Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im Dezember

Gelesen

Ulla Hahn: Aufbruch. Das ist die Fortsetzung des im letzten Monat besprochenen Buchs “Das verborgene Wort”, am dritten Teil der Reihe schreibt sie wohl gerade. Ich bin nach wie vor angetan, auch wenn die immer weiter zunehmende Betonung der menschlichen Sonderform “klügstes Mädchen der Klasse” allmählich etwas nervt. Außerdem macht sie, was Autorinnen immer machen, wenn sie zu viel Inhalt haben: sie packt geschichtliche Abläufe in Dialoge, die dann klingen, als würde der Brockhaus mit wechselnden Rollen verlesen. Die Leute reden nicht, sie dozieren, damit zwei Kapitel Weltgeschichte in eine Szene am Kaffeetisch passen. Da habe ich es dann doch in der Mitte weggelegt.

Davon abgesehen stellte mich das Buch aber wieder vor ein Rätsel, das mir beim Lesen schon oft begegnet ist, wenn ich von früherem Unterricht an Gymnasien gelesen habe, hier etwa Anfang der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Da wird also der Latein-Unterricht en detail beschrieben und die Schülerinnen reden Latein miteinander. Etwas mühsam, aber sie reden es. Außerdem machen sie sich Gedanken über den Inhalt der alten Schriften, die Präzision Cäsars etc., seinen Stil, seine Politik… und das hat nichts, aber auch gar nichts mit meinem eigenen Lateinunterricht damals zu tun. Der bestand nur aus eher stumpfem Vokabellernen und aus dem sehr drögem Zerkauen der Grammatik. “Sehen sie den AcI?” Und alle so: “stöhn.” Mühsam hangelte man sich da von Satz zu Satz, stockende Übersetzungsversuche, kläglich scheiternd – von flüssigem Lesen konnte überhaupt keine Rede sein, geschweige denn vom Sprechen. Weder ich noch die unerreichbaren Klassenbesten haben auch nur einen Hauch antiker Philosophie, Rhetorik oder literarischer Kunst mitbekommen. Wieso eigentlich nicht? Ist die Schule in den zwanzig Jahren zwischen Ulla Hahn und mir so abgefallen von allen Ansprüchen? 68 und die Folgen? Oder gehöre ich einer Deppengeneration an? Verherrlichen alle ihren früheren Unterricht? Ich verstehe es wirklich nicht.

Peter Kurzeck: Als Gast.

Kurzeck

 

Ein Autor, den ich erst durch seine Todesnachricht kennengelernt habe. Eigenwillig muss man das wohl nennen, was er da schreibt. In der Buchbeschreibung steht das sei “ein ungeheurer, kunstvoll arrangierter Strom von Erinnerungen, Wahrnehmungen und Assoziationen”. Davon abgesehen ist es mitreißend, besonders wenn man etwas sprachverliebt ist. Und das, obwohl es in Frankfurt spielt. Gefällt mir. Wobei man mitreißend nicht falsch verstehen darf, da es keine Handlung im gewohnten Sinne gibt, der Herr denkt mehr vor sich hin. Es passiert nicht viel, in Frankfurt geht jemand über die Straße, ein Kind zieht sich einen Anorak an, es werden viele Zigaretten geraucht, Morgensonne scheint in Dachfenster. Das ist ein hervorragendes Buch, um es abends aufzuschlagen, drei Seiten zu lesen, dabei auf eigene Gedanken zu kommen und dabei einzuschlafen. Und das ist überhaupt nicht böse gemeint.

 Charles Dickens: Meistererzählungen. Deutsch von Trude Fein.

Dickens

 

Das habe ich gelesen, nachdem mir aufgefallen war, dass ich durch irgendeinen seltsamen Fehler in der Matrix die Weihnachtsgeschichte von ihm noch nie gelesen habe, sondern nur aus den zahlreichen Verfilmungen kannte. Tatsächlich macht sie natürlich auch in der Buchform Spaß, ganz erheblichen sogar. Mit großer Begeisterung gelesen. Und nächstes Jahr wieder.

Robert Louis Stevenson: Die tollen Männer. Keine Übersetzerangabe. Das hatte ich früher im Jahr schon einmal angefangen und dann weggelegt, weil andere Bücher dazwischen kamen. Jetzt habe ich es aber wegen des Sturms Xaver wieder fortgesetzt, denn was gibt es Besseres, als während eines ordentlichen Sturmes nachzulesen, wie Großmeister Stevenson einen ordentlichen Sturm beschreibt? Eben.

Katherine Mansfield: In einer deutschen Pension. Deutsch von Elisabeth Schnack, illustriert von Joe Villion. Der Erstling von Katherine Mansfield. Ein Buch über Deutsche, das teilweise immer noch verblüffend gegenwärtig wirkt, und sei es nur in kleinen Nebensätzen, alle paar Seiten erwischt es einen . Sehr amüsant, sehr geistreich, sehr gerne gelesen. Was muss diese Frau für eine innere Freiheit gehabt haben, um 1911 so schreiben zu können.

