Kürbissuppe nach Stevan Paul

Wie hier bereits angekündigt, gibt es in diesem Blog jetzt jede Woche ein Rezept aus diesem Buch. Na gut, fast jede Woche. Nächste Woche etwa gibt es hier kein Rezept, nächste Woche gibt es hier nämlich nichts, gar nichts. Nada, Pause, aus, gone fishing. Übernächste Woche geht es dann aber selbstredend weiter im Programm.

Unbenannt

Ich hatte es mir ja ganz nett vorgestellt, in aller Ruhe ein Rezept nachzukochen. Dabei schön Musik hören und wie nebenbei ab und zu ein schickes Foto inszenieren, appetitlich drapierte Zutaten, geschickt ausgeleuchtetes Gemüse auf altem Holz neben dem Familiensilber, na, wie es die Foodblogger eben so treiben, Sie kennen das. Glückliche Kinder, die nach Rohkost schnappen, dankbare Küsse nach dem Nachttisch, das Bier mal aus dem Glas statt aus der Flasche, ach, man hat so Illusionen.

Tatsächlich war es aber prompt so, dass ich an dem Tag keine Sekunde Zeit für dieses Projekt über hatte, also die Herzdame in die Küche schickte und selbst wieder an den Schreibtisch ging. Die Deadline, die Deadline. Zuvor haben wir den Söhnen noch froh verkündet, dass es Kürbissuppe geben sollte. Das war klug von uns gewählt, dachten wir, denn Kürbissuppe mögen beide Söhne, wir wollten die Reihe bewusst mit einem gelungenen Essen für alle beginnen. “Menno”, antwortete Sohn I, was ich als souveräner Vater sofort dahingehend deuten konnte, dass er heute gerade keine Kürbissuppe mögen würde. Der Geschmack von Kindern ist unergründlich. Dieser Verweigerung schloss sich sein Bruder spontan zwanglos an und beide griffen mit verbiesterten Gesichtern nach den Lebensmitteln, von denen sie hier sowieso größtenteils leben. Sohn I also zu Schwarzbrot und Heringssalat, Sohn II zu Dosenmais. Die Herzdame und ich sind darüber hinaus, uns über so etwas noch aufzuregen.

Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch und fing an zu tippen, wurde aber nach zehn Sekunden gestört, weil die Herzdame merkte, dass sie einen Hokkaido nicht ohne die Bärenkräfte ihres Mannes zerlegen kann. Ich säbelte den Kürbis für Sie durch und ging zurück an den Schreibtisch. Neuer Satz, neues Glück. Nach drei Silben fragte die Herzdame, ob ich nicht noch eben die Zwiebel? Weil sie das doch nicht so gut abkönne, mit den Augen?

Die Stimmung wurde etwas gereizt, Hektik ist meist nicht gut für Beziehungen. Ich machte die Küchentür entschlossen wieder hinter mir zu und ließ die Herzdame diskutierend mit den Söhnen zurück, die irgendwas wollten oder nicht wollten, weiß der Kuckuck, ich hatte wirklich keine Zeit mehr. Ich fing wieder an zu schreiben, wurde dabei aber von Sohn II gestört, der mit einer Tüte Kürbiskernen aus der Küche gekommen war und mich fragte, was das denn wieder sei. Und ob man das am Ende essen könne? Ich nahm die Finger von der Tastatur und erklärte dem Kind Kürbiskerne. Er probierte und ging dann versonnen nickend und knabbernd weiter, eine üppige Kürbiskernspur hinter sich lassend, in Richtung Kinderzimmer, wo er ohne Zweifel seine Beute im Bett verstecken wollte. “Oh Hänsel, mein Hänsel”, sagte ich zum Sohn, der mich verständnislos ansah. Kannte er etwa Hänsel und Gretel nicht? Die Spur aus Brosamen? Habe ich das am Ende noch nie vorgelesen? Und wozu gibt man das Kind eigentlich in eine Kita? Was machen die da den ganzen Tag?

Unbenannt

Ich schilderte ihm das Märchen in Kurzfassung und ging zurück an den Schreibtisch, wo sich zwischenzeitlich allerdings Sohn I hingesetzt hatte und größere Mengen Heringssalat in meine Tastatur massierte. “Papa, ich schreib auch was!” rief er mir vergnügt entgegen. Manche Tage sind deutlich anstrengender als andere.

Die Herzdame kochte währenddessen den angedünsteten Kürbis mit Kartoffeln, einer Zwiebel und einem Apfel in Brühe und Sahne und würzte das, darauf wäre ich nicht gekommen, mit Anis und Honig. Merken Sie sich das, es ist nämlich toll. Dann briet sie in einer Pfanne Mandelblättchen und Kürbiskerne, die wir Sohn II erst wieder mühsam entwenden mussten, fragen Sie nicht. Die Suppe wurde püriert, mit Apfelessig, Pfeffer und Salz abgeschmeckt und mit saurer Sahne serviert.

