Karneval (2)

Als wir vor etlichen Wochen erfuhren, dass die Karnevalsparty in der Kita in diesem Jahr unter dem Motto “Ägypten” stehen sollte, war mein erster Gedanke, dass der Schlauberger, der diese tolle Idee gehabt hatte, doch bitte als Kamel gehen möge. Ich meine, Ägypten, das ist wirklich nicht so einfach. Also abgesehen von dem Standardscherz mit der Mumie aus Toilettenpapier, den ich in letzter Zeit etwa hundertmal gehört habe, betont konservativ geschätzt. Es gibt nicht allzu viele fix und fertig lieferbare Kostüme mit dem Thema Ägypten, jedenfalls nicht für Kinder. Und überhaupt, wer braucht denn für den Karneval ein Motto? Kann nicht jeder herumlaufen, wie und als was er will? Soll es nicht eine quasi anarchische Veranstaltung sein? Nein, man braucht ein Leitmotiv. Warum auch immer.

Dann begann eine verblüffende Bildungsoffensive im Kindergarten. Das historische Ägypten wurde wieder und wieder auf viele Arten thematisiert. Bücher, Fotos, Filme, Bilder, alles wurde gezeigt, diskutiert, besungen und immer wieder besprochen und ich habe nicht wenig gestaunt, zu welchen Experten schon kleinere Kinder werden können, wenn das Interesse erst geweckt ist. Sohn I sah sich kurz vor Rosenmontag Reiseberichte über Ägypten auf Youtube an und murmelte dabei routiniert die Namen der Tempel und Heiligtümer, sobald sie ins Bild kamen. Göttinnen und Götter wurden souverän an ihrem Zubehör erkannt und ich habe abends an der Bettkante nicht mehr Gutenachtlieder gesungen, sondern sehr ernsthaft mit ihm Details von Kleopatras Selbstmord diskutiert. Das mit dem Motto, das war vielleicht doch keine schlechte Idee, wenn so etwas dabei herauskommt, dachte ich, zur Bildung kann man irgendwie nicht nein sagen. Die Herzdame, die einmal kurz etwas Ägyptologie studiert hat – was mir bis dahin gar nicht bekannt war, man staunt, welche Abgründe sie nach all den Jahren noch zu bieten hat – saß mit Sohn II lange über ihren alten Fachbüchern und Semesterunterlagen, es war wieder ein strahlender Triumph ihrer mir generell eher lästigen Grundhaltung nie etwas wegzuwerfen. Man kann nicht immer gewinnen.

Allerdings gab es ein kleines Problem bei der Karnevalsvorbreitung, denn mit vertiefter Sachkenntnis stiegen auch die Anforderungen an das Kostüm signifikant. Wer sich auskennt, der wirft sich eben nicht eine Decke als Kaftan über und sagt lässig “Ich bin jetzt Ägypter”. Wer sich auskennt, der will Pharao sein, und zwar richtig. Sohn II war da mit seinem Wunsch “Königstiger” noch vergleichsweise einfach zu bedienen, wenn auch nicht recht authentisch ägyptisch, aber Sohn II ist auch erst drei Jahre alt, da macht das nichts. Sohn I ist aber schon fünf, und mit fünf Jahren ist man heutzutage anscheinend ein Topchecker. Also ein richtiger Pharao, bitte. “Mit alles wie in echt.”

Es sah ganz danach aus, als hätten wir etwas basteln müssen. Mein Verhältnis zum Basteln kann ich recht einfach zusammenfassen: ich hasse es. Ich hasse es aus tiefstem Herzen. Ich habe Fluchtreflexe, wenn irgendwo Strohsterne liegen, mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich nur das Wort Kunsthandwerk höre und ich kriege Beklemmungen in Läden für Bastelbedarf. Ich werde sehr, sehr schlechtgelaunt, wenn mir jemand vorschlägt, ein Problem dadurch zu lösen, dass ich “irgendwas mal schnell selber mache”. Ich kann Probleme nicht in 3D lösen, ich kann nur Bilder und Texte, wenn ich überhaupt etwas kann. Wenn ich etwas bastel, sieht es immer so aus, als müsse man Mitleid mit mir haben, das ist furchtbar, ich will das nicht erleben.

