Was aus der Katze wurde

Ich werde immer häufiger gefragt, was denn aus der kleinen Katze wurde, die ich hier vor einiger Zeit beschrieben habe. Es ist so, wie viele schon ahnen, die Katze ist nicht mehr da. Manchmal kommt sie für kurze Gastauftritte zurück, aber das sind Ausnahmen. Es hat eine Verwandlung stattgefunden, das Kind spielt jetzt das nächste Level.

Sohn II ist ein typischer Junge, sagen viele. Rauflustig, draufgängerisch, erstaunlich furchtfrei. Mit einem klaren Gefühl dafür, was ihm zusteht. Mit ebenso klaren Plänen, das auch zu bekommen, was ihm zusteht. Rücksicht auf andere ist bei diesen Plänen meist nicht vorgesehen, er hat eine Piratennatur und macht eher Beute als Kompromisse.

Sohn II ist es vollkommen schnurz, was andere von ihm halten, er ist verblüffend autonom in seinen Entscheidungen. Er ist verdammt oft im Recht, das weiß er genau, auch wenn das seine Mutter, sein Vater, sein Bruder, auch wenn das alle ganz anders sehen als er. Er ist er – und er weiß eben, wo es lang geht.

Als Katze konnte er seine andere Seite gründlich austoben. Katzen sind verschmuste Tiere, Katzen wollen dauernd bekuschelt werden, Katzen liegen gerne irgendwo auf dem Schoß herum – und mit diesem Programm hat sich Sohn II in den letzten drei Monaten so gründlich beschäftigt, dass man ihm eine gewisse Expertise wirklich nicht mehr absprechen kann, zumal er jetzt der Liebling aller Mädchen im Kindergarten ist. Alle Mädchen spielen gerne mit Katzen, das war einfach. Er hat sich reihenweise bei den Freundinnen eingeladen und selbst Damenbesuch empfangen. Und dabei ist es dann passiert, dass er selbst zum Mädchen geworden ist. Zu einer Prinzessin, versteht sich, oder, wie hier fast alle Kinder sagen, zu einer “Prumzessin”. Als Prinzessin kann man schicke Kleider mit Glitzer tragen, Krönchen und funkelnden Schmuck, als Prinzessin kann man mit den Freundinnen Kleider und Accessoires tauschen und hat selbstverständlich ein legitimes Interesse an all dem rosafarbenen Spielzeug, das im Spielzeugladen in der Mädchenabteilung liegt.  Prinzessinnen sehen mit großer Begeisterung “Hello Kitty”-Filme und lesen Bücher über Pferdemädchen, das volle Programm eben. Das Mädchen hier heißt übrigens Rosi. Es ist uns nicht klar, wie er auf den Namen kam, aber es gab keine Sekunde des Zweifels an diesem neuen Namen.

Er geht im Kleid zur Kita und diskutiert mit seinen Freundinnen Frisurfragen. Er lässt sich von den Erzieherinnen für seinen modischen Geschmack bewundern und isst zuhause nur noch, wenn rosafarbene Löffel verfügbar sind. Er hat es in bemerkenswert kurzer Zeit geschafft, fast überall Rosi genannt zu werden und korrigiert mittlerweile milde lächelnd die letzten Deppen, die ihn noch anders anreden. Auf seinen tatsächlichen Namen hört er nur noch mit etwas Glück. Vor ein paar Tagen kam er darauf, dass eine Fee wesentlich mehr kann als eine Prinzessin, seitdem läuft er gerne mit Zauberstab und Flügeln herum. Es irritiert bei dieser Fee vielleicht ein wenig, dass sie anderen Menschen gerne mit dem Zauberstab einen überbrät, wenn sie sich auf ihre gemurmelten Zaubersprüche hin nicht freiwillig und schnell genug wie gewünscht verwandeln, aber irgendwas ist ja immer. Die Fee Rosi zaubert eben energischer als andere Wunderwesen.