Unbenannt

Die Herzdame und ich waren begeistert, das ist tatsächlich viel besser als meine eher einfallslose Kürbissuppe, die ich sonst immer gekocht habe. Das kommt hier jetzt nur noch so auf den Tisch. Fleisch vermisst bei dem Rezept vermutlich kein Mensch. Die Kombination von gerösteten Mandelblättchen und Kürbiskernen finde ich so gut, ich wäre fast geneigt, sie als Hauptspeise mit einem leichten Kürbissuppendressing zu essen.

Abschlussurteil der Herzdame: “Sehr lecker.”
Abschlussurteil Sohn I: “Suppe? Welche Suppe?”
Abschlussurteil Sohn II: “Wo sind meine Kerne? Das sind meine Kerne!”

Unbenannt

 

22 comments

  1. Isabo

    Wenn man den Kürbis vorm Schlachten für 10 Minuten in den 100 °C warmen Ofen legt, braucht man gar keine Bärenkräfte.

  2. Mama arbeitet

    Ich sehe es vor mir! Herrlich! (Insbesondere den in die Tastatur massierten Heringssalat und den Sohn, der seine Beute im Bett verstecken wollte).

    Somit ist dieser von mir sowieso sehr geschätzte Blog auch zu meinem Lieblingsblog in der Rubrik „Kochen“ aufgestiegen. „Produkttests“ mag ich auch nur bei Herrn Buddenbohm. Du willst wohl Preise in allen Kategorien absahnen?

  3. katha

    wer die essenz der guten küche in einem satz, nämlich diesem hier

    „Die Kombination von gerösteten Mandelblättchen und Kürbiskernen finde ich so gut, ich wäre fast geneigt, sie als Hauptspeise mit einem leichten Kürbissuppendressing zu essen.“

    erfasst, um dessen söhne mache ich mir im kulinarischen sinne nicht die geringsten sorgen. man kann ja auch jeden bestandteil einer speise mit ein paar tagen (wochen/monaten) abstand nacheinander essen, irgendwann in ferner zukunft wächst alles zusammen, ganz bestimmt.

  4. schelli

    wunderschöne geschichte!
    thx!
    nebenbei: die suppe versuch‘ ich. klar doch.
    und stevans buch…liegt schon aufgeschlagen auf dem tisch.

  5. Clara Himmelhoch

    Ich koche den Kürbis kurze Zeit als ganze Frucht (bei Hokaidos reichen meine Töpfe größenmäßig aus) und beim Zwiebeln schneiden setze ich immer einer Schwimmbrille auf.

  6. Ping: Wie die Foodblogger es eben so treiben. Von Foodfotografie, Illusionen und Hoffnungen. | GourmetGuerilla
  7. Kasumbi

    Ich bin heute zum ersten mal hier, durch Mels Link auf gourmet guerilla, aber definitiv nicht zum letzten Mal!
    Ich liebe Blogs, jedoch nicht die „Ich zeige meine perfekte Familie, meine perfekte Küche, mein perfektes Leben.“
    Ich preferiere deutlich, die mit Matjes in der Tastatur oder Honigfinger auf dem iPad, oder so. Die, wo ich mich eher zu Hause fühle halt.
    Da habe ich scheinbar heute einen gefunden.
    Danke! Ich habe mich köstlich amüsiert.
    Kasumbi

  8. Susanne

    Entschuldigung vielmals Herr Buddenbohm, ich habe Sie mit Stevan Paul verwechselt, dachte er bzw. seine Frau hat ein (neues) Blog und Buddenbohm hieße seine Frau. Nochmals Entschuldigung 😉
    Herzliche Grüße
    Susanne

  9. Ping: gesammelte lieblinks ::: ungefähr was mit conni, foodbloggern und pink
  10. Ping: Zwiebelsuppe | Herzdamengeschichten
  11. Ping: Sie spricht mir aus der Seele… « sascera macht...?
  12. Rügenfrau

    Die Kürbiskerne im Bett trösten mich herrlich über all das hinweg, was ich so in den letzten Tagen in den Betten meiner Kinder gefunden habe, als ich sie umzugsgerecht demontieren musste … die Betten meine ich natürlich 😉

    Eine herrliche Geschichte, ich komme jetzt öfter zum Lesen hierher.

  13. Ping: photographs on a foodblog are ALWAYS perfect… or are they not? | a spoonful of gorgeousness

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