelchen mit Botschaften herumreichen können, wie damals in der zehnten Klasse, ganz großer Retro-Spaß. Da sitzt die ganze hippe Meute der willigen Veränderer kollektiv zusammen und redet über ziemlich abgefahrene Dinge und Lösungen. Aber die Basics, die Basics. Herrje.

Dann der Saal. Es wäre vielen Menschen in Hamburg gedient, wenn man den kleinen Saal der Laeisz-Halle einfach ein Schild schrauben würde: Für Veranstaltungen über zwei Stunden Länge verboten. Dann würden solche Veranstaltungen vielleicht künftig in vernünftig belüfteten Gebäuden stattfinden.

Dann der “style”. Als etwa der Chef von change.org sprach, hatte ich nach den ersten zehn Minuten, als er etwa hundertmal die Begriffe “love”, “passion” und “awesome” erwähnt, rührende Bilder gezeigt und mit bebender Unterlippe an sein Herz gefasst hat, das dringende Bedürfnis, ihn kurz zu unterbrechen und zu fragen: “Haben sie vielleicht auch etwas in Excel dabei?” Vermutlich bin ich einfach zu norddeutsch für so etwas. Ich habe gar nichts gegen ein wenig Pathos, aber eine Überdosis davon ist dann doch furchtbar. Leider greift aber dieser Style, der dem TEDx-Format natürlich im Kern innewohnt, auf etliche der Beteiligten über, so dass auch die Veranstalter und nicht wenige der Gäste so reden. Alles voller love, alles awesome, alles oh so great and wonderful and inspiring, oh so inspiring. Zucker mit Honig auf Nutella an Sahne, wie bei einer Teambuildingmaßnahme in einem Großkonzern mit durchgeknallten Animateuren.

Ich werde mit dem Format also nicht recht warm, es ist aber dennoch immer auch interessant. Man lernt ohne Zweifel etwas, sei es über den Mobilmarkt in Afrika, sei es über Petitionsplattformen, über Techniken des Widerstands in totalitären Systemen, über Hilfsmittel für Blinde. Themen, mit denen man gar nicht rechnet – und das ist auch gut so. Der Überraschnungseffekt ist wirklich ein Vorteil der TEDx, man weiß zwar in etwa, was einen erwartet, lässt sich dann aber doch von den Details überraschen, nicht selten positiv. Wobei, das kann man auch nicht übersehen, die Gästeschar natürlich nur aus den üblichen Verdächtigen besteht. Das sind die Interessierten, die Aufgeschlossenen, die Hipster, die Webjunkies, die Start-Upper und so weiter. Eine Szene, die zusammengehört. Das hat mit dem Titel der Veranstaltung “Urban Connectors” nichts zu tun, hier verbindet sich im Publikum erst einmal gar nichts, die sind nämlich alle schon verbunden. Da kommen keine verschiedenen Zielgruppen zusammen, da mischt sich nichts, da wird nichts connected, das ist gar nicht so awesome.

Aber dennoch, es ist interessant. Man nimmt immer irgendwelche Anstöße mit, es sind immer Vortragende da, die Bewundernswertes leisten, die sensationelle Ideen hatten, man denkt hinterher immer, dass man selbst auch mehr machen könnte, müsste, wie auch immer.

In Hamburg gibt es seit ein paar Tagen neue Mülleimer. Die haben einen Deckel mit Solarzellen, aus denen gewinnen sie Energie, um den Inhalt zusammenzupressen. Dadurch passt jetzt etwa sechsmal mehr Müll in diese Mülleimer. Wenn sie voll sind, dann merken sie das und schicken automatisch eine Mail an die Stadtverwaltung und die schickt dann die Truppe los, die diese Mülleimer leert. Das ist ein schöner, eleganter, zeitgemäßer Prozess, das sieht man sich an und denkt: “Ja, das passt in die Zeit und in die Stadt, da hätte man auch früher drauf kommen können.” Und man kann sich sehr gut vorstellen, dass solche Ideen auf Veranstaltungen wie der TEDx geboren, befördert oder weitergesponnen werden. Die Mülleimer wären übrigens auch ein nettes Thema für einen Vortrag mit lokalem Bezug gewesen.

Die TEDx schafft schon eine Szenerie, in der solche Ideen viel möglicher scheinen, als sie es im Alltag vielleicht zunächst sind. Und das ist es ja allemal wert. Wenn jemand so eine Veranstaltung noch nicht erlebt hat – da verpasst man schon auch was.

 

11 comments

  1. Petra

    Wer außer den üblichen Verdächtigen sollte denn kommen?
    Normalos wie meinereiner, die ungefähr nur 1/3 von dem verstehen, was da auf Englisch gesabbelt wird? Ohne Untertitel?
    Ich habe parallel gerade Steffen Brauns Video laufen. Der würde mir schon in Deutsch zu schnell reden.
    Ich würde wahnsinnig gern mal auf eine solche Veranstaltung gehen. Aber am Bildschirm zu Hause ist es einfacher. Und luftiger.

