Ich komme gerade gar nicht dazu, die Leseliste für den März zu bloggen, aber das Format hat vermutlich ohnehin wenig Anhänger, also ist das wohl egal. Aber etwas ist vielleicht dennoch interessant, ich habe nämlich beim Lesen etwas umgestellt – und das werde ich wohl auch beibehalten.

Eine Umstellung, auf die ich durch meinen eigenen Wirtschaftsteil kam, da war nämlich neulich ein Link drin, in dem es um einen Imbiss  in den USA geht, der nur Gerichte aus den Regionen anbietet, mit den sich die USA gerade herumstreiten. Also etwa Kimchi aus Nordkorea usw. Und das, dachte ich, kann man ja auch literarisch ganz ähnlich umsetzen. Ich warte allerdings nicht auf tatsächliche, diplomatische oder potentielle Kriegshandlungen zwischen Deutschland und anderen Staaten, ich achte einfach darauf, was in den Nachrichten vorkommt. Also jetzt etwa die Ukraine. Kenne ich Literatur aus der Ukraine? Keine einzige Silbe. Kurz recherchiert und ein Buch bestellt, reingelesen und ganz schnell ein interessantes, aufregend anderes Bild von Kiew im Kopf gehabt. Obwohl das kein ukrainischer Dichter war, sondern ein Russe aus Kiew, aber das passt natürlich in dem Fall schon. Andrej Kurkow, “Picknick auf dem Eis”, ein Roman aus der Ukraine in der Postsowjetzeit, übersetzt von Christa Vogel. Also ein Roman aus einer beinharten Zeit. Ukrainer würden evtl. bezweifeln, dass sie dort jemals andere Zeit erlebt haben, schon klar.

Ein Journalist schreibt in diesem Roman Nachrufe auf Vorrat für eine Zeitung. Als die Menschen passend zum Timing seiner Nachrufe zu sterben beginnen, eskaliert die Angelegenheit bemerkenswert schnell, fordert beträchtlich viele Menschenleben – und die ganze Zeit begleitet die Hauptfigur ein depressiver Pinguin als Haustier, den der Zoo mangels Futter irgendwann loswerden musste. Ein Pinguin, dessen seltsam niederschmetternde Anwesenheit in der Wohnung man nach den ersten 100 Seiten förmlich spüren kann. Und ja, das Buch lohnt schon wegen des Pinguins.

Ich weiß jetzt natürlich nicht mehr über die Lage in der Ukraine. Aber die Nachrichten sind doch anders geworden. Ich sehe andere Bilder zu Kiew, ich weiß ein paar Kleinigkeiten mehr aus dem Alltag dort, ich weiß, welche Szenen man sich dort als Autor vorstellen kann oder konnte. Das dreht dann doch ein wenig mehr Farbe ins Bild.

Parallel dazu lese ich weiterhin den Rumänen Panait Istrati, im Moment “Codin”, das ist ein schmaler Band aus seinem nicht ganz kleinen Erzählwerk. Aus dem Französischen von Elisabeth Eichholtz. Da geht es um wüste, wirklich wüste Lebensläufe aus einer Region Europas, in der einmal so viele Sprachen und Völker durcheinander lebten, dass man beim Lesen gar nicht mehr mitkommt. Man versteht aber doch, dass die Menschen damals, vor dem Zweiten Weltkrieg, ganz selbstverständlich miteinander und durcheinander lebten, auf engem Raum. Sie teilten Straßen, Häuser und Geschichten, natürlich auch Liebesgeschichten, und trugen doch ihre Aversionen gegen die jeweils anderen, gegen die Griechen, Juden, Rumänen, Türken, Armenier, Serben, Deutsche wie geladene Waffen mit sich herum, man ahnt die Gefahr auf jeder Seite.

Das lese ich abends und morgens sehe ich, wie die rumänischen Obdachlosen hier ihre Matratzen vor der Kirche einrollen und für den Tag wieder in den Büschen am Spielplatz verstecken. Wenn man diese Menschen nicht als Nachrichteninhalt sieht, sondern als Menschen, dann sind das die Hauptfiguren für einen Istrati von heute. Und das mit den geladenen Waffen, das würden sie vermutlich unterschreiben, wenn sie sich die Gesichter der Deutschen so ansehen. Panait Istrati ist ein großartiger Erzähler, das hat Kawumm und Druck, den kann ich sehr empfehlen, der ist viel zu vergessen.

Zu jeden Nachrichtenthema wird man nicht gerade ein Buch lesen können. Aber so ab und zu? Im Moment liest man viel aus der Türkei in den Nachrichten. Demnächst liegt dann also auch ein Roman von da auf meinem Nachttisch. Empfehlungen gerne in die Kommentare, ich kenne sehr wenig Bücher aus der Türkei.

 

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