In einer deutschen Pension

In einer deutschen Pension

 

Vorgelesen

Astrid Lindgren: Weihnachten im Stall. Bilder von Harald Wiberg, übersetzt von Anna-Liese Kornitzky. Eine Mutter erzählt ganz schlicht von der allerersten Weihnacht und wie fast immer trifft die Lindgren einen Ton, bei dem die Kinder einfach mal ruhig zuhören und sehr gut damit zurechtkommen, dass gar nicht viel passiert. Schön. Passend klare und zeitlose Bebilderung.

Raymond Briggs: Oje, du fröhliche. Deutsch von Ingeborg Neske.  Unangefochten das Lieblingsweihnachtsbuch hier und der Grund, warum die Söhne jedem “Verflixte Weihnachten” wünschen. Die Geschichte vom jährlichen Arbeitseinsatz des grummeligen Weihnachtsmanns gehört in jeden gepflegten Haushalt.

Gerda Müller: Was war hier bloß los? Ein geheimnisvoller Spaziergang. Momentan eines der Lieblingsbücher von Sohn II und eines der wenigen umgekehrten Vorlesebücher, das kann nämlich das Kind vorlesen. Im Buch ist kein Text, da sind nur Spuren auf dem Teppich und im Schnee. Spuren, an denen man erkennen kann, was ein Kind und ein Hund da gerade gemacht haben. Das ist für Kinder mit etwa vier Jahren großartig, weil sie dabei üben, Geschichten zu erzählen. Die ganzen W-Fragen, Details im Bild beachten, Logik in der Abfolge, das übt sich alles ganz nebenbei ein, das ist ganz hervorragend gemacht. Das Buch finde ich sehr empfehlenswert.

"Was war hier bloß los?"

Isabel Kreitz: der Laden.

Der Laden

Da gibt es plötzlich einen neuen Laden in der Straße, der verkauft Kinderbedarfsartikel und Erwachsene dürfen gar nicht erst rein. Kinderbedarfsartikel wie etwa Brüllbonbons in den Geschmacksrichtungen Tiger, Löwe oder Puma. Wenn man die gelutscht hat, spricht man lauter als jeder Erwachsene und alle hören immer zu. Lauter Produkte, die für Kinder absolut sinnvoll sind. Sehr beliebtes Bilderbuch hier. Mit Zeichnungen, die auch Erwachsenen ein paar Extraspäße bieten.

Karl Urban:  Die Erde. Unser blauer Planet. Ein Buch aus der “Was ist was”-Reihe des Tessloff-Verlags. Diesen Band hat mir der Autor geschickt, der auch als Blogger vorkommt. Und das Buch kam genau passend, denn Sohn I erreichte gerade die Phase, in der er abends motzend auf der Bettkante saß und als Drama-Queen des Tages mit großer Geste sagte: “Vorschule, immer Vorschule! Ich interessiere mich nicht für die Vorschule! Ich interessiere mich für die Welt!” Weswegen ich dann umgehend mit der Aufklärung über die Welt beginnen konnte. Die Sache mit Tag und Nacht und dergleichen, auch das mit der schiefen Erdachse, da war einer von uns beiden dann schon leicht überfordert und nein, ich möchte nicht drüber reden. Sohn I war begeistert und ist es noch, zumal da auch ganz moderne Aspekte in dem Buch vorkommen. Aspekte, die er schon kennt, der singende Chris Hadfield etwa.

Gespielt
Sagen wir so: ich habe sehr oft die Katze gestreichelt.

Sagaland

Und dann haben wir noch an einem dieser wahnsinnig besinnlichen Nachmittage in der kuscheligen Vorweihnachtszeit einen richtigen Spielenachmittag gemacht, das ist bei uns eher exotisch. Mit Zeit und Keksen und Tee und allem. Und natürlich mit zwei Söhnen, die auf gar keinen Fall verlieren wollten und einer Herzdame, die tendenziell aggressiv wird, wenn jemand Sagaland nicht sofort kapiert. Und einem Familienvater, der auch heute immer noch nicht weiß, was dieses Spiel eigentlich soll, aber ich habe eh keine Ader für Spiele und war Kind, bevor es dieses Spiel gab. Glaube ich. Das war, haha, sehr schön, der Nachmittag. Nach zwei Stunden war die Familie heillos zerstritten, jeder auf seine ganz eigene Art schlecht gelaunt und der Tag tatsächlich recht kurzweilig vergangen. Tolles Konzept, doch, doch.

Gesehen

Die ersten zehn Minuten von “Pippi außer Rand und Band”. Dann eingeschlafen. Die Söhne waren aber begeistert, eh klar.

