Die Söhne dürfen sich im Supermarkt Überraschungseier aussuchen. Während Sohn I mit der ganzen Erhabenheit seiner sechs Jahre lässig ein paar Eier schüttelt, um am Geräusch und am Gewicht zu erkennen, in welchem wohl das richtige Spielzeug sein könnte, greift Sohn II ohne lange Bedenkzeit zu einem der Eier mit der rosafarbenen Spitze. Sein großer Bruder weist ihn amüsiert darauf hin, dass es sich dabei um ein Mädchenei handeln würde, hilfsbereit will er es für ihn gleich wieder wegstellen. Er ist ein Vorschulkind mit viel Kontakt zu Schulkindern, da wird die Sache mit den Mädchen allmählich heikel und die Farbe Rosa strikt tabu. Wenn wir abends beim Essen über die Freundinnen von Sohn II reden, kann es sein, dass Sohn I aufsteht, kurz weggeht, irgendwo kramt und danach plötzlich mit Gehörschutz am Tisch sitzt. Er kann das Wort Mädchen einfach nicht mehr hören.

Sohn II steht weiter vor dem Regal mit den Überraschungseiern und denkt nach. Die Unterlippe ist leicht vorgeschoben, er kann es nicht haben, wenn andere ihm Regeln erklären, die ihm nicht sofort einleuchten. Dann nimmt er schließlich das rosafarbene Ei seiner Wahl entschlossen wieder aus dem Regal.  Er bittet mich um Geld und geht zur Kasse, die Schultern schon einmal abwehrbereit hochgezogen, falls es da gleich Probleme mit dem blöden Ei geben sollte. An der Kasse beugt sich eine ältere Dame mit freundlichem Blick zu ihm hinunter. Der Sohn steht vor ihr, Wut im Blick, die Angelegenheit ist ihm entschieden zu kompliziert, Eierkauf hat nicht schwierig zu sein. Er dreht das Ei in der Hand und denkt jetzt lieber doch noch ein wenig nach, bevor er es endgültig bezahlt und es kein Zurück mehr gibt. Sein großer Bruder ist ja nicht irgendwer. Dann knallt er das Ei aber doch entschlossen auf das Laufband und sagt sehr laut: “Ich nehm das rosa Ei hier. Das ist ein Mädchenei.” Herausfordernde Blicke, die Fäuste geballt. Die Kassiererin nimmt das Ei und sagt: “Du nimmst eben das Ei, das du möchtest.” Ich stehe daneben und sage: “Wir haben hier immer noch freie Eierwahl in diesem Land.” Sohn II sieht uns an, nickt und sagt: “Ich nehme ein Mädchenei. Weil nämlich, Mädchen sind super.”

Weiter hinten im Laden blättert Sohn I währenddessen ungewöhnlich interessiert in einem Magazin über Gartenbau. Alles ist besser, als öffentlich über rosafarbene Eier zu diskutieren.


 

%d Bloggern gefällt das: