Das kinderlose Wochenende in Kühlungsborn liegt schon wieder etliche Tage zurück und mittlerweile habe ich mich fast ganz davon erholt und kann mich auch wieder ziemlich normal bewegen. Denn während andere Menschen vitalisiert von solchen Erholungstrips zurückkommen und dynamisch wie ein junger Springbock  an den Schreibtisch zurückeilen, lief das bei mir leider etwas anders. Dafür kann aber, um es gleich vorweg zu nehmen, der Ort Kühlungsborn nichts, dafür können auch das überraschend gute Wetter und das wie immer großartige Hotel nichts. Die mangelnde Erholung begründet sich vielmehr ausschließlich in einem kleinen Mordversuch der Herzdame, aber fangen wir vorne an.

Als wir in Kühlungsborn ankamen, schien die Sonne. Das war so nicht vorgesehen, aber das haben wir mit stoischer Gelassenheit ausgesessen, das können wir gut. Einmal kurz zum Strand , drei Fotos für das Blog machen, schnell wieder aufs Zimmer gehen, fertig ist die Outdoor-Experience, da haben wir Routine, das dauert keine halbe Stunde. Um Outdoor geht es an diesen Wochenenden nun einmal definitiv nicht. Outdoor müssen wir dauernd mit den Kindern, Outdoor nervt. Das Hotel war ein Wellness-Hotel. Ein Wellness-Hotel hat einen entscheidenden Vorteil für mich, denn der Wellness-Bereich absorbiert in berechenbarer Weise die Herzdame und lässt mich ganz allein im Hotelzimmer zurück, in perfekter Ruhe und  himmlischer Ungestörtheit. Da mich Wellness-Bereiche überhaupt nicht interessieren, kann ich also tiefenentspannt und ohne die geringste Ablenkung lesen, während die Herzdame sich in einer Sauna mit absurden Temperaturen quält, in eiskaltes Wasser springt, unter Regenwaldduschen mit Vogelgezwitscher vom Band herumsteht oder was man da eben so macht, in einem Wellness-Bereich, was weiß ich, ich kenne mich da nicht aus. Nach einigen Stunden spuckt der Wellness-Bereich jedenfalls eine bestens gelaunte und köstlich duftende Herzdame wieder aus, ich habe bis dahin im besten Fall den ersten Roman komplett durchgelesen und bin daher ebenso blendend gelaunt. Ich liege bettwarm und sehr entspannt herum, sie kommt saunaheiß und auf dem Gipfel der Wohlfühlerei dazu, und den Rest überlasse ich der Phantasie der Leserschaft. So weit, so schön.

Also wir schlafen dann natürlich sofort gemeinsam ein, es sind kinderfreie Tage, was denken Sie denn.  Sich hinlegen und ungestört einschlafen, das ist so toll, das machen wir an diesem Wochenende dauernd, davon können wir gar nicht genug bekommen. Wir stehen ab und zu sogar extra kurz auf, gehen einmal ums Bett herum und legen uns wieder hin, nur um noch einmal ungestört einschlafen zu können. Es ist phantastisch, es ist unbeschreiblich, ein Gefühl, dass alle Eltern sicher sofort verstehen werden. Hinlegen, horchen – nichts. Wieder wegdämmern. So schön.

Wobei es allerdings nicht ganz stimmt, dass mir Wellness vollkomen egal ist, ein Teilaspekt könnte mich schon lebhaft interessieren, und zwar die Massagen, die oft dazugehören. Massagen sind ohne Zweifel großartig und erstrebenswert, besonders für Menschen, die mit solcher Ausdauer am Schreibtisch kleben wie ich. Aber leider sind sie meist recht teuer, deswegen halte mich dabei ebenfalls zurück.  Das ist vielleicht auch gut so, denn aufgrund eines familieninternen Sprachgebrauchproblems leide ich unter der etwas exotischen Angst, das Wort Massage öffentlich falsch auszusprechen, und diese Peinlichkeit bleibt mir dann zumindest erspart. Sohn II hat Schuld an dieser Angst, denn er spricht regelmässig von Maschase, wenn er eine Massage haben möchte. Da die Herzdame nicht nur irgendwas mit Internet macht, sondern als Ausgleich u.a. auch eine Ausbildung zur DELFI-Gruppenleitung absolviert hat und regelmäßig Mütter mit Babys auf diese Art betreut, übt sie gelegentlich Babymassagetechniken an den Söhnen, was diese verständlicherweise sehr angenehm finden. Besonders Sohn II mag diese Massage-Übungen und er fordert sie regelmässig ein. “Kann ich eine Maschase? Bitte, ich möchte eine Maschase, Mama! Und dann noch eine? Eine ganz, ganz lange?” Und er bittet so überzeugend und er spricht das Wort mit einer solchen Präzision und Häufigkeit falsch aus, dass Massage bei uns routinemäßig schon längst nur noch Maschase heißt und das Umschalten auf den korrekten Sprachgebrauch mit der Zeit verblüffend schwierig geworden ist. Das Wort hat sich schlicht festgefressen.  Eine Maschase bitte. Eine Maschase in einem Massagesalon am Maschsee, bitte. Oder in Massachusetts.  Ich schweife ab.  Was ich sagen wollte: Es wäre mir ungeheuer peinlich, irgendwo in einem Wellness-Bereich eine Maschase zu bestellen, wie steht man denn dann da.

