Der Monat neigt sich dem Ende, mehr Bücher werden sicher nicht mehr dazukommen, da kann man also schon einmal die Medienbilanz veröffentlichen. Ich füge die Rubriken „gespielt“ und „vorgelesen“ neu hinzu, vielleicht interessiert es einige Eltern. Wobei der August noch so beschaffen war, dass die Söhne weitgehend draußen gespielt haben, da steht also sehr wenig.

Gelesen

Robert Gernhardt: Denken wir uns. Das letzte abgeschlossene Werk von Gernhardt, ein Band mit Erzählungen. Und obwohl ich seit vielen Jahren ein Verehrer von Gernhardt bin – wie sollte man auch keiner sein – sagt mir dieses Buch rein gar nichts. Der altbekannte und sehr gemochte Tonfall, aber inhaltlich wohl gerade zu weit von mir weg. Ging nicht, wieder weggelegt. Vielleicht später.

Daniel Kehlmann: “Ruhm”. Ein Buch, in dessen Klappentext diverse wohlklingende Superlative aus großkalibrigen deutschen Feuilletons zitiert werden. Sagen wir es diplomatisch: Es ist mir nicht gelungen, eine sinnige Verbindung zwischen diesen Zitaten und dem Inhalt des Buches zu finden. Siehe dazu auch diese Rezension. “Blutleer” war das Wort, was ich auch verwendet hätte. Ging auch nicht, wieder weggelegt.

Daniel Kehlmann: „Lob – Über Literatur“. Fand ich interessant und gut lesbar, auch wenn mir jetzt klar ist, dass Kehlmann zu jener anderen Sorte Mensch gehört, mit der ich oft nicht recht klarkomme. Sie wissen schon, diese charakterlich vollkommen anders entwickelten Typen, mit denen man sich in der Regel nur schwer verständigen kann? Die Thomas-Bernhard-Leser? Aber egal. Schöne Texte über Capote, King, Goldt, die Themen haben meinen Bücher-Wunschzettel bereichert. Wieso habe ich z.B. den Sammelband mit den Capote-Reportagen nicht? Zustände sind das! Schlimm. Auch zwei interessante Poetik-Vorlesungen enthalten, worinnen einiges zur Vermessung der Welt zu finden ist.

Daniel Kehlmann: „Wo ist Carlos Montúfar?“ Ein Buch über Bücher. Je nachdem, ob man die Bücher kennt, über die Kehlmann da schreibt, ist das mal mehr und mal weniger interessant, das liegt aber am Leser, nicht an Kehlmann. Unschuld, wem Unschuld gebührt. Ich fand vieles interessant. Er ist ungeheuer kenntnisreich, der Kehlmann, was ihn leider stilistisch ein wenig ins Oberschlaue treibt, aber egal. Die Krankheit überkam bisher noch jeden, der deutsche Sekundärliteratur schrieb.

Arno Geiger: „Der alte König in seinem Exil“. Das haben natürlich längst alle gelesen und auch längst alle gut gefunden und das verstehe ich jetzt auch. So ein schönes Buch. Respektvoll, das Wort wird ja in den Rezensionen geradezu gebetsmühlenartig wiederholt, aber was soll man machen, das ist es eben, ein wirklich respektvolles Buch. Aber auch sprachlich wunderbar, man verliebt sich sofort in die Sätze des dementen Vaters, Formulierungen von ganz seltsamer Schönheit. Wirklich lesenswert. Als die Herzdame vor vielen Jahren ihr freiwilliges soziales Jahr in einem Altenheim absolvierte, gab es dort zwei demente Bewohnerinnen. Die eine wiederholte immer wieder den Satz: “Ach nein, ach nein, ach muss es denn ein Flüchtling sein.” Die andere murmelte fortwährend “Aushalten, Maul halten, durchhalten” vor sich hin. Immer gut, diesen Menschen auch zuzuhören.

Leo Tolstoi: „Anna Karenina“. Deutsch von Hermann Röhl. Ich weiß, dass es eine vielgepriesene Neu-Übersetzung gibt, aber diese alte Version lag hier gerade herum. Ich wollte das aber auch gar nicht lesen, das ist viel zu dick, ich habe keine Zeit für so etwas. Ich wollte nur eben nachsehen, welcher Satz eigentlich nach dem berühmten ersten Satz kommt, Sie wissen schon, der mit den glücklichen und unglücklichen Familien. Und dann bin ich am ersten Kapitel hängengeblieben wie an Fliegenleim. Tatsächlich versteht man nach zehn Seiten schon, warum das Buch in praktisch allen Listen mit den wichtigsten Werken der Weltliteratur, der besten Romane, der beliebtesten Büchern etc. vorkommt. Man liest es und fühlt ein Mysterium. Da wacht ein Mann auf einem Sofa auf, er schläft aus guten Gründen nicht im Schlafzimmer neben seiner Frau,  und nach ein paar Absätzen fühlt man seine Gegenwart, sieht das Zimmer, hört seine Schritte. Es ist geradezu unheimlich. Unheimlich gut.

