Wie man richtig auf den Hamburger Dom geht

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Wenn man erwachsen wird, dann verlernt man es in der Regel irgendwann, richtig zum Dom zu gehen. Man geht vielleicht dennoch hin, man macht dabei aber alles falsch und hat dann gar keinen Spaß mehr dabei. Man steht vor einer Wurstbude und fragt sich, ob die Wurst vor drei Jahren nicht noch billiger war und wie viel noch einmal genau? Man fragt sich, was die  Champignons heutzutage im Kilo kosten und wieso man dann für diese kleine Schüssel da ein paar Euro bezahlen soll. Man steht vor einer Achterbahn und fragt sich, wie mühsam wohl der Aufbau war und denkt daran, dass man die in einer Woche schon wieder abbauen muss, was ist das denn  bitte für ein Beruf . Man sieht die Angestellten in den Kassenhäuschen und vor den Losbuden und man fragt sich, was das für ein Job ist, dieses ständige Herumziehen, dieses Wohnen im Campingwagen, diese Arbeitszeiten. Und ob sich das lohnt? Und jeden Tag bei dieser Musik arbeiten. Hummtata. Jeden Tag bis abends spät arbeiten, in der Kälte, bei Regen, bei Wind. Man fragt sich, wie man wohl die Statik dieses Fahrgeschäftes dahinten berechnet hat und ob die Ponys da wohl gerne im Kreis gehen und wieso es eigentlich an jeder Zuckerbude das gleiche Sortiment gibt. Und erinnert sich kurz, dass man vor hundert Jahren auch einmal so ein Lebkuchenherz verschenkt hat, an wie hieß die gleich und was war da eigentlich drauf? Man sieht die Bude der Wahrsagerin und fragt sich, wer da reingeht. Man sieht die ruckeligen Figuren außen an den Geisterbahnen und fragt sich, wer denn bitte heute noch davor Angst haben soll, und spätestens dann fällt einem hoffentlich endlich ein, dass man das Zielpublikum für all das an der Hand hat.

Das Zielpublikum läuft neben einem her und ist drei oder fünf Jahre alt und guckt und staunt und zittert vor Aufregung und sieht ganz andere Dinge als man selbst. Es ist genau genommen auf einer ganz anderen Veranstaltung. Auf einer Veranstaltung, bei der es alle paar Meter anders und immer köstlicher duftet, nach Wurst und gebrannten Mandeln und Poffertjes und Pizza und Steak und Kakao und alles sieht wunderbar aus und man könnte alles sofort essen, gerne auch gemischt und alles durcheinander, wenn es die Eltern denn nur bezahlen würden. Man könnte alle, alle Süßigkeiten probieren, man könnte Wurst in allen Größen versuchen und Pommes und Calamares und vielleicht sogar die Champignons, obwohl die gar nicht dringend sind. Auf den ersten paar Metern des Doms besteht ein Kind nur aus Appetit und der ist gewaltig und duldet wenig Aufschub. Die Luft ist erfüllt von Musik, von schneller, lauter, rhythmischer Musik, die einen vorwärts treibt und zieht, die in die Knie geht und einen hüpfen lässt, alle paar Meter ein anderer Takt, man geht von Hit zu Hit und einer ist besser als der andere, wenn man nur jung genug ist. Das wummert und singt und brummt und dröhnt und trommelt. Dabei blinkt alles um einen herum, Lichter gehen an und aus und alles bewegt sich, dreht sich, verwirbelt sich, schießt nach oben, fällt nach unten, schleudert herum und rotiert in der unglaublichsten Weise.  Menschen kommen aus den Fahrgeschäften, sie lachen und sie kreischen und manche sind ganz blaß und man weiß nicht, könnte man da auch rein? Hält man das aus, will man das aushalten, darf man das? Irgendwann darf man da rein, irgendwann darf man alles, aber jetzt schon?

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Da, in das darf man rein, es ist das erste Kettenkarussell im Leben. Die Eltern stehen am Kassenhäuschen, schon dreht sich alles und man lehnt sich hinaus, um sich noch schneller zu drehen, biegt sich nach hinten, hält die Hand in den Fahrtwind, um mehr zu spüren von der Zentrifugalkraft, man sieht den ganzen Dom zu einer bunten Masse zusammenschmelzen, einer bunten, lärmenden Masse und die Eltern verwischen am Rand und es kribbelt im Magen und es ist schön, schön, schön.

