Museum to go

Die Hamburger Museumsszene und die Hamburger Bloggermafiaszene sind bisher nicht gerade innig verbunden, aber man kann ja alles ändern. Es gibt sehr viele Museen in der Stadt, die ein reiches Veranstaltungsprogramm anbieten, ich glaube, da sollte man deutlich öfter ins Gespräch kommen.

Ich war  vor ein paar Tagen mit Ina, Sven und Markus im Archäologischen Museum Hamburg, ich treibe mich ja zur Zeit überhaupt dauernd in Museen rum, sei es beruflich oder privat. Diesmal war ich da allerdings nicht für den Hamburg-Führer und mit Kindern an den Händen, sondern auf Einladung des Kurators, Michael Merkel, der uns etwas über das Museum erzählen wollte, über die Social-Media-Arbeit seines Hauses  – und über eine Besonderheit, die ich mittlerweile ganz naheliegend und plausibel finde, und die andere Museen eher nicht haben.  Oder zumindest in Hamburg noch nicht sehr viele. Nämlich eine App.

Da muss man aber mit der Frage anfangen, wie man eigentlich ins Museum geht. Wenn ich etwa mit den Söhnen ins Museum gehe, lasse ich mich immer von denen durch die Säle ziehen. Ich lasse sie also vorgeben, wo wir hingehen oder eher hinrennen und lese nur nebenbei durch, was ich an Schildern und Erklärtafeln etc. mitbekommen kann. Dadurch habe ich ebenso überraschende wie kinderfreundliche Museumsbesuche mit völlig wirrem Zickzackparcours. Wir haben nie auch nur annähernd alles gesehen und es macht nichts. Es ist ganz unmöglich vorher zu erahnen, was die Kinder wirklich interessieren wird. Wenn die Söhne etwas wissen wollen, lese ich vor oder erzähle, was ich weiß – wenn sie nichts wissen wollen, dann liefere ich auch nichts. So macht ein Museumsbesuch mit Kindern Spaß, auch wenn sie vielleicht die Form der Pissoirs im Herrenklo und deren Spülmechanismus viel spannender finden als das Steingut aus dem 16. Jahrhundert in den Gängen davor. Sie lernen in jedem Fall. Das sind dann allerdings Museumsbesuche, das ist auch klar, die nicht unbedingt meinem Interesse gerecht werden. Wenn ich ohne Kinder ins Museum gehe, will ich mehr wissen, als ich mit ihnen zusammen aufnehmen könnte und meist sprechen mich auch ganz andere Themen an, ich beachte z.B die Spülmechanismen der Pissoirs deutlich weniger als sie.

Man kann aber schlecht in Ruhe eine lange Texttafel lesen, wenn zehn Schritte weiter der Nachwuchs probiert, ob der Flatscreen an der Wand auch abgeht und was eigentlich passiert, wenn man an der Vitrine dort einmal richtig kräftig rüttelt. Das macht einen als Vater wahnsinnig und die anderen Besucher natürlich auch. Aber ohne Kinder, ohne Kinder kann man alles lesen, was man möchte. Wenn man die Schilder denn lesen kann. Also wenn gerade keine Besucherhorden davor stehen. Und wenn man die richtigen Brille dabei hat und auch aufgesetzt hat.

Zum Archäologischen Museum Hamburg gibt es eine App, das kann man sich vorstellen wie einen Katalog mit Bild und Ton und Text, den man auf sein Handy laden kann (okay, wieder nur wenn man ein iPhone hat, es ist ein Elend mit dieser Zersplitterung des Marktes – halt, Update: Android ist auch verfügbar, siehe unten in den Kommentaren). Da die App ziemlich riesig ist, wie es Kataloge so an sich haben, kann man sich aber auch kostenlos einen vorinstallierten iPod Touch im Museum leihen und dann damit durch die Ausstellung laufen. Die Bedienung versteht man ohne weitere Gebrauchsanweisung, es ist eben eine App, das kennt man ja. Man kann sich zu jedem Exponat Text aufrufen und lesen, Text vorlesen lassen, Bilder ansehen. Und man kann natürlich noch ein wenig mehr, man kann sich Favoriten abspeichern, für den späteren Druck vormerken, man kann sich Notizen machen, Links folgen und zu ähnlichen Themen wechseln. Man kann sich so seinen ganz eigenen Katalog zusammenstellen. Man ist an keine feste Reihenfolge gebunden und kann sich suchen, was immer man gerade möchte.

Und das macht dann wirklich Spaß. Ich habe vor dem Besuch noch nie über das Thema Museums-App nachgedacht, fand es aber unmittelbar einleuchtend. Das macht viel mehr Spaß als ein schlichter Audioguide, der einen immer nur in Grund und Boden reden kann. Ich höre eher nicht so gerne zu, ich lese aber gerne noch einmal nach, was ich vor zwanzig Minuten (oder vorgestern) im anderen Stockwerk gesehen habe, das ist mit der App kein Problem.  Das macht mir auch mehr Spaß, als nur Schilder zu lesen. Ich kann im Vorbeigehen Favoriten speichern und mit die Texte dazu erst später bei einem Kaffee in der Lounge durchlesen, warum nicht. Man kann diesen App-Katalog mitnehmen, ohne etwas kaufen oder tragen zu müssen, man kann sich auch schon lange vor dem Besuch aufrufen, was einen womöglich interessiert. Das übrigens ist auch mit Kindern reizvoll, man kann ihnen zeigen, was sie erwartet. Und als Vater kann man sein Wissen über die Exponate klammheimlich mächtig aufblähen, das mag auch reizvoll sein, doch, doch. Bevor man wieder vor einem Stück aus dem Mittelalter steht und auf die Frage der Söhne, was das denn sei, wieder antworten muss, dass es ein Dings sei, und zwar ein ziemlich altes.

In der App sind auch noch ein Spiel für Kinder und eine animierte Zeichentrick-Führung enthalten, in der ein Roboter und ein Außerirdischer das Museum erklären, das ist alles ziemlich charming gemacht. Und, wenn wir schon bei Kindern sind, vor dem Haus gibt es auch einen großen Spielplatz.

So eine App hätte ich jetzt gerne für jedes Hamburger Museum. Zuhause auf dem iPad nachsehen, was mir in der Kunsthalle nur nebenbei aufgefallen ist, das fände ich großartig. Wenn man das weiterdenkt, hätte man das womöglich auch gerne für die ganze Stadt, man geht aus dem Museum, sieht ein altes Haus und sieht nach, was das ist oder was es war, immer die nächste Erklärung eine Fingerbewegung weit weg. Es gibt einen Wikipedia-Layer in Karten-Apps, das hat schon diese Richtung, aber wie viel unendlich mehr geht da noch. Kulturelle Stadtteil-Apps? Warum nicht? Es gibt natürlich auch einige Bestrebungen der Giganten wie Google etc. , die ganze museale Kulturwelt ins Internet zu heben, schon klar. Aber es hat auch Charme, wenn das lokal gemacht wird und pro Institution eine runde Sache ist, mit Veranstaltungshinweisen etc..