Es gibt viele Themen, die mich nicht interessieren, etwa Makramee oder Sudokus. Es gibt auch Themen, die mich noch weniger interessieren, etwa Goldfischzucht oder Briefmarken. Und es gibt, noch etwas darunter, Fußball. In der Regel überträgt man als Vater seine Neigungen mehr oder weniger erfolgreich auf die Kinder, wenn man sich selbst zum Beispiel für Musik begeistert, dann ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass die Kinder sich auch irgendwann dafür erwärmen können. Wenn man sich aber nicht für Basketball interessiert, dann wird Basketball den Kindern ziemlich sicher auch nicht spannend erscheinen, so weit, so einfach. Bei Fußball ist das aber leider ganz anders, denn kleine Jungs interessieren sich geradezu zwingend für Fußball, auch wenn der Vater noch so ein durchtrainierter Ignorant ist. Fußball, das ahnt das Kind schon früh, ist ein Männermythos, eine wahnsinnig wichtige Sache, ein geheimnisvolles, geradezu magisches Phänomen, ein Mitmachding für Große, ein Mitmachding für Jungs. Mit Fußball gehört man dazu, mit Fußball ist man normal. Fußball muss einfach. Deswegen geht man als Vater mit seinem Sohn irgendwann ins Stadion. Klare Sache. In diesem Fall ans Millerntor.

Winter über der Stadt, Minusgrade, die Luft riecht nach Schnee. Fußball wird irritierenderweise dennoch draußen gespielt. Der Wind pfeift, er kommt mit reichlich Schwung direkt aus Russland, aber tausende Menschen gehen ihm fröhlich entgegen, als wäre er nur eine linde Frühlingsbrise. Sie gehen zum Stadion, vorbei an unfassbar vielen, sehr gelangweilt aussehenden Polizisten, die aus Mannschaftsbussen mit Standheizung heraus die strömenden Massen träge beobachten. Mein fünfjähriger Sohn hüpft aufgeregt neben mir auf und ab, rennt im Kreis um mich herum und wirkt überhaupt wie ein aufgeregter Hundewelpe, denn wir gehen zum Fußball, zum richtigen, zum echten Fußball, zum Fußball für Männer. Zum ersten Mal im Leben, das gilt übrigens für uns beide, aber das kann er sich natürlich nicht vorstellen. “Wer spielt?” fragt er mich zum dreißigsten Mal, er möchte so gerne endlich ein Spiel St. Pauli gegen Deutschland sehen, das ist sein größter Traum, davon redet er seit Monaten. Er liebt Fußball eindeutig mehr als ich, kompetenter ist er deswegen allerdings noch lange nicht.

„St. Pauli spielt gegen Energie Cottbus”, sage ich und er antwortet etwas pikiert, dass so ja nun keine Stadt und kein Land heißen könne, das sei doch albern. Ich erkläre, dass die Stadt nur Cottbus heißt, der Sohn geht kopfschüttelnd weiter. Alle zehn Schritte fragt er mich, wie die Stadt noch einmal heißt. St. Pauli kann er sich natürlich merken, St. Pauli kennt man hier, St. Pauli ist super. St. Pauli hat den unschlagbaren Vorteil des Totenschädels als Erkennungszeichen, für kleine Jungs gibt es da nicht viel zu überlegen – der Verein muss gut sein, der ist mit Piraten. Der andere große Hamburger Verein hat einen Dino als Maskottchen, nice try, aber das reicht nicht. Piraten sind bekanntlich unschlagbar.

Wir haben die Karten für das Spiel etwas überraschend am Vormittag als Geschenk erhalten, deswegen mussten wir sehr schnell aufbrechen und deswegen habe ich nicht genug an, das merke ich schon auf dem kurzen Weg von der U-Bahn zum Eingang des Stadions. Zwei Pullover mehr hätten es wohl sein dürfen, das habe ich in der Eile dann nicht mehr geschafft. Der Sohn hat seinen Schneeanzug an, der könnte damit auch draußen schlafen, in dem Ding friert man einfach nicht. In meiner ach so tollen Outdoojacke friert man aber schon, und das nicht zu knapp. Der Teil der Tribüne, in dem wir sitzen, wird an diesem Spieltag erst eingeweiht, er ist ganz neu gebaut. Deswegen laufen sehr viele Menschen verwirrt herum und finden ihre Plätze nicht, die Reihen sind nicht gerade auffällig beziffert. Enorm viele Männer mit riesigen Bierbechern in den Händen laufen kreuz und quer und treppauf, treppab, diskutieren mit Ordnern und anderen Gästen und steigen immer wieder über Beine und Stuhlreihen. Die meisten scheinen das Chaos lustig zu finden. Der Sohn fragt, gegen wen St. Pauli noch einmal spielt, ich versuche herausfinden, wo wir ungefähr hinmüssen. Einfach ist das wirklich nicht.

