Solo

Natürlich muss man Kindern auch ein vernünftiges Verhältnis zur Pop- und Rockmusik beibringen, sonst irren sie auf dem späteren Lebensweg und hören nur Schlager oder Schlimmeres. Das möchte man an als Vater vermeiden, da tut man, was man kann. Man zeigt etwa legendäre Auftritte bekannter Bands in Videoclips, man kann ja heute online alles abrufen, die ganze Musikgeschichte ist beliebig verfügbar. Man muss nicht mehr lange selber summen, man kann einfach das Original laufen lassen. Ich zeige Giganten der Rockgeschichte, eine unfassbar gute Aufnahme, das muss wirklich jeden mitreißen, Kulturgeschichte vom Feinsten. Der Gitarrist spielt ein Solo, er ist einer der weltbesten Gitarristen. Die Menge in der Arena vor ihm scheint ihn anzubeten, er macht mit dem Instrument Dinge, dass man als Zuschauer nur noch ehrfürchtig staunen kann.

Sohn I sitzt freundlich interessiert vor dem Bildschirm. Er legt den Kopf schräg und sieht konzentriert aus und ich ahne, er versteht womöglich gerade etwas. Ich freue mich sehr, dass ich in dem Moment bei ihm bin, in dem er den Rock versteht, in dem ihm einleuchtet, warum Menschen auf Bühnen irrsinig laute und irrsinnig gute Musik machen, es muss dies der Moment sein, in dem er zum ersten Mal ahnt, was die eigentlich antreibt. In diesem Solo liegt es doch wirklich alles, es ist nicht zu überhören. Die Töne müssen den Himmel erreichen, warum dann nicht auch ein kleines Kind.

Aber ich liege falsch. Der Sohn sieht sich zu mir um und sagt sichtlich irritiert: „Wieso spielt der jetzt ganz alleine? Wann dürfen die anderen wieder mitspielen? Das ist ungerecht, dass der alleine spielt, das darf man so nicht, das finde ich nicht gut, die anderen wollen bestimmt auch wieder.“

Was soll’s. Ich sollte wohl weiter vorne anfangen. Mit einer volkstümlichen Blaskapelle oder dergleichen.

Dieser Text erschien als Sonntags-Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.