In der letzten Ausgabe von “Woanders” habe ich einen Text zur frühkindlichen Förderung verlinkt und das Nuf hat das Thema hier grandios aufgegriffen. Wie man bei ihr auch in den Kommentaren erkennen kann, stößt das Thema anscheinend auf breites Interesse. Verschiedentlich liest man dabei zum Thema eine Haltung, die auch ich vertrete, nämlich einfach immer alle Kinderfragen zu beantworten, in welcher Richtung die auch anfallen mögen. Die Söhne dürfen sich für alles interessieren, was ihnen einfällt, wir mühen uns dann nach Kräften, ihnen das Wissen zu vermitteln, nach dem sie gerade verlangen. Sei es nun technisch, aus der Natur, aus der Geschichte, aus den Religionen, aus der Biologie, aus der Physik, weiß der Kuckuck. Technische Fragen interessieren mich selbst nicht einmal ansatzweise, aber danach geht es nicht. Die Kinder müssen nicht die gleichen Interessen haben, wie ich, die dürfen sich selbstverständlich auch für Bagger oder Fußball oder für sonst etwas interessieren. Mal fällt es uns leicht, ihre Fragen zu beantworten, mal fällt es uns überhaupt nicht leicht. Mal doziert man so vor sich hin, mal macht man etwas vor, mal macht man mit ihnen etwas gemeinsam, mal staunt man nur noch, weil man auch nichts weiß. Mal kommt man ins Schlingern, weil man nicht recht einschätzen kann, was man alles zumuten kann, etwa zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, zur Krankheit AIDS, zum Hunger in der Welt, zur Armut in der Stadt. Ich weiche keinen Fragen aus, ich versuche aber, sie altersgerecht zu beantworten, das ist nicht immer einfach. Mal weiß ein Kind auch offensichtlich mehr als wir, weil in der Kita ein Thema spannend genug  präsentiert wurde. Mit altägyptischen Gottheiten zum Beispiel würde Sohn I jedes Quizspiel gegen mich gewinnen, es soll mir recht sein. Er kann auch mehr Spanisch als ich, aber nicht etwa, weil er da großartig Förderunterricht hätte, sondern weil eine Erzieherin aus Venezuela da spielerisch genug mit umgeht und mit den Kindern gemeinsam zählt und dergleichen, das geht dann ziemlich schnell. Sohn I kann jetzt viersprachig bis zehn zählen, Deutsch, Plattdeutsch, Englisch, Spanisch. An Portugiesisch und Finnisch bastelt er gerade, wobei er aber zurecht annimmt, dass Finnisch irgendwie nicht ernst gemeint sein kann. Das ist alles einfach Spaß und keine besondere Leistung und kein Mensch zieht am Kind irgendwie herum. Auf diese Art kommen die Kinder aber verblüffend weit. Einfach so.

Und wenn sich die Kinder mal für gar nichts interessieren und einen Tag schlecht gelaunt in die Gegend gucken wollen, dann dürfen sie das hier auch. Damit haben viele Eltern verblüffende Schwierigkeiten, das auszuhalten, das macht mich immer wahnsinnig, all die Kinder, die in jeder wachen Minute beschäftigt sein müssen und nicht in Ruhe schlecht drauf sein dürfen. Spiel doch was! Lies doch was! Soll ich mit dir spielen? Geht es dir nicht gut? Geh doch raus! Geh doch rein! Mach was! Soll ich was mit dir machen? Das verdient noch einmal einen eigenen Blogeintrag, diese Unsitte unserer Zeit, Kinder dauernd zu beschäftigen, was für ein Unfug. Wir mühen uns da eher, Inseln der Langeweile herzustellen.  Ich glaube, es war Jesper Juul, der in einem Interview die heute notwendige “Fadisierung des Alltags” erwähnte, das fand ich sehr hübsch. Was machen wir heute? Nichts.

