Den Satz haben wir alle schon gehört: “Kunst kommt von Können”.  Weil man etwas trainieren muss, bevor man produzieren kann. Weil Übung den Meister macht, weil Hänschen was lernen muss, damit Hans etwas kann usw. Wenn man als Erwachsener zeichnen soll und nicht gerade Künstler ist, dann glaubt man den Satz sofort. Denn was bekommt man schon hin? Fehlgestaltete Tiere mit grauenvollen Proportionen, peinlich dumme Gesichter, eher Fratzen als Porträts. Man muss wirklich viel, viel üben, bevor man etwas so zeichnen  kann, das man es selbst als Kunst durchgehen lassen würde.

Sohn II, das fiel mir neulich auf, malt bisher nicht oder nur selten. Ich habe überlegt und mir fiel nicht ein, wann das Kind jemals vor meinen Augen gemalt hätte. Aber wo gibt es denn so etwas? Nichtmalende Kinder? Haben wir da in der Erziehung etwas vergessen? Beim zweiten Kind nimmt man nicht mehr alles so genau, da passieren schon einmal Fehler. Ich habe ihm sofort Papier und Stift hingelegt und auffordernd geguckt. Er hat den Stift genommen, eine Weile das leere Blatt betrachtet und dann zwei dünne Striche produziert. Krakelig, unsicher und abgebrochen.  Zwei verlorene Kinderlinien, ganz nah am Rand des Blattes. Er guckte lange und nachdenklich auf seine kaum sichtbaren Striche.

Das tat mir leid, man kann so etwas als Vater kaum mitansehen. Vielleicht sollten die beiden Striche ein Mensch werden, ein Baum, ein Hund, ein Haus? Es ist so unendlich schwer, den Impuls der Gedanken in adäquate Bewegungen der Hand umzusetzen. Es dauert so lange, bis man etwas kann und der Wunsch danach ist so groß. Das ist doch furchtbar. Dachte ich.

Bis der Sohn den Stift weglegte und mir mit einem letzten Blick aufs Blatt beiläufig mitteilte: “Papa, ich könnte eigentlich auch Maler werden. Kunst kann ich jetzt ja. “

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

%d Bloggern gefällt das: