Ein Gastbeitrag von Rochus Wolff

In den Wochen und Monaten vor Weihnachten gibt es regelmäßig fast explosionsartig zunehmende Massen von Neuerscheinungen für jene Menschen, die nach Filmmaterial suchen, das sie mit ihren Kindern gemeinsam ansehen können. Da trifft sich, wie bei allen Dingen, die mit Kindern und Geldverdienen zu tun haben, die saisonale Kaufwut mit dem Angebot des Marktes, auch wenn natürlich – leider, leider – die wirklich feinen Angebote zu wenig beachtet werden.

Und wenn das Fest dann geschafft ist, die Lebkuchen verdrückt und das Feuerwerk abgebrannt, dann lassen die Filmverleiher ganz, ganz stark nach. Der Jahresanfang ist in Sachen Kinderfilm erst einmal eine sehr müde Angelegenheit. Im Kino hat sich die Flaute mittlerweile wieder ein wenig gefangen, da ist jetzt der großartige dänische Kindersuperheldenfilm Antboy zu sehen, und für kleinere Kinder bietet Pettersson und Findus – Kleiner Quälgeist, große Freundschaft mehr als solide, wirklich gelungene Unterhaltung.

Aber man kann es sich auch daheim gemütlich machen. Zwei Neuheiten sind da besonders zu empfehlen, beide Großproduktionen aber deswegen tatsächlich ja nicht unbedingt schlechter. Das wäre zum einen Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen 2, (Cloudy With A Chance Of Meatballs 2) die Fortsetzung des Animationsfilms aus dem Jahr 2009, die vor allem ein wilder, sehr witziger Actionritt ist. Der noch ziemlich jugendliche Erfinder Flint Lockwood hatte im ersten Film eine Maschine erbaut, die aus Wasser Essen produzierte – so wurde aus seiner sehr verdrießlichen Heimatinsel irgendwo im Atlantik eine Art Schlaraffenland, erst als Sehnsuchts-, dann als Horrorphantasie. Nun muss er auf die Insel zurückkehren, denn dort leben mittlerweile aus Obst, Gemüse und anderen Speisen entwickelte Tiere, deren genetischer Code vor allem in Sprachwitz besteht (vom Wassermelofant über die Schrimpansen bis zu den Nilpfertoffeln). Die Tiere drohen, die Welt zu übernehmen – oder sind sie vielleicht doch nur freundliche Wesen? Der Fortsetzung fehlt ein wenig die Originalität und vor allem der emotionale Drive des ersten Films, aber sehr, sehr vergnüglich ist das allemal.

Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Foto: Sony Pictures

Zum anderen kommt Anfang April Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (Frozen) auf den DVD-Markt, Disneys Weihnachtsfilm aus dem vergangenen Jahr, den zumindest an unserer Grundschule die meisten Kinder schon gesehen haben – ein spannender und witziger Abenteuerfilm, der am Ende sogar ein wenig von den üblichen Disney-Prinzessinnen-Standards abweicht. Mainstream ist das natürlich schmalziger, aber schöner, sehr gut gemachter Mainstream.

Aus dem Hause Disney kommt auch die zweifellos wichtigste Klassikerneuerscheinung der letzten Wochen: Mary Poppins ist endlich hochauflösend auf Blu-ray erhältlich. Man muss den Film wahrscheinlich kaum vorstellen, viele heutige Eltern haben ja ihre eigenen Kindheitserinnerungen an tanzende Pinguine, Schornsteinfeger oder „Superkalifragilistikexpialegetisch“. Robert Stevensons Film gehört zu den Filmen, die trotz für damalige Verhältnisse (der Film entstand 1964) umfangreicher (und preisgekrönter) Spezialeffekte sehr gut gealtert ist und nie albern wirkt. Gewiss, man kann an weltanschaulichen Details herumkritteln, wie ich das vor einiger Zeit ausführlich getan habe; aber insgesamt ist das punktum halt einer der schönsten, wichtigsten Musicalfilme des 20. Jahrhunderts, den jedes Kind einmal gesehen haben sollte. (Und, versprochen, sie reden dann noch tagelang davon.)