Josef Heinrich Darchinger: „Wirtschaftswunder – Deutschland nach dem Krieg“ (Text: Klaus Honnef). Das ist ein Bildband aus dem Taschenverlag, ein Spontankauf am Bahnhof. Die Bilder faszinieren mich. Zum einen, weil ich gerade viel über die Vorgeschichte ihrer Entstehungszeit lese, zum anderen auch, weil ich die Reste der hier dargestellten Möbel, Autos, Moden etc. noch selbst gesehen habe. Weil es einzelne Dinge in dem Buch gibt, die es in meiner Kindheit noch so gab. Manches Verpackungsdesign, manche Optik von bestimmten Läden, von Automaten. Ich habe natürlich nur die allerletzten Reste davon gesehen, aber doch, es gibt so einen kleinen Bereich von Vertrautheit mit den Bildern. Diese mit bunten Plastikstrippen bespannten Gartenstühle etwa, diese Hinterhofläden mit dem minimalistischen Angebot, die Waagen beim Schlachter… Man fühlt sich als Kind der Sechziger heillos alt, wenn man  solche Bilder betrachtet.

Walter Kempowski, Echolot – „Barbarossa 41, Ein kollektives Tagebuch“. Das Buch erwähne ich schon seit Monaten und nun habe ich es endlich, endlich durchgelesen. Das ist mit Abstand, mit wirklich deutlichem Anstand das grauenvollste Buch, das ich je gelesen habe. Und eines der lehrreichsten. Ein Buch, nach dem man nicht mehr schlafen kann oder nur mit finstersten Träumen von tausend Todesarten, ein Buch, das einen tagelang nicht loslässt, das einen belastet und belagert. Ein ungeheuer wichtiges Buch. Kaum zu schaffen, kaum zu bewältigen. was für eine monströse und dankenswerte Arbeit, so etwas zusammenzustellen. Auf die denkbar brutalste Art informativ. Wenn man nur ein einziges Buch über den Zweiten Weltkrieg liest, sollte man wohl dieses wählen, deutlicher kann die Zeit kaum werden. Es lässt einen vollkommen ratlos zurück. Und das ist sicher angemessen.

Walter Kempowski: „Umgang mit Größen – meine Lieblingsdichter und andere“.  Das war für mich der Lesespaß des Monats, amüsant und schnell. Sehr subjektive, höchst unfaire und teils boshafte, teils abgründig humorige Kurzporträts bekannter Dichter, von Laurence Sterne bis Konsalik. Mit eher dünnen und ziemlich willkürlich anmutenden biographischen Details, betont ungerechten Anmerkungen zur Physiognomie, die teils zu vernichtenden Urteilen führen und eher wenig tiefschürfenden Aussagen zum Werk: “Ich habe das nie lesen können.” Kempowski versucht nicht, sich oberschlau zu geben, hat keinen gelehrten Tonfall, gibt nicht an und trägt nicht dick auf. Man liest bei der Schilderung mancher Preisträger seinen Neid auf die tatsächlich oder vermeintlich erfolgreicheren Dichter, es ist ein sehr menschliches Buch und es macht Lust auf andere Bücher, auf andere Autoren. Kann ich empfehlen. Gut geeignet für zwischendurch, die Texte sind alle sehr kurz.

Dr. med Kinderdok: „Babyrotz und Elternschiss“. Das ist der Kinderdoc vom Blog, viele Eltern werden das kennen. Eine sehr ansprechende Beschreibung seines Berufsalltag, informativ, unterhaltsam, lehrreich. Über Mangel an Humor kann man auch nicht klagen, allein die Schilderung der Blutabnahme bei einem Vierjährigen ist feinster Slapstick. Das ist also ein hervorragendes Geschenk für Eltern und Schwangere, davon sollten Sie reichlich Gebrauch machen, es ist ja bald Weihnachten. Der Herr Kinderdoc ist, bitte beachten Sie das,  für Impfungen und gegen Globuli, damit kann man also beim esoterisch angehauchten Publikum eher nicht landen. Besser, man weiß so etwas vorher, sonst kommt es womöglich zu tragischen Szenen im Freundeskreis, bei dem Thema geht es meist emotional hoch her ud Impfgegner sind nach meiner Erfahrung oft nicht gerade auffallend humorbegabt. Der Doc vertritt seine Standpunkte übrigens plausibel, nachvollziehbar und ohne Hasstiraden, das ist bei dem Thema keineswegs selbsverständlich und schon für sich eine Leistung. Das Buch hat viel mit gesundem Menschenverstand zu tun und ich glaube, dass man den Beruf nach der Lektüre deutlich besser versteht.

