Die Herzdame sitzt auf dem Sofa und sagt: “Jemand müsste den Müll runterbringen.” Das ist ein Satz, der nicht das heißt, was man denken könnte. “Jemand” könnte in diesem Haushalt zunächst 4 Personen meinen, man könnte es fast für einen ergebnisoffenen Satz halten. So ist es aber gar nicht. Denn Sohn II ist zu klein, er kann den Müll noch gar nicht runterbringen. Er kriegt die Haustür nicht auf, um ihn kann es also nicht gehen. Sohn I könnte das aber neuerdings. Mit etwas Klettern am Spalier des Mülltonnenhäuschens und etwas Hangeln gelingt es ihm jetzt endlich, den Müll richtig einzuwerfen. Aber wäre er gemeint gewesen, die Ansprache wäre viel fröhlicher gewesen, motivierend und euphorisch. Etwa so: “Hast du nicht große Lust mir zu zeigen, wie du ganz alleine so toll mit dem Müll fertig wirst, mein Großer?” So etwa hätte sie ihn angesprochen. Nein, Sohn I kann auch nicht gemeint sein. Bleiben nur noch 2 Personen übrig, nämlich die Herzdame und ich. Sie wird sich aber sicher nicht selbst gemeint haben. Hätte sie sich gemeint, sie hätte sofort die Mülltüte genommen und wäre einfach damit zum Fahrstuhl gegangen. Sie hätte Tatsachen geschaffen. Sie ist so.

Da bleibt dann nur noch eine Person übrig, und das bin wohl ich. “Jemand müsste mal den Müll runterbringen” ist nur eine andere Ausdrucksweise für “Los, bring den Müll runter”. Das könnte mich ärgern, darüber könnte ich mich aufregen. Ist es denn nicht unverschämt, “jemand” zu sagen und sich dabei implizit auszuschließen? Ist es nicht anmaßend? Aber nein, ich ärgere mich gar nicht. In diesem Haushalt geht es nämlich immer um mich, wenn das Wort jemand fällt – und ich freue mich sogar darüber.

Denn egal, was mir in diesem Leben noch alles passieren wird – ich weiß doch ganz sicher, dass aus mir jemand geworden ist.

Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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