Ich war mit der Familie also auf Mallorca. Da stand ich am ersten Tag vor dem Pool und dachte, da muss ich rein, und zwar sofort. Und dann bin ich da auch reingegangen. Kurz darauf stand ich am Meer und dachte das gleiche, das ging tagelang so weiter, ich war dauernd im Wasser und ich fand es schön da drin. Das klingt vielleicht ganz normal, ist es aber nicht. Ich habe das nämlich immer gehasst. Kaltes Wasser, schrecklich. Schwimmen, völlig überschätzt. Badekleidung, ich muss doch bitten, wem steht denn so etwas. Chlorwasser riecht furchtbar, am Strand wird man überall sandig, in Seen gibt es Blutegel und was weiß ich was, das fand ich alles grauenvoll. Ich war immer der, der lieber im Anzug an der Poolbar im Schatten saß. Die Herzdame hat sich immer über meine Aversion gegen das Baden amüsiert, die Söhne wussten, ich war der mit dem Buch am Beckenrand.

In meiner Jugend in Travemünde damals, da war ich natürlich eine Wasserratte, wie alle dort, jeden Tag im Meer, den ganzen Sommer über. Aber später, als Erwachsener – nie mehr. Wasser war immer nur etwas für die anderen. Und jetzt, ganz plötzlich, ist es doch wieder meins. Und wie! Morgen gehe ich gleich eine Mehrfachkarte für die Schwimmhalle kaufen und ich plane auch schon den nächsten Badeurlaub. Mehr Wasser!

Das ist natürlich nur eine kleine Veränderung der Vorlieben. Sie zeigt aber, dass man seinen Vorlieben nicht über den Weg trauen sollte, man ist einfach nicht konstant. Wenn man etwas nicht oder nicht mehr mag – einfach entspannt 20 Jahre abwarten. Vielleicht mag man es dann doch. Das gilt nicht nur für das Schwimmen, das gilt auch für andere Vorlieben, das gilt womöglich auch für die Partnerschaft! Wenn man sich gerade nicht versteht – einfach mal 20 Jahre abwarten, schon geht es wieder.

Finden Sie es nicht übrigens auch irgendwie seltsam, dass ich immer noch keine Lebenshilfekolumne habe?

 

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

 

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