Ein Beitrag von Rochus Wolff

Fragt man eine Filmkritikerin, was eigentlich gerade Gutes im Kino läuft, oder welche DVD man sich aktuell ansehen sollte, erhält man als Antwort meist einen irritierten Blick und ebensolches Schweigen. Kritiker wissen solche Dinge meist nämlich nicht, weil ihre Filmwelt sich nach einer eigenen Zeitmessung beläuft: Sie sehen Filme auf Festivals, in Pressevorführungen Wochen bis Monate vor dem Kinostart – und wer nicht gerade redaktionell damit befasst ist, den Kinokalender aktuell zu halten, hat meist keine Ahnung, ob ein bestimmter Film vor drei Wochen angelaufen ist oder erst in zwei Monaten kommt. Oder gar nicht.

Maximilian war mutig genug, mich dennoch zu fragen, ob ich hier in Zukunft regelmäßig ein paar Empfehlungen und Warnungen einigermaßen aktueller Natur aufschreiben möchte – stets beschränkt auf eines meiner Lieblingsfelder, den Kinder- und Jugendfilm. Das will ich nur zu gerne tun, beginnend, es ist ja diese Jahreszeit, mit Empfehlungen, die man interessierten Kindern (und auch ihren Eltern) bedenkenlos zu Weihnachten schenken kann. Aber natürlich auch zu jeder anderen Gelegenheit. Dass die Filme allesamt mehr bieten als nur kurzweilige Unterhaltung, versteht sich, hoffe ich, von selbst.

Fangen wir an mit einem, ach was, dem Klassiker aus dem Hause Disney schlechthin: Das Dschungelbuch ist seit diesem Herbst endlich auch fürs Heimkino zu haben. Das Studio betreibt seit längerer Zeit eine Strategie der gezielten Verknappung – die großen Klassiker werden immer mal wieder im Kino gezeigt und sind auch auf Video oder DVD zu haben – aber stets nur für einen begrenzten Zeitraum. Das soll das Angebot immer ein wenig schmaler halten als die Nachfrage und gleichzeitig für entsprechenden „Buzz“ sorgen, wenn eine Neuveröffentlichung ansteht. Was soll man sagen: Es funktioniert.

Vorstellen und preisen muss man diesen Film wahrscheinlich nicht – wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das dringend nachholen, aber selbst diese wenigen Menschen haben vermutlich schon irgendwann einmal „Versuch’s mal mit Gemütlichkeit“ vor sich hin gebrummt. Mit seinen Kindern sollte man Das Dschungelbuch allerdings (aber das empfehle ich für jeden Film) gemeinsam ansehen – der Abschied Mowglis von Balu und Baghira am Schluss sorgte bei uns daheim für sehr viele Tränen und Empörung. Was für ein Verrat dieses Menschenkindes an seinen Freunden! (Ab 5 Jahren.)

Eine ganz andere Filmerfahrung bringt Der König und der Vogel, ein eher nicht so weitgehend bekannter Animationsfilmklassiker aus Frankreich. Auch wenn es in Paul Grimaults Film einen (sogar mehrsprachig) sprechenden Vogel gibt – das ist himmelweit entfernt von den sprechenden Tieren des Disney-Universums. Die Geschichte, lose an Hans Christian Andersens Erzählung „Die Hirtin und der Schornsteinfeger“ orientiert, berichtet von dem durch eine Liebesgeschichte losgetretenen Umsturz eines protofaschistischen Herrschaftssystems – ein König (Charles V + III = VIII + VIII = XVI von Takicardie) will sich mit Gewalt eine Schäferin zur Frau nehmen, die einem seiner Gemälde entsprungen ist; ihr Bräutigam (Schornsteinfeger aus dem Bild nebenan) und der erwähnte Vogel lehnen sich dagegen auf. Das ist politisch, aber nie theoretisierend, hochgradig aufgeladen mit Bedeutung, aber nie belehrend.

Faszinierend an diesem Film ist neben der gemächlichen, etwas mäandernden Erzählweise vor allem auch die Ästhetik des Films; nicht nur die Gebäude (das ist vor allem das riesige Schloss des Herrschers) orientieren sich ästhetisch an Gemälden und Skulpturen der klassischen Moderne (Giorgio de Chirico fällt da sofort ein). Studiocanal hat den Film jetzt in seiner Fassung von 1980 auf DVD herausgebracht. (Ab ca. 8 Jahren.)