Wir finden schließlich unsere Plätze und setzen uns hin, der Wind weht ungehindert heran, in meinen rechten Jackenärmel hinein, aus dem linken wieder heraus. Ich kuschel mich versuchsweise in die kühle Plastiksitzschale, das bringt aber nicht viel. Ich habe normalerweise nichts gegen Bier, ganz im Gegenteil, aber schon die Vorstellung, jetzt eiskaltes Bier zu trinken, wie all die Leute um mich herum, senkt meine Körpertemperatur spürbar. Ich zittere vor mich hin. Der Sohn will dann Gott sei Dank auf den Schoß, man sollte Kinder als Wärmekissen nie unterschätzen. Am Bauch wird mir dadurch immerhin warm, am Rücken fühlt es sich aber weiterhin arktisch an, ich könnte mich auch an eine Eisscholle lehnen, statt an diesen Plastiksitz . Das Stadion füllt sich mehr und mehr, um uns herum sitzen lauter Gäste mit Dauerkarte, die kennen sich alle gut und gehen anscheinend schon seit hundert Spielen gemeinsam zum Fußball. Ich fühle mich zwischen ihnen wie ein Außerirdischer, so ganz ohne Bier, ohne Fankleidung, ohne Ahnung. Zur Anpassung an die Umgebung hole ich mir wenigstens eine Wurst, und damit es noch besser wirkt und besser wärmt, hole ich dann gleich noch eine. Der Sohn fragt, gegen wen St. Pauli heute noch einmal spielt, aber bevor ich etwas sagen kann, antworten ihm etwa zehn Mann, die vor, neben und hinter uns sitzen. “Eine Stadt kann doch nicht mit -bus am Ende heißen”, murmelt der Sohn leise, das kommt ihm nach wie vor äußerst seltsam vor.

Im Stadion wogt es ringsum braunweiß, die Farben von Sankt Pauli, nur wenige Fans der Gäste sind erschienen und ihr Rot wirkt sehr verloren. “Cottbus”, sage ich zu dem Sohn und zeige auf die paar Fans da ganz unten,  ganz hinten. Die Fans des Gegners stehen herum und winken nicht einmal, sie wedeln nicht mit Schals, sie machen gar nichts, sie wirken ein wenig so, als hätten sie schon verloren, nur weil sie auswärts sind. “Da sind ja ganz wenige”, sagt der Sohn, “gegen die gewinnen wir doch.”

Die Männer um uns herum trinken ein Bier nach dem anderen, niemand scheint deswegen zu frieren, es ist wirklich höchst irritierend. Dann geht Musik los, die Massen springen auf und brüllen frenetisch mit. Der Sohn auf meinem Schoß steckt seinen Kopf erschreckt in meine Jacke, die er zu diesem Zweck leider öffnen muss, mit Krach hat er es nicht so. Das Brüllen hört aber nicht auf, die Fangesänge scheinen sich in der Laustärke eher noch deutlich zu steigern. “And you’ll never walk aloooooone”, die Männer um uns herum brüllen es heiser mit und sehen dabei ungeheuer feierlich und konzentriert aus, als würden sie eine Arie in der Hamburger Staatsoper schmettern. Nach einer Weile traut sich der Sohn vorsichtig wieder heraus und guckt sich die Leute an, so etwas hat er noch nicht erlebt. Die brüllen alle aus Leibeskräften, schunkeln und schwenken Schals und werfen Unmengen Konfetti und gucken total ernst dabei, das ist entschieden seltsam, das sehe ich auch so. Die Musik ist vorbei, die Leute rufen aber weiter, Sprechchöre, noch einer und noch einer. Wir verstehen nichts, aber alle scheinen sich sehr toll zu finden, so viel ist klar. Der Mann, der neben dem Sohn steht, stößt ihn zwischendurch mit dem Ellenbogen an und zwinkert verschwörerisch, als hätte das Kind soeben an einem Einweihungsritus teilgenommen. Und vielleicht ist es ja auch so, jedenfalls strahlt der Nachwuchs nach einem fragenden Blick zu mir auch, zwinkert zurück und stößt mit seiner Limo den großen Bierbecher an, der ihm zum Prosten hingehalten wird. Und strahlt. “Echter Fußball, was Papa?” Ja. Der Sohn macht sich gerade und schreit beim nächsten “Pauli!”Chorgebrüll mit und sieht sehr glücklich aus, obwohl auf dem Spielfeld noch gar nichts passiert ist.  Mein Frieren hat sich schon gelohnt, so viel steht fest.