Viele Jungs im Alter um fünf Jahre herum haben eine Phase, in der sie nochmal schnell die Rollen wechseln, bevor das Dauerbombardement mit Rollenklischees sie endgültig überrollt und festlegt, was anscheinend kurz darauf passiert. Ich gehe hier, versteht sich, von der eher kleinen Stichprobe unseres überschaubaren Stadtteils aus. Viele Jungs haben hier diese Phase, bei den meisten ist sie allerdings auch schnell vorbei. Das Lachen und Auslachen der anderen Jungs ist für die meisten schwer auszuhalten.

Sohn II ist das Lachen der anderen egal. Sohn II wird einfach handgreiflich, wenn jemand zu offensichtlich lacht. Er geht dann davon aus, dass der andere ein Problem hat, nicht er. Auch in der Rolle als Rosi randaliert er ganz gerne mal, auch Rosi weiß, was sie will. Und auch Rosi hat ein tiefempfundenes Recht, sich so zu benehmen und zu zeigen, wie sie gerade Lust hat. Nur starke Jungs können Mädchen sein, ein amüsanter Aspekt der Geschichte. Chuck Norris und Sohn II können in rosafarbenen Strumpfhosen durch die Fußgängerzone gehen.

Bis zur Umbenennung in Tochter I warte ich aber doch ein wenig. Denn erstens klänge das so, als müsste es noch irgendwann eine Tochter II geben, was ganz gewiss nicht vorgesehen ist. Zweitens verwandelt sich Rosi womöglich auf das nächste Level, kaum dass sich die Leserinnen an die Bezeichnung gewohnt haben. Ein Level, von dem wir jetzt noch nicht ahnen können, was es ausmachen wird. Man weiß bei launischen kleinen Mädchen bekanntlich nie, was in der nächsten Stunde passiert.

 

10 comments

  1. slowcar

    Vor allem hat er vollkommen Recht damit dass die anderen ein Problem haben. Wäre diese Ansicht doch nur auch unter Erwachsenen verbreiteter!

  2. Melanie

    Als Mutter eines fast Vierjährigen mit großem Vergnügen an Haarspangen, Schmuck, Nagellack und Labello hat mir das Lesen besonders großen Spaß gemacht!
    An Halloween ist er übrigens im Hexenkostüm mit seiner Oma um die Häuser gezogen (weil seine Eltern nicht so auf Halloween stehen) und es war ihm auch egal, dass manche das seltsam fanden.
    Wir wurden aber auch schon kritisiert dafür, dass wir ihn das alles machen lassen, wo er doch sonst eigentlich auch eher ein „richtiger Junge“ mit Vorliebe für Maschinen, Toben und Rumrasen ist. Kann ich nicht ganz nachvollziehen.
    http://maximumble.thebookofbiff.com/2012/10/05/480-dolled/

  3. Tina

    Volle Punktzahl für diesen Artikel. Unseren Ältesten würd ich ebenso beschreiben. Er hat sich mittlerweile, mit fünf, über-schulterlange Haare wachsen lassen, und das hier auf dem Dorf in der Pampa. Gar nicht mal weil er unbedingt ein Mädchen sein will, sondern einfach weil er’s cool findet. Und es ist ihm völlig egal falls ihm deswegen jemand doof kommt. Ich hoffe das bleibt so, egal ob mit langen oder kurzen Haaren.

    Und als Mutter von insgesamt drei Jungs finde ich, dass dieses Ding mit „typischen“ Jungs- und Mädcheninteressen totaler Quatsch ist. (Noch. Seufz.)

  4. ks

    So eine Fee hatten wir auch in unserer KiTa – vor 2 Jahren war er/sie eindeutig die süßeste Prinzessin. Hat sich aber „ausgemädelt“ und jetzt ist er der totale Macho geworden, der mir als ich meine Tochter abholen wollte sehr cool erklärte, das gehe nun gerade gar nicht, er muss sie nämlich erst noch ausgiebig zu Ende küssen. Frauenversteher…..

  5. Ping: Die Geschichte geht weiter: | sascera macht...?
  6. D. le Nen

    Ein bemerkenswertes Kind! Ich wünsche ihm und seinen Eltern alles Schöne.
    Ich bin zu gespannt darauf, was aus Rosi wurde…

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