Taumelnd aussteigen, da riecht es nach Pferd, da riecht es nach Maus, da riecht es nach Schmalzgebäck und da vorne ist eine Achterbahn für Kinder und da darf man also auch rein. Langsam fährt der Wagen den Berg hoch, ganz langsam, geradezu nervenzehrend langsam, es rattert und ruckelt und bebt, hinuntersehen zum Papa, der steht und knipst und ist wirklich ganz schön weit unten. Die Sekunden vor dem Gipfel dehnen sich endlos, das Herz rast und trommelt und dann kippt der Wagen nach vorne und man rast hinab und in die Kurve und endlich, endlich ist einmal etwas so schnell, wie alles immer sein sollte,  und man will noch einmal fahren, und noch einmal und noch einmal.

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Der erste Liebesapfel des Lebens, Zucker pur, krümelig krachend und splitternd zwischen den Zähnen, klebrige Spuren im ganzen Gesicht, wo die Zunge auch hinkommt, alles ist süß, supersüß und dann beißt man sich zum Apfel durch und es wird sauer und es paßt auch. Gewinne, Gewinne, Gewinne, Gewinne, all die Menschen, die Riesenplüschtiere durch die Gegend tragen, all die Lose auf dem Boden, all die Erwachsenen, die mit Gewehren auf etwas schießen, die seltsame Automaten bedienen, den Lukas hauen oder Dosen werfen oder Enten angeln, warum spielen  die da alle, das machen die doch sonst nicht?

Der erste Autoscooter im Leben, gemeinsam mit dem Bruder, der Große lenkt, der Kleine lässt einen Arm heraushängen und pöbelt die anderen Fahrer an, so geht Teamwork, so geht Familie und man fährt dabei selber und ohne Erwachsene und ganz richtig Auto und es macht nichts, wenn es bumst, das ist viel besser als im Straßenverkehr, das soll bloß nicht aufhören.

Die erste Geisterbahn im Leben und da kann man auch mitfahren, sagt Papa und  – oh. Äh. Nein. Erst einmal genau ansehen, die Monster. Die sind nicht echt, das weiß man auch mit drei Jahren schon, erst recht mit fünf Jahren, aber unheimlich sind sie doch und sie sind sehr groß und sie bewegen sich. Aus dem Inneren der Geisterbahn hört man äußerst beunruhigende Geräusche und man bekommt plötzlich ein seltsam kribbeliges Gefühl auf der Haut überall und womöglich ist es stockfinster darin und man kann ja auch nächstes Jahr wieder herkommen und dann da mitfahren, kann man doch? Oder? Und wenn die Eltern die Geisterbahn jetzt nicht zahlen, dann könnte man doch noch einmal mit der Achterbahn, weil nämlich, das Geld ist ja gespart? Die kann man ganz hinten übrigens noch sehen, die Achterbahn, der erste Wagen ist gerade ganz oben, es ist wieder exakt dieser Sekundenbruchteil vor dem Runterkippen, gleich werden sie alle schreien und die Erinnerung an das Gefühl ist überwältigend und nur noch einmal, ja? Bitte? Oder?

So geht man richtig auf den Dom.

(Dieser Text erscheint als Kolumne „Kind und Kegel“ in der Online-Ausgabe des Hamburg-Führers)

hamburgfuehrer


 

30 comments

  1. Sven

    Bitte bitte sag‘, dass ihr nicht erst jetzt auf dem Dom gegangen seid. Ihr kennt das schon, oder?

    Der Dom ist super für Kinder.

    Pro-Tipp: Einen geplanten Besuch von Großeltern so legen, dass Oma und Opa mit Enkel auf den Dom können.
    Eine dieser familiären WIN-WIN Situationen, insbesonders für die Haushaltskasse.

  2. Dieter

    Das ist aber wirklich ganz großartig geschrieben. Die ersten Gedanken sind auch meine, ergänzt noch um Sorge und die Schuldgefühle bei den billigen Buden, wo alte Inhaber Entchenangeln oder Pfeile auf Luftballons werfen anbieten, die nur noch die ganz kleinen Kinder faszinieren und wo auch zu Stoßzeiten nicht gerade Gedränge herrscht. Aber dann geht es weiter, hin- und hergerissen zwischen Großzügigkeit, dem Willen, das Geld ein bißchen zusammenzuhalten, und der Lust, tiefe Glücksgefühle und intensive Erinnerungen bei den Kindern zu erzeugen, und der Ansage „Nein, das ist Unsinn, das gibt es woanders viiiel günstiger“.