Während ich jedenfalls zum wiederholten Male gemeinsam mit der Herzdame einschlief, dachte ich noch im seligen Hinübergleiten in den Schlaf,  dass eine Maschase doch wirklich nett wäre, und dass ich doch eigentlich auch einmal etwas Wellness bekommen könnte. Gratis, versteht sich, denn den Controller in mir lasse ich auch an solchen Wochenenden nicht zu Hause, der sitzt bombenfest in seiner Leitstelle. Ein Einsatz für die Herzdame also. Und ich wartete ein, zwei Nickerchen ab, denn an kinderfreien Wochenenden muss man nichts überstürzen, und machte Ihr dann hoffnungsfroh einen Antrag auf eine lange Maschase, den sie für ihre Verhältnisse sogar wohlwollend beantwortete. Im Laufe einer Ehe sinken die Ansprüche an Freundlichkeit natürlich deutlich ab. “Wenn’s unbedingt sein muß”, murmelte also die Herzdame  und ich warf mein T-Shirt von mir und mich vor sie hin und sie sich auf mich. Quasi.  Dann griff sie mir mit ihren verblüffend kräftigen Zangenfingern in die Schulterblätter und ich machte “uh” und “oh” und “ah”,  was man eben so von sich gibt, wenn man herrlich maschiert massiert wird und die Herzdame fragte “Da auch?” und “Wie ist es da so?” und es war alles ganz wunderbar. Bis sie befand, dass mein Kopf auf der falschen Seite lag.

Als gebürtige Nordostwestfälin mit dem in dieser Region üblichen eklatanten Mangel an kommunikativen Fähigkeiten ist sie nun kein Mensch, der lange fragt, sie ist ein Mensch, der sofort zugreift. Ich spürte also zwei Hände an meinem Kopf, ich spürte ein schwungvolles Drehen und ich spürte ein ausgesprochen unheimliches KNACK – und dann dauerte es eine ganze Woche, bis ich den Kopf wieder nach rechts drehen konnte.  Und während ich noch in den Sekunden nach dem Knack darüber nachdachte, wie hoch eigentlich meine Lebensversicherung zu ihren Gunsten noch einmal war und während sie noch versuchte, von nicht eben florence-nightingale-mäßigen Lachkrämpfen geschüttelt, eine wenig glaubwürdige Entschuldigung  zu murmeln, zog sich ein seltsam glühender Schmerz vom Nacken zur Hüfte und mir wurde am ganzen Körper  beunruhigend heiß. Ganz ohne Sauna, aber da wollte ich ja ohnehin nicht hin.

Der Schmerz blieb im Nacken und im Rücken, der Kopf blieb links. Nach einer Stunde war mir klar, dass dieser Zustand etwas länger dauern konnte. Da war es ganz praktisch, dass die Ostsee vom Balkon aus auch links zu sehen war. Am Anblick der dunkelgrünen Wellen und der strahlend weißen, sturmzerfetzten Schaumkrönchen in der Brandung konnte ich mich von da aus erfreuen, ohne mich dafür schmerzhaft verdrehen zu müssen. Toll, so ein Hotel in richtiger Lage, passend zu den aktuellen Verrenkungen, wie hatte ich das wieder geschickt gebucht.

Ich ziehe nach dieser Erfahrung jetzt jedenfalls lose in Erwägung, beim nächsten kinderlosen Wochenende doch einmal im Wellness-Bereich nach einer professionellen Madings für mich zu fragen. Sie wissen schon. Das mit den Händen. Das Gefährliche.

 

 

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