Januar/Wie immer

Winterdach

Der Wind pfeift über Nordostwestfalen. Der Wind ist eiskalt, der Wind kommt aus Sibirien. Die Häuser und Scheunen sehen aus, als hätten sie sich zusammengezogen unter ihren Dächern. Alles wirkt klein, verschrumpelt, starr. Der Himmel ist grau und gegen das Grau kommt kaum noch eine Farbe an, auch die Farben haben sich weggeduckt. Aufgeplusterte Vögel in den Bäumen, schimpfend vor dem Futterhaus, unter dem die Katze blasiert und gelangweilt wie immer in die Gegend starrt, als säße sie da zufällig.

Aber das täuscht, auch der Katze ist kalt, sie sitzt da nur drei Minuten und demonstriert Revierherrschaft, dann sieht sie zu, dass sie schleunigst wieder ins Haus kommt, wo sie sich sofort auf der Heizung zusammenrollt und stundenlang Wärme tankt. Wärme für den nächsten Auftritt vor der randalierenden Vogelbande. Kaum ist sie drin, sieht sich ein vorsichtig heranstolzierender Fasan die Sache mit dem Vogelhaus auch einmal an, am Ende kann man von den Meisen und den immer aufgeregten Spatzen noch was lernen?Oben kreist in riesigen Achten der Rotmilan, der es womöglich jetzt doch bereut, nicht in den Süden gezogen zu sein.

Einmal ums Haus gehen und sich den Hof besehen, danach hat man schon keine Lust mehr auf Spaziergänge. So kalt ist es.

Nur dem Uropa der Söhne macht das Wetter nichts aus, er geht flotten Schrittes in Strickjacke zum Komposthaufen, eine Schüssel mit Kartoffelschalen in der Hand. Ein Fuß in einem dicken Verband, er hat gerade einen Zeh an die Zuckerkrankheit verloren. Was weg muss, muss weg, nech! Wie geht’s, frage ich und ziehe mir die Mütze tiefer über meine Ohren, die sich anfühlen, als könnten sie jederzeit abfallen. “Geht schon”, sagt er und zeigt auf seinen irreparabel lädierten Fuß. “Ich hab’s gemacht wie immer.” “Wie immer?” frage ich. “Jo”, sagt er, “wie immer. Wenn du operiert wirst und aus dem Krankenhaus kommst, dann musst du vor der Tür gleich die Krücken wegschmeißen und normal weitergehen. Und dann wird das schon.”

Er tippt auf das Thermometer an der Hauswand, kneift die Augen zusammen und pfeift anerkennend, als er die Zahl da ganz unten im Minusbereich erkennt. Dann geht er lachend wieder ins Haus.

Winteräpfel

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