Ich bringe die Söhne morgens zur Kita, die Söhne nutzen die Gelegenheit und haben da ein paar Fragen, vor allem Sohn I. Ob man etwa bei der Baustelle da vorne, wo die Rohre verlegt werden,  auch Knochen finden könnte, von so Königen, wie da neulich in England? Wie hieß der noch einmal? Richard III., sage ich, ganz souveräner Vater mit erheblichem Bildungsvorsprung. Von diesem ausgegrabenen König hatten die Söhne auf meinem Notebook vor ein paar Wochen ein Bild auf einer Nachrichtenseite gesehen und dann auch noch ein Filmchen und das fanden sie natürlich sehr spannend. Ein richtiger König! Ein richtiger König unter einem Parkplatz! Wie irre ist das denn. Und der erste und der zweite Richard, die waren dann sein Vater und sein Opa, oder wie? Äh. Und wer kam dann nach ihm, wie hieß sein Sohn? Oder hatte der keinen? Wer kam denn dann nach ihm? Eine Prunzessin? Die Söhne sprechen Prinzessin mit u aus, immer schon, beide. Der Prinz, aber die Prunzessin. Und woran starb der König, vom dem man  das Skelett gefunden hat, war das im Krieg? Weiß man das? Und woher weiß man das? Schwert? Pfeil? Lanze? Hatten die schon Gewehre? Und gegen wen war der, der Krieg? Und wer war denn damals hier gerade König? Und wo liegt der jetzt? Nicht unter einem Parkplatz, was? Gab es hier überhaupt einmal Könige? Jetzt aber nicht mehr, oder? Warum nicht? Und in England? Da immer noch? Warum? Ist das noch die Familie von damals? Oh, sage ich und nun ja, und die Reste meiner Allgemeinbildung scheppern hohl in meinem Kopf.  Das war damals doch bei Richard irgendwas mit den Rosenkriegen, dämmert mir schwach, aber hat die irgendwer jemals verstanden, also abgesehen von Shakespeare? Und wieso eigentlich Rosen? Und welches Jahrhundert war das, und wer gegen wen?

Ich bringe die Söhne zur Kita, gehe zurück an meinen Schreibtisch und lese die Rosenkriege in der Wikipedia nach, die Tudors, die Yorks, irgendwas mit Lancaster und Richard III. Und dann noch Plantagenet, noch so ein Name bei dem irgendwas dumpf klingelt im Kopf, aber ohne nennenswerte Resonanz. Ach guck, und dann kamen schon die Stuarts. Ich lese diverse Königsgeschlechter nach, das ist im Grunde ganz interessant, das hat man alles schon einmal gehört. Wenn man erst einmal angefangen hat – da fallen einem dauernd so Versatzstücke ein, die man aus Büchern, sogar Jugendbüchern und Filmen und Theaterstücken kennt, von Robin Hood über Schillers Maria Stuart bis hin zu dem König, der seine Frauen alle umbrachte, Sie wissen schon, der Dings. War es nicht irgendein Heinrich? Und wann war der nun wieder?  Faszinierend. Auf mich wartet eigentlich Arbeit, aber die Geschichte der britischen Thronfolge hält mich noch eine Weile auf und dann muss ich ja auch noch nachsehen, wer hier zu der Zeit König war. Oder Kaiser, oder was weiß ich. Viel, so viel steht immerhin fest, viel weiß ich offensichtlich nicht. Es war übrigens ein Habsburger, falls das interessiert, Friedrich III. Auch interessant, die Habsburger, aber dafür reicht die Zeit nun wirklich nicht mehr, die waren ja auch erschreckend ergiebig. Ich bin noch vor dem zweiten Kaffee, aber schon tief im 15. Jahrhundert, diese Kinderfragen machen einen definitiv nicht dümmer.

Was ich aber eigentlich sagen wollte: Doch, ich finde es ganz in Ordnung, so früh am Tag von meinen Kindern gefördert zu werden.

%d Bloggern gefällt das: