Sohn II im Heimatdorf

Gartenzwerg

Bei jedem Besuch im Heimatdorf zeigt es sich mehr, dass Sohn II eine Überdosis der Gene seiner nordostwestfälischen Vorfahren abbekommen hat. Es ist nicht nur, dass er in Gummistiefeln, dreckigem weißen Unterhemd und Jeans geradezu sensationell bäuerlich überzeugend wirkt, wie er da am Rand eines Ackers steht und das macht, was Nordostwestfalen nun einmal besonders gut können, nämlich mit undeutbarer Miene in die Gegend starren, über Felder und Wälder hinweg. Es ist nicht nur, dass er auf dem Land noch breitbeiniger geht als ohnehin schon und man auf eine schwer zu beschreibende Art geradezu sehen kann, wie zwischen dem Kind und dem Boden so etwas wie Zugehörigkeit entsteht. Es sind auch etliche kleine Szenen, in denen man die prägenden Wesenszüge der Nordostwestfalen in ihm eindeutig erkennen kann.

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Friedewalde

Der Maimorgen ist sonnig und warm, fast schon sommerlich. Die Apfelbäume am Straßenrand blühen weiß und strahlend, die Äcker schillern grün, Störche patrouillieren durch das noch niedrige Grün, man sieht ungewöhnlich viele Störche in diesem Jahr. Eine Landstraße quer durch eine Postkarte, besser kann das flache Land nicht aussehen. Sohn II fährt auf seinem Tret-Trecker zum Milchbauern, er will nach den Kühen sehen. Wenn er im Heimatdorf ist, muss er jeden Tag nach den Kühen sehen, “weil das so ist.” Der Weg ist weit und es ist gar nicht so einfach, mit dem kleinen Trecker bis dahinten hin zu fahren, so ein Spielzeugtrettrecker hat natürlich keine Gangschaltung und nicht die beste Übersetzung. Aber das Gerät ist ja auch für die Arbeit da, nicht zum Vergnügen. Der Sohn hat einen roten Kopf und kämpft, Kapitulation kommt für ihn aber nicht in Frage. Herumliegende Kühe sehen ihm von der Weide träge zu und kauen langsam. Vorbei am Feuerwehrgerätehaus, noch einmal um eine letzte Kurve. Schließlich biegt er auf den Hof des Bauern, strampelt sich die letzten Meter ab und hält neben dem Stall mit den Jungkühen. Der Bauer fährt auch gerade auf den Hof – und nicht mit irgendwas, sondern mit einem neu aussehenden wahren Monster von Trecker. Es gibt Trecker, große Trecker und diesen Trecker da. Er hält direkt neben dem Spielzeugtrecker von Sohn II, der jetzt den Kopf in den Nacken legen muss, um den Bauern da ganz oben zu sehen, der den Motor abstellt, sich zu ihm hinunterbeugt und ihn grüßt: “Na? Alles klar?” “Hm”, sagt Sohn II in regionaltypischer Smalltalk-Eloquenz. Dann sagen beide erst einmal nichts mehr. Der Bauer tippt auf dem Bordcomputer herum, so ein Trecker ist immerhin heutzutage auch ein Hightech-Gerät. Sohn II hebt und senkt probeweise die Ladeschaufel an seinem Spielzeugtrecker. Er sieht zwischendurch zum großen Trecker hoch, dann wieder auf seinen. Noch einmal. Denkt nach. Schiebt die Schirmmütze in den Nacken, wirft noch einen letzten Blick nach oben, wo er den Bauern vor dem strahlend blauen Frühlingshimmel nur als Silhouette wahrnehmen kann und sagt dann mit Nachdruck: “Meiner ist größer.”

Denn der Nordostwestfale als solcher zweifelt nicht an sich selbst und ist durch nichts zu beeindrucken.

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Untitled

Uropa sitzt am Kaffeetisch im Garten, Sohn II sitzt ihm gegenüber. Zwischen den beiden steht eine Stachelbeertorte, mit den letzten Stachelbeeren der Ernte aus dem Vorjahr, die Büsche stehen nur ein paar Meter weiter. Heute morgen hat die Uroma die Früchte aufgetaut. Uropa und Sohn II sehen sich an, sie sagen nichts und gucken ernst. Keiner bewegt sich, starre Blicke. Schließlich fragt Uropa: “Wollen wir weiter gucken oder erst einmal ein Stück Kuchen essen?” Und Sohn II nutzt souverän seine Chance und gibt instinktiv die einzig richtige Antwort, die seinen älteren und viel erfahreneren Gegner gnadenlos zum haltlosen Schwätzer deklassiert: “Jo.”

Denn der Nordostwestfale als solcher verschwendet keine Silben.

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Wir besuchen die Familien-Windmühle, da müssen wir immer einmal hin, wenn wir im Heimatdorf sind. Etwas entferntere Verwandtschaft, man kriegt gar nicht alle Namen zusammen, das macht aber nichts. Im Zweifelsfalle hängt hier eh alles irgendwie zusammen. Die Söhne gehen in die offen stehende Mühle hinein und sehen sich ehrfürchtig die Konstruktionspläne des Mahlwerks an, die am Eingang hängen. Dann rennen sie wieder raus und gucken zu den Flügeln hoch, die sich majestätisch über ihnen ausbreiten. So eine Mühle ist immer beeindruckend, sie ist aber noch viel beeindruckender, wenn man erst rund einen Meter groß ist. “Nicht auf den Mühlenwall” ruft irgendwer von hinten, das rufen sie hier schon seit Generationen allen Kindern zu, die sinnend vor der Mühle stehen. Vom Mühlenwall kann man nämlich prima rutschen, man darf aber nicht, der ist mühsam akkurat begrünt. Drinnen im alten Gemäuer riecht es nach Holz, Staub und Moder, das uralte Gebälk knackt, wenn sich oben etwas im Wind dreht. Draußen riecht es nach gleich kommt der Sommer aber wirklich.

Aus dem Haus neben der Mühle kommt die Urgroßtante, langsam fährt sie mit dem Rollator über den Hof und setzt sich auf eine Bank. Sohn II geht zu ihr und sieht sie an. Die Urgroßtante lächelt ihm freundlich zu, der Sohn schiebt die Unterlippe vor, sagt nichts, sieht sie an und sieht von Minute zu Minute unzufriedener aus. Er steht neben uns, während wir uns mit der Urgroßtante ein wenig unterhalten, er hat steile Falten auf der Stirn. Schließlich wird er gefragt, was er hat. Er steckt beide Hände in die Taschen, senkt den Kopf wie ein Widder kurz vor dem Angriff und brummelt etwas, das man kaum verstehen kann. “Früher”, sagt er dann sichtlich wütend, “früher hab ich hier Schokolade bekommen.” Tatsächlich hat er, als er die Urgroßtante das letzte Mal traf, von ihr einen Riegel Schokolade zugesteckt bekommen. Das ist über ein Jahr her und längst von allen vergessen, nur von ihm nicht.

Denn der Nordostwestfale als solcher schätzt es nicht, wenn sich Abläufe ändern. Er ist nicht übertrieben konservativ, aber es kann doch ruhig alles so bleiben, wie es ist.