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Foto: Studiocanal

Ebenfalls aus Frankreich kommt Ernest & Célestine, der Anfang des Jahres mit dem César als bester Animationsfilm ausgezeichnet wurde, und das, was soll man sagen, völlig zurecht. Der Film erzählt, lose an den Kinderbüchern von Gabrielle Vincent orientiert, wie sich der Bär Ernest und die kleine Maus Célestine kennenlernen. Eigentlich leben sie in getrennten Welten – die Mäuse im Untergrund, die Bären oben in ihren Häusern. Beide fürchten einander, und als die beiden sich anfreunden, bringt das die Gesellschaftsstrukturen ganz schön durcheinander. Auch dies ist eine politische Geschichte, weniger radikal als Der König und der Vogel, aber nicht weniger kraftvoll und sehr spannend; und eine Lektion in Zahnhygiene versteckt sich auch darin. Ein bezauberndes kleines Meisterwerk. (Ab 6 Jahren.)

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Foto: Ascot Elite

Nach so vielen Trickfilmen steht mir der Sinn nach etwas ganz Realem, und welche Neuerscheinung wäre dafür besser geeignet als Tom und Hacke? Ein Kinderkrimi aus der Nachkriegszeit, irgendwo in einem bayerischen Provinzstädtchen. Überall sind Kriegswaisen und alleinerziehende Mütter, das Leben ist harsch, der Schwarzmarkt blüht. Thomas Sojer und sein Freund Bartel Hacker werden zufällig Zeuge eines Mordes – was sollen sie nun tun? Norbert Lechners Film, die Namen deuten es an, ist eine Adaption der Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, der vermutlich auch deshalb nur wenige Zuschauer ins Kino locken konnte, weil die Figuren alle in der Mundart ihrer Heimat sprechen – aber das sollte niemand abhalten, im Gegenteil. Tom und Hacke wurde Anfang des Jahres vom Verband der deutschen Filmkritik als bester deutscher Kinderfilm 2012 ausgezeichnet. (Ab 10 Jahren.)

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Foto: Zorro Medien/good!movies

Wenn ich das noch ergänzen darf durch zwei filmbezogene Buchempfehlungen? Da ist zum einen die graphic novel Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen von Jean Regnaud und Emile Bravo: Kein leichter Stoff, sondern im Kern die Geschichte eines kleinen Jungen, der langsam begreift, dass seine Mutter nicht verreist, sondern gestorben ist. Herzzerreißend, in bezaubernden Panels erzählt und mit schönen Nebenfiguren – aber nichts für kleine Kinder, vermutlich frühestens ab 10 Jahren verträglich. Marc Boréal und Thibaut Chatel haben daraus gerade einen schönen Animationsfilm gemacht, der das Ganze auch für jüngere Kinder verdaulicher gestaltet; bis der aber seinen Weg in deutsche Kinos findet, wird wohl noch eine Weile vergehen.

Und dann das unfassbar brüllend komische Werk Doktor Proktors Pupspulver von Jo Nesbø, von Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übersetzt. Der Name sagt eigentlich schon alles, verrät aber nicht die aberwitzigen Volten, die diese Geschichte so schlägt. Die Dreharbeiten zu einer Verfilmung wurden im Sommer abgeschlossen; aber ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn der Film dem Buch auch nur annähernd gerecht werden kann. (Wegen einiger beängstigender Szenen am besten erst für Kinder ab 8 Jahren.)

Bei so viel Behaglichkeit möchte ich den Text noch auf einer aggressiven Note gen Adventszeit ausklingen lassen: Unbedingt und ohne jede Einschränkung sollte man davon absehen, womöglich den Animationsfilm Jets – Helden der Lüfte zu verschenken. Dieser Film vereint alle negativen Eigenschaften, die man computeranimierten Streifen gerne nachsagt: Er ist billig gemacht, kalt und leblos, ohne Gespür für interessante Geschichten oder Figuren und mit dem ästhetischen Niveau einer Sondermüllhalde. Der Verleih Splendid hatte den Film in Deutschland zwei Monate vor Disneys Planes (mit dem er mehr als nur eine Namensähnlichkeit teilt) ins Kino gebracht, um von dessen Medienpräsenz zu profitieren. Mit anderen Worten: ein in jeder Hinsicht schamloses, grässliches Artefakt, dem man keine Aufmerksamkeit schenken sollte. (Gar nicht. Auf keinen Fall. Never.)

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Seit Januar 2013 beschäftigt er sich im Kinderfilmblog am liebsten mit dem schönen, guten, wahren Kinderfilm. Er lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet hauptberuflich als PR-Mensch und Konzepter für eine Online-Agentur in Süddeutschland.

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