Gehört

Ein Monat des sozialen Hörens, ich habe mangels eigener Inspiration viel mehr als sonst darauf geachtet, was in meinen diversen Timelines so gehört wird. Und auch einiges gemocht. Etwa:

Walzer für Niemand von Sophie Hunger, empfohlen vom Nuf.

Night Out von Slackwax – empfohlen vom Jazzblogger.

Julian & Roman Wasserfuhr mit einer wunderbaren Version des eigentlich längst totgehörten “Englishman in New York”. Gute Musik zum Arbeiten. Auch via Jazzblogger.

Und von dort kam ich über Umwege irgendwie bei Henry Mancini an, also bei einem Komponisten, von dem wohl jeder etwas kennt. Aber man findet auch so etwas.  Henry Mancini spielt ein Stück von den Beatles. Hier noch schnell das Original. Sehr schönes Video.

Das neue Album von Sting “The last ship” hätte ich ohne einen Hinweis von Volker Weber ganz gewiss nicht angehört, das ist aber ganz anders, als man wahrscheinlich denkt. Mit interessanten Texten, nicht zu vergessen.

Durch Isa kam ich auf Ben Caplan. Etwas speziell, etwas haarig, aber das Album “In the time of the great remembering” fand ich toll. Er klingt so. Und man kann ihn gut sehr laut hören.

 

10 comments

  1. frauziefle

    Sagaland. Entsorgen Sie es in einem unbeobachteten Augenblick, werfen Sie es in das frisch entfachte Feuer einer Müllverbrennungsanlage. Irgend sowas. Aber legen Sie es nirgendwohin, von wo es zurückkehren kann. Stellen Sie keine Fragen – tun Sie es einfach.

  2. Carom

    Was, es gibt für Sagaland kein Let’s Play auf youtube? Kann doch nicht sein – wo ist Gronkh, wenn ein Blogger ihn wirklich braucht?

  3. Die Herzdame

    Wenn der Gatte auf den Rat seiner Blogleser hören sollte und das Sagaland entsorgt, entsorge ich dieses Blog hier. Wenn mir irgendetwas heilig ist….. *KREISCH* *BRÜLL* *PANIK*

  4. Linksaussen

    #latein-unterricht: vermutlich beschrieb ulla hahn eine bayerische lateinklasse, während der werte blogger… nunja. nein, nur ein scherz.
    ich hatte ab der 5. klasse latein und bin nur mangels zustandekommen desselbigen am latein-leistungskurs vorbeigeschrappt, konnte aber trotzdem nicht einen satz sprechen.
    ansonsten aber wurden sehr wohl auch inhalt und stil und politik und götterwelt der diversen autoren behandelt. dank der menschen, die immer für sowas verantwortlich sind: engagierte, leidenschaftliche lehrer. in latein hatte ich erstaunlicherweise ausschließlich exemplare dieser gattung, was sich aber leider auf die quote in gewissen anderen fächern entsprechend auswirkte. das karma muß im gleichgewicht bleiben, schätze ich.

  5. Paula

    Zu Frau Hahn’s Lateinkünsten: bei meinem Lateinunterricht kam auch nicht viel mehr heraus als Lesen und mühsam Übersetzen (heißt das jetzt „Cäsar schlug die Gallier in die Flucht“ oder „“Cäsars Frau schlug ihn auf gallische Art auf den Hintern?“). Das muss an der Anzahl der Wochenstunden und Jahre des Unterrichts gelegen haben, ich hatte nur drei Stunden die Woche, drei (oder 5?) jahre lang. Die waren bestimmt nicht klüger als wir, sondern hatten wahrscheinlich nur mehr Vokabeln drauf.

  6. wahlwienerin

    „Weihnachten im Stall“ ist bei meinem großen Enkel (3,5) ebenfalls sehr beliebt. Der helle, riesengroße Weihnachtsstern in den Illustrationen führte allerdings zu einer Namensänderung: „Mond im Stall“, er besteht auch auf einem dazu passenden Lied, wenn ich ihn ins Bett bringe. Ich glaube, Astrid Lindgren hätte sich gefreut.

  7. Birte

    Sagaland ist ein schönes Spiel, jedenfalls in der alten Ausgabe, die aber auf dem Foto zu sehen war, oder? Eines der wenigen Spiele, die ich mit der großen Tochter recht oft gespielt habe, und sie ist immerhin Ärztin geworden… Ansonsten spiele ich interne, und wenn doch, dann zwar ehrlich, aber um zu gewinnen, nicht um meine Kinder zu bespaßen. Deswegen spielt keiner mit mir ;-), so kann man es auch machen.
    Und Latein – in meiner Erinnerung nur gut, volle 9 Jahre. Herr Clasen… solche Lateinlehrer gibt es gar nicht mehr heute.

Kommentar verfassen