Einmal über die Straße

Die Söhne haben etwas, was nicht alle Kinder haben, sie haben noch Urgroßeltern. Die leben in einem Anbau des Hauses der Großeltern im Heimatdorf der Herzdame in Nordostwestfalen, wohin es die Urgroßmutter damals auf der Flucht verschlagen hat. Sie kommt aus einer Gegend weit im Osten, deren Name uns heute fast nichts mehr sagt, bei der Nennung dieser Landschaft tauchen längst keine Bilder mehr auf. Sie kam damals rüber, als alle kamen. Der Urgroßvater, ein Niedersachse, hat etliche Berufe in seinem Leben gehabt. Er war Knecht, als es noch Bauern gab und Maurer, als man Wände noch aus Ziegeln baute. Er war Schweißer und es gibt heute noch eine Rutsche in einem Freibad in der Nähe, die er irgendwann zusammengeschweißt hat. Zwischendurch war er sogar einmal Fährmann an der Weser, das klingt fast romantisch. Wahrscheinlich war es das gar nicht. Er hat immer einen Weg gefunden, die Familie über Wasser zu halten, er hat immer gearbeitet. Das tut er auch heute noch oft. Natürlich sind die Urgroßeltern jetzt beide schon sehr alt, aber wenn es etwas in der Wohnung oder am Haus zu tun gibt, dann machen sie alles selbst, wenn es irgend geht. Oder im Garten. Sie pflücken gemeinsam Stachelbeeren oder Pflaumen und kochen sie ein. Sie sitzen sich schweigend gegenüber, säubern stundenlang Früchte und jeder weiß, was zu tun ist, da muss man nicht mehr viel reden. Ihre Wohnung ist immer so aufgeräumt und sauber, wie es unsere seit Jahren nicht mehr war. Sie haben einen Lebensrhythmus, nach dem man die Uhr stellen kann. Sie verlassen fast nie das Dorf, kaum den Hof.

Man muss sich die beiden als zufriedene Leute denken. Sie haben nie große Ansprüche gehabt.

Unbenannt

Man kann sich kaum vorstellen, was die beiden von der Welt mitbekommen. Wenn sie gemeinsam kochen, hören sie dabei Schlager im Radio. Sie lesen beide in der Fernsehzeitschrift und in der regionalen Tageszeitung. Im Wohnzimmer steht fast als einziges Buch ein Bildband über die große Flucht 1945 im Regal, neben dem schmalen Telefonbuch des Ortes und den Büchern, die ich geschrieben habe. Ich weiß nicht, ob sie die jemals gelesen haben. Neben der Stereoanlage liegt eine verstaubte Cassette, mit der Hand beschriftet: Partyhits 1980. Darunter, kleiner: Sun of Jamaica. Wenn im Fernsehen Nachrichten laufen, sitzen sie kopfschütttelnd davor: “Nee, nee. Was das nun wieder ist.” Das mit dem Internet finden sie aber gut, sagt die Urgroßmutter, weil sie in der Familie mitbekommen haben, dass die jungen Leute damit leichter Partner finden, das sei doch ganz praktisch. Wer weiß, wie schwer es damals bei ihnen war?

Die Urgroßmutter staunt auch nach Jahren noch darüber, dass man jetzt schnurlose Telefone haben kann und dass die dann trotzdem funktionieren. Die beiden sind sehr irritiert, wenn sie bei uns anrufen und wir nicht zu Hause sind. Das können sie sich nicht mehr recht vorstellen, dass andere Leute nicht immer zu Hause sind, so wie sie. “Wo sind die denn jetzt bloß wieder?”

Das Wahllokal der Gemeinde ist in der Schule gegenüber von ihrem Haus. Zum Wählen gehen sie nur ein paar Meter, einmal über die Straße. Aber vorher zieht sich die Ugroßmutter eine neue Bluse an und er seinen Sonntagsanzug. In seiner Generation hat man noch Sonntagsanzüge, die trägt man nur zur Kirche, zu Beerdigungen, Taufen, Hochzeiten und wenn man Geburtstag und Gäste hat. Sie ziehen sich um, dann haken sie sich beide ein und gehen los, einmal über die Straße. “Zieht ihr euch etwa für die Wahl um?” habe ich sie einmal an einem Wahlsonntag gefragt und ich musste es dreimal fragen, denn der Urgroßvater hört nicht mehr so gut und er macht auch sein Hörgerät nicht immer an, nur wenn es ihm wirklich wichtig ist. Er hat gesagt: ”Natürlich. Das ist doch ein Staatsakt.”

Dann sind sie über die Straße gegangen, zum Wählen. Sie haben ihre Kreuzchen gemacht und ein paar Sätze mit den Wahlhelfern gewechselt. Im Dorf kennt man sich natürlich, da muss man also nach den Familien fragen und ein wenig das Wetter kommentieren, wenn man sich trifft. Dann sind sie zurückgegangen und haben sich wieder umgezogen. Sie hat sich die Schürze umgebunden, er hat seinen Blaumann hervorgesucht. Dann hat sie etwas in der Küche gemacht und er in der Werkstatt. Was man eben so macht, wenn man seine Pflicht macht.

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was sie wählen. Aber sie gehen mit großer Selbstverständlichkeit zu jeder Wahl. Es ist ja ein Staatsakt.

