Walle! Walle! Manche Strecke…

Na, haben Sie die Zeile auch gerade im Kopf mit “dass zum Zwecke Wasser fließe…” fortgesetzt? Die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht so klein, denn das Gedicht ist eines der bekanntesten in der deutschen Literaturgeschichte, der Zauberlehrling von Goethe.  “Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben, und nun sollen seine Geister auch nach meinem Willen leben.” Das haben meine Eltern in der Schule noch auswendig lernen müssen, ich auch, die Herzdame auch, und vielleicht steht es sogar heute noch auf den Lehrplänen, es würde mich überhaupt nicht wundern.  Wenn die Herzdame und ich unsere Erinnerungen zusammenwerfen, dann können wir immer noch ein paar Versgrüppchen von dem Gedicht rekonstruieren, ohne nachsehen zu müssen. Und wenn wir nachsehen, dann bekommen wir es danach auch mit ein wenig Üben wieder hin, das ganze Gedicht aufzusagen.  Es ist ein wirklich gutes Sprechgedicht, man kann es flott aufsagen, es wird dadurch eher besser als schlechter. Es hat eine gut nachvollziehbare Story, im Grunde ganz schlicht. Es hat sehr eingängige Reime, es hat ein schwungvolles Ende mit einer allseits bekannter Redewendung. Man kann das sogar höchst modern vertonen, ohne dass es peinlich wirkt. Wenn man dieses Video gesehen hat, betont man das Gedicht danach allerdings womöglich doch etwas anders als vorher.

Und jetzt ein Knaller-Tipp für Eltern von etwa fünfjährigen Kindern: Lassen Sie das Kind die Vorbereitung nicht mitbekommen und sagen sie dann aus heiterem Himmel einmal so etwas wie den Zauberlehrling vor dem Nachwuchs auf.  Komplett. Ruhig mit ordentlich Drama in der Stimme und in der Gestik, immerhin geht es um Hexenwerk, das ist ja nicht irgendwas. Das Kind wird mit offenem Mund vor ihnen stehen und der althergebrachte Zusammenhang zwischen Lyrik und Zauberei wird sehr, sehr deutlich zu spüren sein. Wenn das Kind die Geschichte nicht ganz verstanden hat, einfach kurz erklären und dann alles wiederholen. Kinder lieben Reime, Kinder lieben solche Geschichten. Kinder lieben es, wenn es einen Meister gibt, der zum Schluß alles löst.  Und Kinder lieben es, wenn die Eltern ganz erstaunliche Sachen können. Manchmal ist es gar nicht so einfach, Kinder im Vorschulalter noch zu beeindrucken, aber komplett durch eine generationenlang getestete Ballade durchzugaloppieren – Sie werden staunen, wie das wirkt.

“In die Ecke, Besen, Besen! Sei’s gewesen!”

Das ist wirklich einladend, das bekommt man gut hin, diesen Höhepunkt auch sprachlich richtig darzustellen, auch wenn man sonst nicht gerade dauernd Gedichte als Frühsport aufsagt, und wer tut das schon.

Natürlich sind es Kinder gewohnt, dass man ein gewisses Repertoire an Liedchen und Abzählreimen auswendig kann.  Vielleicht auch ein nettes Gedichtchen oder zwei, irgendwas mit Blümelein und Vögelein, was die Bilderbücher eben so hergeben. Nichts gegen James Krüss und Konsorten, versteht sich, da gibt es ganz wundervolle Werke voller Spaß und Witz, die sind hier auch sehr geschätzt. Aber eine ernste, großkalibrige Langstreckenballade mit immer neuen Wellen von wogendem Wortgeklingel, das ist der Hammer. Probieren Sie es aus, Sie werden staunen.

Sohn I: “Wow, das war aber gut!”
Ich: “Ja, das ist toll, was? Von Goethe.”
Sohn I: “Hat der noch mehr geschrieben?”
Ich: “Och.”