Die Spieler kommen endlich und wärmen sich auf dem Platz auf, mir ist mittlerweile so kalt, dass ich selbst auch gegen eine Runde um den Platz nichts einzuwenden hätte, so etwas habe ich vermutlich schon seit Jahren nicht mehr gedacht. Der Sohn fragt, gegen wen die noch einmal spielen und was die da machen und warum denn und wann es nun wirklich losgeht und wie lange das dann eigentlich dauert und wieso schon wieder gesungen wird und wann genau die Tore geschossen werden und ob es eigentlich noch Wurst gibt und warum ich kein Bier trinke und ob es noch Limo gibt und ob er später Schiedsrichter werden kann und warum ich eigentlich so zittere und ob die wirklich die ganze Zeit singen, die Leute? Und wer eigentlich auf welches Tor schießen muss oder ob das egal ist und wieso da überall Fotografen herumstehen und warum überhaupt alle stehen, wenn man doch auch sitzen könnte und wieso die alle so häßliche Farben anhaben und ob es nun wirklich Piraten irgendwo gibt oder wenigstens einmal gab und ob die andere Stadt da ernsthaft auf -bus heißen kann, also in echt? Nein, oder? Und was genau ist eigentlich Energie?

Ich erkläre und erkläre, ich erkläre alles, was ich weiß, und so viel ist das gar nicht. Ich rede leise in sein Ohr, damit meine Ahnungslosigkeit nicht so peinlich  auffällt, die Leute neben uns wirken nämlich alle ungeheuer kompetent. Irgendwann fragt einer, ob wir noch nicht so oft dagewesen seien, wir zwei, was? Nein, nicht sehr oft, sage ich. Aber wir kommen jetzt öfter, sagt der Sohn fröhlich. Auch, wenn gegen Deutschland gespielt wird!  Ja, sage ich, genau, dann kommen wir auf jeden Fall wieder. Neben uns wird gelacht, jemand reicht Luftballons und Schokolade zum Sohn durch, überhaupt sind alle sehr nett zum Kind, das fällt auf, denn es ist ja nicht selbstverständlich. Ich weiß nicht, ob es für alle Fußballfans gilt, aber der Sankt-Pauli-Fan als solcher macht einen äußerst kinderkompatiblen Eindruck.

Das Spiel geht los, die Fußballer treten den Ball herum, sehr spannend sieht das zunächst nicht aus, ancheinend nicht einmal dann, wenn man sich für Fußball interessiert. Um uns herum hören wir das Wort “langweilig” ziemlich oft, auch “Herumgeholze” und immer wieder “was soll das denn?” Nach zehn Minuten sieht das Spiel immer noch nicht spannender aus und nach weiteren zehn Minuten auch nicht, die Leute murren jetzt sehr unzufrieden.  Ich verstehe nichts vom Fußball, aber die Spieler da unten anscheinend auch nicht. “Was soll das denn?” Ich versuche aus lauter Langeweile zu verstehen, warum der Schiedsrichter eigentlich was macht und und wann er was pfeift und wann so etwas wie Einwurf, Ecke und dergleichen kommt, aber ich verstehe es nicht. Das ist schlecht, denn der Sohn fragt mich das auch andauernd. Ich rate herum, aber immer wenn ich denke, ich habe es endlich verstanden, macht der Schiedsrichter doch wieder etwas ganz anderes. “Was soll das denn?” Das Spiel dümpelt dahin, die Spieler von Energie Cottbus wirken phasenweise etwas fallsüchtig, das sehen sogar der Sohn und ich: “Der kann doch gar kein Aua haben!” Die Männer um uns herum singen aus tausend Kehlen: “Schauspielertruppe! Ihr seid ne Schauspielertruppe!” Zur Melodie von “Es gibt nur einen Rudi Völler”und ich bringe Minuten damit zu, darauf zu kommen, was denn bloß noch einmal der Originaltext zur Melodie war.

