Die schweifende Unbewegtheit der Bildnisse

Ich war für meine Kolumne “Kind und Kegel” im Hamburg-Führer im Museum Altona, der Text dazu wird in Kürze erscheinen. Die Kolumne ist sicher kein geeigneter Platz, um ganze Absätze von Joseph Conrad zu zitieren, aber hier im Blog kann ich natürlich machen, was ich will. Und wenn mich der Anblick von Galionsfiguren im Museum an Joseph Conrad erinnert, dann will das eben zitiert sein. So:

Museum Altona

“[…] Und über eine gute Viertelmeile hin, vom Schleusentor bis in die entfernteste Ecke, wo früher die alte Hulk “President” sicher vertäut lag und ihre Fregattenseite an der Kaimauer rieb, über all diesen teils schon seeklaren, teils noch unbeladenen Schiffsrümpfen spannten an die hundertfünfzig Meter hohe Masten das Gewebe ihrer Takelage wie ein ungeheures Netz aus, in dessen engen Maschen die schweren Rahen sich schwarz vom Himmel abhoben und wie darin verfangen und verstrickt erschienen.

Es war ein großartiger Anblick. Selbst das bescheidenste Fahrzeug rührt durch sein zuverlässiges Dasein an des Seemanns Herz, und hier bot sich die Schiffsaristokratie den Blicken dar. Es war eine stattliche Versammlung der Schönsten und Schnellsten, von denen jedes das geschnitzte Sinnbild seines Namens am Bug führte. Wie in einer Galerie von Gipsfiguren sah man dort Frauengestalten mit zackigen Kronen; Frauen mit wallenden Gewändern, mit goldenen Stirnbändern im Haar oder blauen Schärpen um die Hüften, die wohlgerundeten Arme ausgestreckt, als wollten sie den Weg weisen; behelmte oder barhäuptige Männerköpfe; und in voller Größe, von Kopf bis Fuß ganz in Weiß, die Gestalten von Kriegern, Königen, Staatsmännern, von Lords und Prinzessinnen, hier und da eine dunkelfarbige, bunt herausgeputzte Figur eines turbantragenden Sultans oder Helden aus dem Orient; und sie alle neigten sich unter der Schräge mächtiger Bugspriete vor, als warteten sie in ihrer gebeugten Haltung ungeduldig darauf, eine weitere elftausend Seemeilen lange Reise zu beginnen.

Museum Altona

Museum Altona

So sahen die herrlichen Galionsfiguren der herrlichsten Schiffe aus, die es je auf See gab. Aber warum der Versuch, in Worten einen Eindruck wiederzugeben, dessen Echtheit keinen Kritiker und keinen Richter finden kann, da solch eine Ausstellung der Schiffsbaukunst und der Schnitzkunst von Galionsfiguren, wie sie damals das ganze Jahr über in der Freilichtgalerie der New South Docks zu sehen war, keines Menschen Auge jemals wieder erblicken wird – warum, wenn nicht aus Liebe zu dem Leben, das diese Bildnisse in ihrer schweifenden Unbewegtheit mit uns teilten? Alles, was es in dieser bleichen Schar von Königinnen und Prinzessinnen, von Königen und Kriegern, von allegorischen Frauengestalten, Heroinen und Staatsmännern und heidnischen Göttern an bekrönten, behelmten oder barhäuptigen Gestalten gab, ist für immer von der See verschwunden, nachdem sie bis zuletzt über den stürzenden Schaum der Bugwelle ihre schönen, kräftigen Arme ausgestreckt, bis zuletzt ihre Speere, Schwerter, Schilde und Dreizacke in derselben, unermüdlichen, vorwärtsstrebenden Haltung vor sich her getragen hatten. Und nichts ist von ihnen geblieben als der Klang ihrer Namen, der vielleicht noch in der Erinnerung einiger Männer haftet, Namen, die schon längst von der ersten Seite der bedeutenden Londoner Tageszeitungen verschwunden sind, verschwunden von den großen Anzeigetafeln in den Bahnhöfen und an den Türen der Schiffsagenturen, verschwunden auch aus dem Gedächtnis der Seeleute, Hafenmeister, Lotsen und Schlepperleute, verschwunden aus dem Anruf rauher Stimmen und aus den flatternden Flaggensignalen, wie sie zwischen den Schiffen gewechselt werden, die sich begegnen und allein weiterziehen in die Unendlichkeit der offenen See.”

(Joseph Conrad: Die Weihe, keine Angabe zur Übersetzung zu finden)

Museum Altona

Haben Sie die Stelle bemerkt? Die schweifende Unbewegtheit der Bildnisse, so steht es im Text. Joseph Conrad ist groß.

4 Kommentare

  1. Isabo

    Es gibt so ein wunderbares vertontes Gedicht über den Galionsfigurenschnitzer der “Marco Polo” – The Old Figurehead Carver, die Aufnahmen auf Youtube sind leider alle schrecklich (hier ist eine davon). Aber Du kannst den lustigen Mann mal fragen, ob er es Dir vorsingt. Oder wahrscheinlich hast du es längst schon von ihm gehört.

    “While my hands are steady
    while my eyes are good
    I will carve the music
    of the wind into the wood.”

  2. Christian

    (…) teils noch unbeladenen Schiffsrümpfen spannten an die hundertfünfzig Meter hohe Masten das Gewebe (…)
    Ääähhm: 150 Meter(!) …das dürfte doch einen Hanseaten ins Zweifeln bringe, oder? 150 Fuß vielleicht?

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