Uwe Timm: „Vogelweide“. Ein neuer Versuch mit Uwe Timm, dem ich sein Buch “Freitisch” vor einiger Zeit etwas übel genommen habe, weil es von vorne bis hinten so klang, als hätte er es maßgeschneidert für den Lehrplan der gymnasialen Oberstufe geschrieben. So viel bundesdeutsche Geschichte, so viel Kulturgeschichte, so hölzerne Figuren – furchtbar. Nun also ein Liebesroman, der damit beginnt, dass ein älterer Mann als Vogelwart auf einer Nordseeinsel haust, sehr allein. Er erhält einen Anruf, seine ehemalige Geliebte kündigt sich an, die er seit einer dramatischen Trennung vor etlichen Jahren nicht mehr gesprochen hat. Er sieht auf die Wellen und erinnert sich an die gemeinsame Zeit…. Doch, das ist ein guter Romananfang im Frühherbst. Das lese ich dann mal für den Rest des Monats. Und bevor wieder jemand protestiert: für Menschen, die Herbst mögen, ist jetzt Frühherbst. Doch, doch.

Vorgelesen

Werner Holzwarth (Text) und Wolf Erlbruch (Bilder): „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“. Das ist wohl mittlerweile ein Klassiker und außerdem gerade das Lieblingsbuch von Sohn II, der es jeden Abend hören kann. Es hätte sehr viel schlimmer kommen können, denn dieses Buch macht Spaß.

Gebrüder Grimm: „Rumpelstilzchen“. Aus irgendeinem Grund fasziniert dieses Märchen Sohn I am meisten und wird rege nachgefragt, womöglich liegt es am Naturell seines kleinen Bruders.

Richard Scarry: „Mein allerschönsts Wörterbuch – Deutsch – Englisch – Französisch“. Das kommt noch aus der Kindheit der Herzdame, ein sehr zerlesenes Buch. Und ich glaube, das gab es in meiner Kindheit auch in ganz ähnlicher Form. Ich kann mich aber nicht genau erinnern, nur so ungefähr, irgendwas war anders, aber ich komme nicht darauf. Denke aber dauernd, darauf kommen zu müssen, vielleicht gleich, nach der nächsten Seite oder bei der nächsten Figur, dem nächsten Satz – und dann scheitere ich doch wieder an der Erinnerung. Das Buch macht mich wahnsinnig. Aber egal. Das da ist ein X, wie Xylophon…

Marvel Comics: „Die Spinne im Kampf mit dem Grünen Kobold“. Vor einiger Zeit tauchten auf dem Dachboden meiner Mutter alte Comichefte aus meiner Kindheit auf (DM 1,70 pro Heft), ein ziemlich großer Stapel sogar. Superman, Batman, Spiderman und so weiter, die ganze Pracht von damals, Sonderhefte ohne Ende. Die blättert Sohn I mit Hingabe wieder und wieder durch und nach langem Gebettel habe ich jetzt angefangen, ihm eines der Hefte vorzulesen. Eine fatal schwere Angelegenheit. Was man für diese Comics an Hintergrundwissen braucht, das merkt man erst, wenn man sie kleinen Kindern vorlesen soll. Erstes Bild, ein Verbrechersyndikat tagt – ein was? Sie wollen die Stadt unter sich aufteilen – aber wie? Warum? Wie geht das? Und wer regiert sonst in der Stadt? Wo ist die Stadt? Wie weit ist Amerika? Kann man dahin? Dann doch schnell gewechselt zu einem Batman-Band, der beginnt aber mit einer Zeitreise in den Unabhängigkeitskrieg, da geht es um Florence Nightingale – in welchen Krieg? Wer gegen wen? Wann? Wieder in Amerika? Warum? Wer ist die Frau? Jedes Bild gebiert zehn Fragen, jede Sprechblase erfordert eine ganze Latte von Anmerkungen und Verweisen, es ist abenteuerlich. Zurück zu Spiderman und dem Grünen Kobold. Sohn I freut sich und ich rede mir einen Wolf. Wir sind auf Seite 12. Nach einer Woche.

Gespielt

Real Racing II – hier im iTunes-Store. Nachdem Sohn I im Automuseum Prototyp einen Fahrsimulator erlebt hat (Bericht dazu in Kürze auf diesem Sender), musste er unbedingt so eine App haben. Es ist gar nicht einfach, ein passendes Renn-Spiel für Kinder zu finden, in dem man nicht alle paar Meter auf der Rennstrecke bei einem In-App-Kauf landet oder die Grafik grottenschlecht ist oder alles zu gewalttätig und unfallbetont. Bei Real Racing II kann er in Frieden seine Runden drehen, das sieht gut aus, der Lärmpegel ist gut zu regeln und die Autos lassen sich tatsächlich gut steuern. Ich bin weiterhin gegen jeglichen Spielspaß anscheinend immun, daran ändert auch Real Racing nichts, aber das ist nett gemacht, keine Frage.

Gesehen

Ich habe schon wieder keinen einzigen Film geschafft. Schlimm!  Nicht einmal eine Kinderserie mitbekommen, ich glaube, ich hatte eine Menge Arbeit im August.  Doch, so muss es gewesen sein.

Gehört

Nichts. Keine Hörbücher jedenfalls. Dafür sehr viel Swing-Musik. Alte und neue, also Electro-Swing, das ist wirklich gute Arbeitsmusik. Pink Martini, die sind in ähnlicher Richtung, das geht sehr gut zum Schreiben. Die sind in Kürze übrigens in Hamburg auf der Bühne, da könnte man glatt hingehen. Aber man kommt ja zu nix.

 

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