Der Sohn fragt, in welcher Liga St. Pauli sei und ich denke nach, habe aber tatsächlich keine Ahnung. Allzu weit oben sind sie ja traditionell eher nicht, also wird es doch wohl die zweite Liga sein. Oder aber die darunter, ich weiß allerdings gar nicht, wie die heißt. Regionalliga? Kreisliga? Keine Ahnung. Energie Cottbus klingt irgendwie auch nicht so toll, aber was weiß ich, wo die nun genau hingehören, manchmal spielen doch auch Vereine aus verschiedenen Ligen gegeneinander, oder? “Ist ja auch egal”, sage ich dem Sohn, “Hauptsache, sie spielen gut.“ “Tun sie aber gar nicht”, sagt der Sohn. “Dann wird es nicht die erste Liga sein”, sage ich, das findet er dann auch logisch, es ist doch immer gut, wenn man einen intelligenten Vater hat, der alle Fragen sicher beantworten kann.

Der Mann neben dem Sohn bemerkt schließlich, dass das Kind nichts versteht und erklärte ihm die Regeln geduldig wieder und wieder. “Aber es gibt ja gar keine Tore”, sagt der Sohn zwischendurch mit Empörung in der Stimme, damit hat er nämlich überhaupt nicht gerechnet, dass man zum Fußball gehen kann, und da trifft dann gar keiner. Dafür sitzt man da doch nicht stundenlang herum? Die kicken ja nur so hin und her, wie er auf dem Spielplatz mit seinen Freunden? Er kann es nicht glauben, als das Spiel endlich abgepfiffen wird, 0:0, es ist tatsächlich nichts passiert. “Schauspielertruppe!” ruft der Sohn jetzt eben so engagiert wie die Massen um ihn herum, “ihr seid ne Schauspielertruppe!” Er meint wahrscheinlich beide Mannschaften, aber egal, seine Wut passt harmonisch zur allgemeinen Unzufriedenheit. Die Spieler gehen vom Platz, die Massen strömen zu den Ausgängen. Das geht langsam, da staut man sich erst einmal ziemlich lange vor den Treppen und kann sich noch ein wenig unterhalten. Der Sohn ist zwar enttäuscht vom Spielergebnis, aber auch sehr, sehr stolz, immerhin war er jetzt beim Fußball, ganz in echt und richtig, das waren noch nicht viele in seinem Kindergarten, das muss er allen erzählen, und er glüht schon bei dem Gedanken daran, wie er das erzählen wird. Und das Lied muss er seinen Freunden beibringen, das Lied! Das mit der Schauspielertruppe, das ist toll, das kann er jetzt, das findet er gut. Er steht auf den überfüllten Treppen und singt es beglückt vor sich hin, die Umstehenden stimmen lachend ein.

“Und willst du denn auch wieder zum Fußball gehen?” frage ich. Denn was tut man nicht alles für seine Kinder, da müssen die eigenen Interessen eben einmal zurückstehen, gar keine Frage. “Aber können wir dann zu einem Spiel mit Toren gehen?” fragt der Sohn, er ist jetzt nämlich doch etwas skeptisch, was diese ganze Fußballbegeisterung angeht. Zeit, die man beliebig  verschwenden könnte, hat man auch mit fünf Jahre nicht unbegrenzt. Ich sage ja, gar kein Problem. Wenn St. Pauli einmal gegen Deutschland spielen sollte, dann gibt es gewiss Tore, wahrscheinlich sogar ziemlich viele, dann gehen wir auf jeden Fall wieder hin. Versprochen ist versprochen.

Zur Illustration des Erzählten beachten Sie bitte auch diesen Eintrag beim Hamburger Fotografen Stefan Groenveld, das ist nämlich einer von denen, die da am Spielfeldrand herumstehen.

Dieser Text erscheint als Kolumne „Kind und Kegel“ in der Online-Ausgabe des Hamburg-Führers.


%d Bloggern gefällt das: