Theater, das kannten beide Söhne bisher noch gar nicht. Also abgesehen von irgendwelchen Kasperle-Aufführungen in der Kirchengemeinde oder so. Und abgesehen von dem, was sie selbst mal in der Kita einstudiert haben. Und natürlich abgesehen von den dadaistischen Stücken, die sie selbst im Kinderzimmer inszenieren. Stücke,  bei denen man dann als Erwachsener einen horrenden Eintritt zahlen muss und bei denen man so gut wie nichts geboten bekommt, was irgendwie Sinn ergäbe. Ähnlichkeiten mit dem modernen Regietheater sind dabei selbstverständlich rein zufällig, das kennen sie ja noch gar nicht. Aber richtiges Theater, mit rotem Vorhang, alten Stühlen und einem wirklich großen, halbdunklen Raum, sehr vielen Menschen und langsam ersterbendem Restlicht über den Rängen, während sich da ganz vorne anscheinend etwas tut, auf der Bühne… das war tatsächlich ganz neu und die beiden saßen kerzengerade und sehr gespannt in ihren Stühlen, während sich der Vorhang endlich hob.

Wir waren in Schmidts Tivoli, wo “Es war einmal” läuft, “7 Märchen auf einen Streich”, das klingt ja auch schon praktisch und anziehend für Eltern, da kann man sich im kommenden Winter gleich das Weihnachtsmärchen sparen, da hat man dann alles schon erledigt, auf Monate hinaus.

Für kleine Gäste liegen vor dem Theatersaal ausreichend Sitzerhöhungen bereit, so dass sie drinnen auch garantiert etwas sehen können. Das Theater hat Klappstühle wie im Kino, und wenn man einmal gesehen hat, wie hundert Kleinkinder auf Klappstühlen herumturnen, dann kann man sich vorstellen, dass man angesichts dieses Mobiliars fast gar kein Theaterstück mehr braucht, das ist schon toll genug. Man kann mit dem Stuhl hoch und runter, immer wieder, im Sitzen, im Stehen, im Hocken und wenn man sich quer in die Reihe legt und auch wenn man nach vorne turnt und wenn Papa da festhält und wenn Mama jetzt auch noch aufsteht und wenn man sich nur mit einer Pobacke hinsetzt oder wenn man den kleinen Bruder auf den Schoß nimmt oder wenn man Kopfstand macht, oder, oder, oder, der Mensch ist ein forschender Affe, man erkennt es hier überdeutlich. Und für die Eltern ist es natürlich entspannend zu erleben, dass die anderen Eltern ihre Kinder genau so vergeblich ermahnen, doch bitte normal zu sitzen. Normal, haha. Auf einem Klappstuhl.

Aber mitten im schönsten Turnen sagt eine Frauenstimme über Lautsprecher ein paar Regeln durch, die während der Vorstellung gelten sollen. Etwa dass die Kinder nicht auf die Bühne sollen, weil man bei einem Märchenstück schließlich nicht ahnen könne, wo der große böse Wolf gerade sei.  Das leuchtet ein und die Kinder sitzen schlagartig deutlich stiller, also abgesehen von Sohn II, der sofort auf die Bühne will, um nachzusehen, wo der große böse Wolf jetzt genau ist. Die Frauenstimme bittet noch darum, die Handys doch bitte auszuschalten, denn da während der Vorstellung Feen anwesend seien, müssten Inhaber klingelnder Handys damit rechnen, kurzerhand in Frösche verwandelt zu werden.  Sohn I fragt mich sichtlich besorgt, ob mein Handy wirklich, ganz wirklich ausgeschaltet sei und möchte es lieber selbst überprüfen, Sohn II fände es aber interessanter, das mit der Fee zu versuchen. Ich mache es dann doch lieber aus, mit Feen spaßt man nicht. Sohn I sieht erleichtert aus, Sohn II schüttelt unzufrieden den Kopf.

Das Stück geht los, ein Vater erzählt ein Märchen, bei dem er bereits nach dem ersten Absatz leicht durcheinander kommt und sich dann zügig und hoffnungslos immer weiter im Reich der Grimms verirrt, deren Märchen gerade 200 Jahre alt werden. Weswegen das tapfere Schneiderlein zur Abwechslung das Dornröschen retten geht, das allerdings versehentlich bereits vom großen bösen Wolf gefressen wurde. Der ist natürlich eigentlich für das Rotkäppchen zuständig, aber das hat leider bei den sieben Zwergen – oder war das doch die Stelle mit dem Froschkönig? Oder kam da vielleicht schon Rapunzel? Man kann die Handlung schlechterdings nicht rekapitulieren. Man erkennt natürlich immer die Hauptfiguren und alle wichtigen Versatzstücke, man weiß immer, wer gut und wer böse ist, aber wie sich das ineinander verhakt, verdreht und verknotet, das ist wirklich großartig gemacht, das muss den Autoren (Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth) einen Heidenspaß gemacht haben und das merkt man deutlich.  Es ist dabei übrigens vollkommen egal, ob ein Kind etwa nicht alle sieben der verflochtenen Märchen kennt oder die Handlung von einem oder zwei nicht parat hat, es macht wirklich nichts aus. Eine böse Fee ist immer eine böse Fee, egal aus welchem Handlungsstrang sie gerade herausspringt oder in welcher Ecke der Kulisse sie gerade wieder unter Flüchen verschwindet, das kennt man ja auch aus dem wahren Leben nicht anders, das ist in jedem Großraumbüro so. Ein Wolf hat immer ein Hunger- und oft auch ein Figurproblem durch die Fresserei, ein Held muss immer irgendwelche Aufgaben lösen, das ist alles eh klar, das versteht man auch mit drei Jahren schon. Und mit fünf versteht man dann eben ein paar Witze mehr, das ist vollkommen in Ordnung so, da ist für jedes Kind im Saal etwas dabei. Und wenn man Mutter oder Vater oder Opa oder Oma ist, dann versteht man eben noch mehr Witze, denn die Erwachsenen kommen bei diesem Stück nicht zu kurz, ganz im Gegenteil. Es sind nicht wenig Textstellen, die auf die Erwachsenen abzielen und so viel wie an diesem Nachmittag habe ich lange nicht mehr in einem Theater gelacht.

Es ist eine hohe Kunst, Kindertheater zu machen. Man denke nur einmal an die böse Fee, eine wirklich beeindruckende Figur in diesem Stück. Kostüm und Maske grandios bedrohlich, die Stimme dunkel und gefährlich, die Gestik raumgreifend und dämonisch. Und dann wird die Wirkung sehr schnell durch Text und Mimik so ins Komische gedreht, dass die leichte Panik, die die Kinder beim alleresten Anblick der eindeutig bösen Frau kurz haben, sich in diese genau richtige, perfekt wohlige, charmant-gruselige, fast schon lustvolle Angst verwandelt, die im Bauch kribbelt und einfach Spaß macht.  Viel, viel Spaß. Die Fee beschwert sich, dass die Kinder sie nicht ausbuhen, wenn sie auftritt, sie beugt sich von der Bühne weit ins bibbernde Publikum und murmelt “Ich rieche den Pups der Angst” und die beiden Söhne quieken vor bebender Freude, während die böse Fee durch den Gang zwischen den Sitzen an ihnen vorbeigeht.  So muss Kindertheater sein.

Alle paar Minuten wird gesungen und getanzt, quer durch die musikalischen Gattungen. Text und Musik sehr eingängig und mitreißend: “Eines Tages, ja das weiß ich, bin ich alt und über dreißig. Oh, die Krankheit ist gemein, die da heißt Erwachsensein.” Das singt auch die junge Mutter Mitte zwanzig in der Reihe vor mir noch froh mit. Die multikulturellen Zwerge rappen und Rapunzel ist drauf und dran, mit Rotkäppchen eine Girlgroup zu gründen, sogar die Kletterrosen vor Dornröschens Schloß singen, und die Musikstücke werden lässig und in loser Folge in das ohnehin schon bunte Treiben gestreut, so dass, wie in einem unaufgeräumten Kinderzimmer, alles einen ganz neuen Sinn ergibt und zu immer neuem Spiel reizt.

Nach dem Stück mit dem obligatorischen Happy End können sich die Kinder mit den Darstellen fotografieren lassen, so dass Sohn II dann doch noch dem Wolf auf den Arm springen konnte, man muss ihn sich dabei als glückliches Kind vorstellen. Sohn I, der es nicht so mit großen, bösen Wölfen hat,  sondern nur Schneewittchen kurz anschmachtet und dann die Flucht ergreift,  wartet währendessen lieber vor dem Haus, wo gerade eine junge Frau Gitarrenmusik auf dem Spielbudenplatz macht. Der Sohn lehnt an einer Laterne und sieht der Frau zu, wie sie ihr Instrument stimmt, er liebt Musik und er himmelt Musiker an. Als er mich sieht, zeigt er auf die Künstlerin, vielleicht aber auch auf die bunte Reeperbahn hinter ihr, und er sagt “Guck mal, Papa, das geht ja immer  noch weiter, das Theater.”

Und dann dauerte es bei den beiden sehr aufgeregten Söhnen tatsächlich noch ziemlich lange, bis am Abend endgültig der Vorhang fiel. Wenn Sie ein Kind verfügbar haben, gehen Sie ruhig einmal ins Theater.  Auch wenn Sie dann noch Wochen später beim Märchenvorlesen plötzlich an völlig unpassender Stelle lachen müssen, weil Ihnen etwas aus dem Stück wieder einfällt.

(Dieser Text erscheint als Kolumne “Kind und Kegel” in der Online-Ausgabe des Hamburg-Führers.)

 

hamburgfuehrer

 

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