  2. Falk

    Ich glaube, das ist zu kurz gedacht. In welcher Sprache sollten solche Vorträge denn gehalten werden – auf Deutsch? Vorträge, in denen es um Vernetzung geht? Englisch hat sich mittlerweile als Lingua franca durchgesetzt, in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Technik – und wer sich durch drei, vier solcher Veranstaltungen durchgekämpft hat, der versteht auch was. Wenn man allerdings von vornherein sagt „Englisch, versteh‘ ich nicht, ich bleib‘ zu Hause“, der lernt es dann aber auch nicht.
    Das von Maximilian angesprochene Problem der eingeschworenen Gemeinschaft bleibt allerdibgs unabhängig davon bestehen.

  3. Walküre (@maria_hofbauer)

    Ich bin gerade virtuell über die Mülltonnen gestolpert.
    Wäre es nicht awesome, weniger Müll zu produzieren bzw. das Prinzip der Mülltrennung besser zu kommunizieren?

    (Sagt eine, deren alle vier Wochen geleert werdende Mülltonne regelmäßig halbleer ist.)

  4. kid37

    @ Falk: Bei „Lingua Franca… in der Kunst“ habe ich immer so leichte Schmerzen. Einheit(sbrei) und Kultur gehen ja nicht unbedingt förderlich Hand in Hand, man könnte auch die Vielfalt loben. Bei diesen Kongressen muß man fragen, an wen sie sich richten. Wenn da eine (Experten)Gruppe unter sich bleiben möchte, dann kann man das so machen. Wenn man eine Publikumsveranstaltung sein möchte (was die TEDx ja wiederum auch ist), könnte man auch andere Überlegungen anstellen. (Ich wollte nicht „Abholen, wo die Leute rumlungern“ sagen ;-))

  5. nachtschwester

    Zufällig habe ich im Moment einen anderen Tab offen, der Ihre Frage nach der Excel-Tabelle passend illustriert. SIe sind bloß in einem anderen Kommunikationsmuster verhaftet. Seien Sie froh, dass Sie es nicht mit Türken oder Schweden zu tun hatten!

  6. Rebekka

    Hatte ich diesen Link sogar von dir? Ich weiß es nicht mehr, er passt jetzt jedoch ganz famos hier hin:
    bratton.info/projects/talks/we-need-to-talk-about-ted

  7. Mela

    Neben dem schlechten WLAN auf vielen solchen Veranstaltungen gibt es noch ein anderes Problem: Strom.

    Da reist ein Rudel Menschen mit viel Technik im Gepäck an und hören sich – mit Pausen – 8-10 Stunden Talks an, sollen über diese auch Bloggen, Twittern, Fotos machen und Filmchen drehen. All das braucht Strom. Und selbst wenn die meisten die dicken Zusatzakkus eingesteckt haben, manchmal gibt es doch Engpässe oder Geräte die doch gerne eine Steckdose hätten.

    Aber fast nie gibt es Steckdosen an den Plätzen und auch keine Tankstelle irgendwo zentral.

    Ist ja nicht so, dass sie dafür kein Geld verlangen dürften. Können sie gerne machen. Aber es kommt ja erst gar niemand auf die Idee.

  8. Hermann K.

    Kennen Sie diesen Effekt beim Lesen von Tageszeitungen? Manchmal wird über etwas berichtet, was man zufällig miterlebt hat oder bei dem man sich auskennt. In diesen Fällen wundert man sich wieso der Artikel in der Zeitung so viele Fehler enthält.

    So geht es mir auch bei TED. Höre/sehe ich mal was über ein Thema, bei dem ich mich zufällig auskenne, wundere ich mich über den Inhalt des Vortrages.

  9. Kirsten

    WLAN: Dann müsste man wahrscheinlich an einen etwas weniger pittoresken (und vielleicht weniger zentralen) Veranstaltungsort gehen – die Laeiszhalle (sitzen da die Vokale?) hat ja schon Schwierigkeiten mit der Technik für die Veranstaltungen, für die sie ursprünglich gedacht wurde – hab mal jemanden von dort neidisch darüber sprechen hören, was die Berliner Philharmoniker alles an (Fernseh-/Übertragungs-/Aufnahme-)Technik installiert haben und sie nicht …

    Und Gruppen unter sich: Das lässt sich sicher nur mit viel Aufwand ändern, denn es ist bei anderen Veranstaltungen (auch wieder: das klassische Konzert, wofür die Laeiszhalle sonst so steht) doch nicht anders – nur halt eine andere, in sich geschlossene Gruppe (mit mehr grauem Haar).

  10. Sven Bublitz

    Nun hast Du – mit den „wenigen Ergänzungen“ doch noch einen ganz passablen Blogartikel geschrieben… :-)

    Ich war auch dort, und muss schon sagen, dass das Event bei mir wirklich nachwirkt. Schon etwas anders, als die Videos im Netz.

    Und auch mir ist das Folgen in der Fremdsprache etwas schwer gefallen, ich finde es aber wichtig – ich will es mit jedem Event, Film oder Mit jeder Reise weiter lernen und üben!

    Hier sei übrigens kurz die DuoLingo-App erwähnt, die ganz passabel dabei hilft.

    Was hat es also bewirkt? Es hat meinen Blickwinkel für diesen Tag etwas verändert. Es hat mich tolle Menschen „live“ sehen lassen. Und ich hab mein erstes Ticket für Falschparken im Wohngebiet (15,00 EUR) bekommen.

    Mein TEDx Anhänger hängt nun in meinem Büro, und erinnert mich an einen tollen Tag. Nächstes Jahr will ich wieder hin… :-)

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