    Im August ist bei uns große Kirmes, vielleicht will der große Sohn (dann 11J.) schon alleine über die Kirmes gehen. Läßt man ihn? Sind vernünftige Freunde dabei? Oder die Leichtsinnigen mit viel mehr Geld? War man selbst auch so alt oder sogar jünger, als man zum ersten Mal alleine über die Kirmes durfte? Die Fortsetzungen jedes Jahr werden keine Wiederholungen sein. Jedes Mal was Neues.

  3. Hierundanderswo

    Wunderschön. Danke fürs erinnern. Ich habe jetzt Heimweh -nach Hamburg und dem Dom, damals…

  4. Winnie

    Hach! Herr Buddenbohm! Sie Sprachvirtuose. Unglaublich toll, ihre Beschreibungen und Erzählungen. Respekt! Wunderschön!

  5. Clara Himmelhoch

    1986 – meine erste Westreise – mein erster Hamburgbesuch – ein guter Freund sponsert meine Fahrgeschäftsgelüste – dann Riesenüberschlagschaukel – sekundenlanges Hängen kopfüber – Gesichtsfarbe anschließend hellgrün – Dombesuch beendet und der Magen ist nur noch mit Leckereien zu besänftigen. – Ab 1989 dann häufigere Hamburgbesuche, aber nie wieder Dom!

  6. Paula

    Wir wohnen 5 Minuten vom DOM entfernt. Ja, genau, so war das. Unser Kind durfte dreimal im Jahr und hat im Laufe seiner Kindheit und Teenagerzeit alle Fahrgeschäfte durchprobiert, alle Leckereien versucht, alle Euros aus seiner Spardose auf den Kopf gehauen. Wenn heute am Freitagabend das Feuerwerk losgeht, sind wir froh, dass wir das alles schon erlebt haben und nie wieder hingehen müssen. Und er? Geht nur noch selten mit der jeweils neuesten Freundin hin, isst Schmalzgebäck und Domwürsten – und das war’s. Ich glaube wir haben alles richtig gemacht.

  7. Sandra Malik

    Was für eine wunderschöne Liebeserklärung an die Kindheit. Ich geh jetzt mal Taschentücher suchen *schneuz*.

  8. Ping: 4/2013 bis 14/2013 – Webgedöns | Ach komm, geh wech!
  9. Lily

    Hm… Bratwurst, das wäre es jetzt. Zum Nachtisch gerne Zuckerwatte. Und dann „Bayernkurve“, wie vor dreißig Jahren…

  10. walküre

    Wenn ich wieder klar sehen kann, schreibe ich, wie wunderbar ich diese Ihre Zeilen finde.

    [Dieser Zauber geht einem nie ganz verloren, man muss ihn nur (wieder) zulassen und sich vom hohen Ross des ach so abgeklärten Erwachsenendaseins herunterbegeben.]

  11. Lenn Art

    Welch eine großartige Reise in die Vergangenheit, ins grenzenlose Staunen. Ich habe Gänsehaut. Vielen Dank dafür!

  12. Holger

    Danke für den schönen Beitrag, der mich dazu inspiriert hat morgen seit langem mal wieder auf den Dom zu gehen.

  13. Jannelmia

    Nach einer Reise von 1000km sind wir letzte Woche tatsächlich mit Großeltern (beheimatet im Norden) und Kind (4 Jahre, beheimatet im Süden) auf den Winter – stop! Frühlingsdom gegangen. Es war GENAU SO. 5 Tage später in Wedel an der Elbe: „Schau mal, die Jungs da, die angeln.“ Kind: „Enten ?“

  14. kelef

    haben eh schon alle alles gesagt. vielen dank für diese geschichte! wie lebendig das alles wird beim lesen …

  15. Ping: Alles dreht sich… | Neues aus der Großstadt
  16. Frau Ladybird

    Ach, da will ich doch auch gerne noch einmal auf den Dom …
    Als ich vor einiger Zeit einmal dort war, ganz zufällig, bei einem Wochenendbesuch in Hamburg, erinnerte ich mich an ein Mädchenbuch, dass ich als Kind verschlungen habe. Die Protaginistin lebte in Hamburg und manchmal ging sie zum Dom und dort aß sie dann „Sprungfedern„.
    Siehe da, es gab sie tatsächlich, die Sprungfedern, köstliche knuspriges Schmalzgebäck, auch für mich, auch nach all den Jahren.
    Ich habe sie gekauft und genossen, jede einzelne, bis zum letzten Krümel. Und ich bin eingetaucht in die Vergangenheit.

  17. mct

    Als Schaustellerkind möchte ich einfach nur Danke für diesen Text sagen… DANKE!

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