Karneval (3)

Die Erzieherinnen in der Kita haben mit den Kindern am Aschermittwoch über das Ende des Karnevals gesprochen. Über den früheren Sinn des Festes, über die kirchliche Bedeutung, über die Fastenzeit. Fastenzeit im Mittelalter, im letzten Jahrhundert und Fastenzeit heute, wirklich kein einfaches Thema für kleine Kinder. Es gibt da also Erwachsene, die nach den Partyexzessen etliche Wochen lang auf etwas verzichten, aus Gründen, die nicht unbedingt sofort einleuchten. Ein Fünfjähriger kann sich natürlich nicht vorstellen, wie lange sieben Wochen sind, er hat nur eine ungefähre Vorstellung davon, dass das wahrscheinlich sehr, sehr lang ist. Einem Fünfjährigen fällt es auch schwer, sich sinnvollen Verzicht vorzustellen, abstrakte Begriffe wie Buße, Einkehr, Umkehr, Besinnung, Mäßigung sind dann doch alle ein wenig zu abgehoben für die Altersklasse. Die Verzichtsübungen der Erwachsenen beziehen sich heutzutage oft auf Alkohol, Zigaretten oder Schokolade. Alkohol und Zigaretten konsumieren Kinder nicht, auf Schokolade zu verzichten ist ein grotesker, abartiger Gedanke, wenn man fünf Jahre alt ist. In meinem Umfeld verzichten einige auch auf Facebook oder Twitter oder auf das Fernsehen, das kommt alles bei den Kindern nicht recht an.

Dennoch ist es natürlich richtig, den Kleinen zu erzählen, was an den Feiertagen warum passiert, ich finde, das kommt oft viel zu kurz. Ich halte auch nichts davon, Themen auszulassen, nur weil sie schwierig sind. Ob man es nun eher als Geschichtsunterricht begreift, wie ich, oder als Religionsunterricht, wie es viele andere tun, es ist wirklich sinnvoll, unsere Alltags- und Festkultur zu verstehen.

Beim abendlichen Gespräch an der Bettkante hat Sohn I immer noch über das Thema Verzicht reden wollen, das hat ihn den ganzen Tag sehr bewegt. Er hat mir aufgezählt, was die Erzieherinnen alles als Beispiel genannt haben. Er hatte es tatsächlich ganz gut verstanden, worum es ging. Er erzählte mir, dass die Erzieherinnen gefragt hätten, ob die Kinder auch auf etwas verzichten könnten, ob ihnen denn da überhaupt etwas einfallen würde und dass sie da alle lange geredet hätten. “Und ich mach das jetzt auch, weißt du”, sagte Sohn I dann zu meiner Überaschung. “Ach?” sagte ich, “tatsächlich? Sieben Wochen ohne? Hab ich ja noch nie gemacht. Willst du das wirklich?” “Ja”, sagte der Sohn und kuschelte sich an mich, “ich mach da jetzt mit.”

Man sollte niemals, wirklich niemals unterschätzen, worauf Menschen ab etwa fünf Jahren schon durch Nachdenken kommen können, wir starten alle als Philosophen ins Leben. Ich sah den Sohn an, mir fiel wieder auf, dass er schon wie ein Schulkind aussieht, wie ein wirklich Großer. “Und”, fragte ich, “worauf verzichtest du denn jetzt?”

“Ich gehe jetzt einfach sieben Wochen nicht mehr in die Kita”, sagte der Sohn und machte sehr breit grinsend die Augen zu.


4 Kommentare

  1. Sandra Malik

    Gutes Kind. Meine verzichten auf Hausaufgaben. Auch gern ausserhalb der Fastenzeit. Ich verzichte auf Rosenkohl.

  2. Ping: Work-Life Balance | doppelhorn.de

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