Mary Poppins

Foto: Disney

Auch Mary Poppins freilich hat ein Manko, das zumindest in unserer heimischen Filmschaupraxis eine große Rolle spielt: Der Film ist eigentlich zu lang. Der Alltag unter der Woche erlaubt es eigentlich nie, mal eben neunzig Minuten Film noch unterzubringen (wir schauen aber auch generell im Alltag kein „normales“ Fernsehen, und die Kinder schauen nie allein – wir wollen sofort über das Gesehene sprechen können, und außerdem wollen wir die Filme ja auch sehen!). Und an den raren Wochenenden muss das Wetter schon sehr schlecht sein, bis wir uns die anderthalb Stunden für einen Langfilm an einem Tag nehmen. Wir teilen Filme deshalb meist in zwei oder drei Teile, was aber regelmäßig zu Unzufriedenheit führt; es fehlt eigentlich vor allem an geeigneten kürzeren Formaten.

Bestens geeignet dazu sind natürlich Fernsehserien, die für Kinder meist noch nicht zu lang angelegt sind und deren einzelne Folgen sich wiederum leicht in einen Abend einpassen lassen. Luzie, der Schrecken der Straße werden auch viele Eltern noch kennen – eine perfekte Serie für Regentage im Sommer vor der Einschulung. Neu herausgebracht wurde jetzt aber auch die klassische Serie Die schwarzen Brüder, die in den 1980ern nach einem Roman von Lisa Tetzner entstand. Am 17. April wird dazu ein Film in die Kinos kommen, der Serie – die ich leider selbst noch nicht habe sehen können – eilt aber der Ruf einer sehr sehenswerten Umsetzung um die Erlebnisse Mailänder Kaminkehrerjungen voraus.

Gleich eine ganze Reihe solcher Klassiker gräbt derzeit More Entertainment aus, die für die Reihe The Children’s Film Foundation Collection mittlerweile schon sechs in den 1950er und 1960er Jahren in Großbritannien entstandene Miniserien aufgestöbert hat. Filmpuristen werden sich dabei womöglich an der Form stoßen – der fünfte Beitrag der Reihe etwa, Geheimsache fünf (im Original The Treasure of Woburn Abbey oder Five Clues to Fortune) wurde 1957 als Mini-Serie mit 8 Episoden produziert. Für die erste Ausstrahlung in der ARD wurde daraus in den sechziger Jahren ein zweiteiliger Fernsehfilm; auf der DVD ist nun jedoch die vierteilige Schnittfassung zu sehen, die 1975 im WDR zu sehen war.

Dafür bekommt man in diesem Fall eine höchst klassische Abenteuergeschichte zu sehen: Drei Kinder stoßen auf Spuren zu einem alten Klosterschatz, aber natürlich heftet sich auch ein Bösewicht an sie dran und will ihnen den Fund streitig machen. Ein Hirschgeweih und Tonsplitter bilden den Anfangspunkt, es folgen dann unwahrscheinliche, aber für Kinder höchst nachvollziehbare Indizien, die immer näher auf die Spur führen. Das ist alles sehr aufregend und spannend, obgleich es für heutige Kinderfilme fast schon betulich zuzugehen scheint, und für den nötigen Humor sorgen die ungeschickten Gehilfen des Bösewichts. Wie sich das gehört.

Wer noch lieber einen neueren Kurzfilm genießen will, ist schließlich mit Für Hund und Katz ist auch noch Platz (Room on the broom) gut versorgt, der dieses Jahr auch für einen Oscar als bester animierter Kurzfilm nominiert war. Man sieht dem 25-Minüter sofort an, dass er aus dem gleichen Hause stammt wie der sehr großartige Kurzfilm Der Grüffelo, und auch das gleich Autor/innengespann hinter dem zugrundeliegenden Kinderbuch steckt: Axel Scheffler und Julia Donaldson. Für Hund und Katz ist eine im Grunde klassische Geschichte, eine Handvoll Außenseiter finden sich und raufen sich zunächst eher widerwillig zusammen, und sind am Ende gemeinsam natürlich nicht mehr Außenseiter, nicht mehr allein.

Hund und Katz

Foto: Concorde Home Entertainment

Der Film kombiniert Computeranimation und Zeichentrick, vor allem aber trifft er genau Tonfall, Spannungsmaß und Filmlänge, die man für jüngere Kinder braucht, wenn sie so ab etwa vier Jahren mehr als nur Fünfminutenclips von Molly Monster, Shaun das Schaf oder Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig ansehen können, wollen und womöglich auch sollten.

Wobei, Shaun geht für jedes Alter.

Rochus Wolff

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Seit Januar 2013 beschäftigt er sich im Kinderfilmblog am liebsten mit dem schönen, guten, wahren Kinderfilm. Er lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet hauptberuflich als PR-Mensch und Konzepter für eine Online-Agentur in Süddeutschland.

 

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