Unbenannt

20 comments

  1. Ramona

    Ja, hier in Bayern kleiden sich die Menschen auch in Tracht, wenn sie zur Wahl gehen. Das habe ich letzte Woche gesehen. Sie putzen sich fein raus und machen ihren Sonntagsspaziergang zum Wahllokal. Faszinierend.

  2. Katti

    Darf man fragen, wo die Großeltern der Herzdame herkommen? Das klingt so sehr nach meinem Heimatdorf.

  3. sebastian

    es könnte am nahenden herbst liegen, oder am foto mit dem leeren sofa, aber zumindest hier kam einigermaßen wehmut an, fast schon etwas, das einem nachruf gleichkommt, wenn nicht auf die urgroßeltern, dann zumindest auf die gute alte zeit. sehr schön.

  4. Melanie Tilkov

    Ganz wunderbar geschrieben! Ich konnte sie sehen, ich konnte riechen, wie es riecht, wenn sie kochen, ich weiß, denke ich, sogar, dass die Kissen auf dem guten Sofa immer fein säuberlich ausgerichtet werden, alles muss seine Ordnung haben.

  5. Ping: Und jetzt: Wählen! | jazzlounge
  6. Mama arbeitet

    Da fällt es mir ein – meine Eltern, Jahrgang 1938 und 1940, haben sich in meiner Kindheit auch für den Gang zur Wahlurne fein (sie nannten das „ordentlich“) angezogen. Ich werde sie mal fragen, ob sie das heute noch tun.

  7. Sonja

    Das ist ein wunderschöner Post.

    Meine Großeltern waren zwar Kleinstädter, aber man erkennt sie trotzdem wieder. Ich freue mich für Ihre Söhne, dass sie das noch kennenlernen können, diese völlig andere Art zu leben, die doch so selbstverständlich war. (Ist? Ich kenne so einige Leute, deren Leben sich von dem hier beschriebenen gar nicht besonders unterscheidet. Nur sind es halt nur noch wenige anstatt der Mehrheit.)

    Bevor ich das hier las, stand ich übrigens unschlüssig vorm Kleiderschrank. Ich habe mich dann ziemlich schluffig angezogen, aber schon mit der Absicht, mich vor dem Wahlgang (der auch bei mir einmal über die Straße geht) noch mal umzuziehen.

  8. Eric

    Habe nach dem Lesen beschlossen, heute zur Wahl doch eine frische Unterhose anzuziehen. Und freue mich auf das Altwerden mit meiner Liebsten. Danke für den schönen Text.

  9. Christine

    Ich habe über Frische Brise hierher gefunden und bin ganz berührt von diesem Post. Und ich habe mir überlegt, statt Briefwahl beim nächsten Mal wieder im „Sunntagwand“ zum Wahllokal zu gehen (ganz unten in Oberbayern). Herzlichen Gruß, Christine

  10. Lily

    Ich bin seit Jahren immer wieder im Wahlvorstand eingesetzt, und mache in der ganzen Zeit die Erfahrung, dass gerade ältere Menschen sich wirklich sorgsam ankleiden, wenn sie ihre „Wahlpflicht“ erfüllen… und im Gegensatz zu den in Joggern oder sonstwie, oft recht abgerissen erscheinenden jüngeren Generationen machen sie ihr Kreuzchen und sind fix wieder raus aus dem Wahllokal. Manche Erstwähler hingegen verbringen gefühlte Viertelstunden hinter dem Wahlschirm. Das mittlere Alter nutzt den Stimmzettel gern, um längere Botschaften darauf zu schreiben. Oder ihn in Brand zu setzen, wie es gestern passiert ist.

  11. JoSchu

    Würde man den Begriff Staatsaktes wörtlich nehmen, müsste man doch kleiderlos wählen gehen, oder? Aber ob sie einen so in die Wahlkabine lassen?
    Ich habe dieses Jahr nur eine Unterhose tragend gewählt. Gemütlich auf meiner Couch, vor etwa einem Monat. Beim Gang zum Briefkasten habe ich mir dann aber doch etwas angezogen. Wegen Staatsakt und so.

  12. Mathilde

    DIe beiden haben recht: ein Staatsakt. Ich war bei meiner Wahl auch ganz normal angezogen wie Smilla. Aber ab jetzt möchte ich jede Wahl genauso sehen: feierlich, wichtig, ein bisschen ernst.

  13. Musematschka

    Jawohl, so hab ich das in unserem kleinen Städtchen auch noch gelernt, dass man sich „ordentlich“ anzuziehen hat beim Wahlgang.
    Brav wie ich bin, hab ich das dann natürlich auch gemacht, als ich das erste Mal in der großen weiten Welt wählen ging… und hab es ganz schnell wieder sein gelassen, um nicht als Hinterwäldler aufzufallen. Die Leute in der „Groß“stadt sind ganz eindeutig anders sozialisiert!
    Gestern hab ich mich aber immerhin aus den Schlafklamotten rausgepellt 😉

  14. FrauNoergeli

    einfach schön wie du schreibst!
    ich kann meine, leider verstorbenen, grosseltern sehen, wie sie in der türe stehen und uns zum abschied hinterher winken.

  15. Ping: Hedonistisches Saisonende | doppelhorn.de

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