Nachdem ich im letzten Jahr unfassbar viel Zeit damit verbracht habe, meine Brille dauernd auf und ab zu setzen, habe ich mir endlich eine Gleitsichtbrille bestellt. Es ist lästig, nicht richtig lesen zu können, etwa weil man keine Lust hat, im Winter die Mütze vom Kopf zu nehmen, dann die Brille abzusetzen, dann erst ein Etikett zu entziffern. Wenn man dabei zwei Einkaufstüten und zwei Kinder an den Händen hängen hat, dann nervt das. Außerdem kauft man falsche Produkte, wenn man das Kleingedruckte nicht enträtseln kann. Ich sage nur koffeinfreier Kaffee, zuckerfreie Schokolade, alkoholfreies Bier. Man macht was mit!

Nahezu jeder, dem ich von dem Gleitsichtbrillenplan erzählt habe, wies mich auf die Treppengefahr hin. Mit der Brille, so hieß es, fällt man Treppen runter, so lange sie neu und ungewohnt ist. Weil man damit nach unten durch den Nahbereich guckt, aus der Höhe also alles unscharf ist, auch die Stufen, zack, Unfall. Jeder kannte jemanden, der jemanden kennt, der auf einer Treppe stürzte, sich etwas brach und ins Krankenhaus kam. Wo er dann immerhin mit der neuen Brille prima lesen konnte und sogar noch Zeit dazu hatte, aber egal. Ich dachte immer, Skifahren sei die gefährlichste Freizeitbeschäftigung, das Tragen einer Gleitsichtbrille scheint aber doch wesentlich gefährlicher. Egal, ich trau mich ja was! Und die neue Brille ist toll. Ich kann wieder alles lesen, ich erkenne auf Etiketten sogar die letzte unerfreuliche Zutat aus der Großindustrie. Ich sehe auch wieder, was ich küsse. Das ist praktisch, wenn man nach Hause kommt und die nächstbeste Person in der Wohnung in die Arme nimmt.

Und die Treppen? Eine albern überdramatisierte Gefahr, darauf bin ich natürlich nicht reingefallen. Unfug für Angsthasen! Wenn man Treppen auf allen vieren runtergeht, ist das überhaupt kein Problem.

 

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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