Ich habe traumatische Erinnerungen an den Werkunterricht in der Schule, wo man aus Holz kleine Schiffe bauen musste. Mein älterer Bruder, der auf derselben Schule war, hatte das vorgemacht, er hatte ein großartiges Holzschiff hergestellt, einen Dampfer mit mehreren Etagen, Schornsteinen und Fenstern, wirklich schön. Als ich in die Klasse mit dem Werkunterricht kam, brachte ich schließlich ein seltsam verformtes Stück Holz nach Hause. Es sah aus wie eines dieser schwer erkennbaren Dinger, von denen Archäologen manchmal annehmen, sie könnten vor zehntausend Jahren einmal von einer unterentwickelten Kultur am Rande der Welt als Einbaum genutzt worden sein. Mein primitiver Holzklotz schwamm in der Badewanne neben dem prächtigen Vergnügungsdampfer meines Bruders durch den Fa-Schaum der Siebziger Jahre. Wenn ich das Wort Bastelarbeit höre, dümpelt immer noch ein ungeschlachter Einbaum vor meinem inneren Auge, ein Einbaum, der in kleinen Kreisen immer wieder linksherum fahren musste, weil der Rumpf so schief war. Heute ist mein Bruder Handwerksmeister und ich verlasse meinen Schreibtisch nicht freiwillig, es hat sich alles ganz folgerichtig entwickelt.

Tendenziell ist das Bastel-Problem in letzter Zeit allerdings schlimmer geworden. Denn ich kenne mehr und mehr Eltern, dadurch auch mehr und mehr Mütter und dadurch auch unweigerlich mehr und mehr skilled experts for advanced Schickschnack. Also die Mütter, die für das all das verantwortlich sind, was man sich auf Pinterest oder in Magazin wie etwa Landlust, Landliebe etc. ansehen kann. Mütter, die alles basteln können, alles nähen, stricken, häkeln, töpfern, backen, kochen, flechten, filzen, schnitzen, schweißen, laubsägen, was weiß ich. “Da nimmst Du einfach…” “Da kaufst Du einfach…” “Da hab ich neulich ein Bild gesehen, das machst Du so, guck hier…” Mütter, bei denen alles im Haushalt süß und niedlich aussieht, wenn nicht sogar bezaubernd oder gar hinreißend. Und wenn man in einem solchen Haushalt ein paar Stunden zu Gast war, geht man irgendwann nach Hause, sieht sich um und denkt, man lebt im Slum.

Eine dieser Mütter erzählte uns, dass man den typischen Kopfschmuck der ägyptischen Fürsten ziemlich einfach mit einem Tuch herstellen könne, seht Ihr so, und sie nahm ihren Schal, faltete etwas daran herum, drehte ihren Gürtel hinein, setzte ihn auf und zack! Es sah tatsächlich so aus wie auf den Bildern, völlig irre. Sehr einfach, kann wirklich jeder, das haben wir gleich eingesehen. Wir gingen nach Hause und machten das sofort nach. Die Herzdame nahm ihren Schal, faltete etwas daran herum, drehte einen Gürtel hinein, setzte ihn auf und zack! Sie sah aus wie eine deutsche Kabarettistin, die eine Raumpflegerin mit Migrationshintergund spielte. Die Herzdame ist beim Basteln leider nur dezent begabter als ich.

Andere Mütter wiesen uns darauf hin, dass man mit ein wenig Blumendraht, ausgesägten Ornamentli und reichlich Goldlack ziemlich einfach ein ägyptisches Zepter herstellen könne. Die Herzdame und ich sahen uns an und schüttelten in stillem Einverständnis die Köpfe, warteten bis die Mütter weg waren und murmelten dann spöttisch “Ornamentli. Sie haben Ornamentli gesagt.” Und dann haben wir beschlossen, dass es nicht sein kann, dass wir beide an einem blöden Karnevalskostüm scheitern. Wir haben uns darauf besonnen, dass auch wir sehr wohl bei solchen Problemen lösungsorientiert vorgehen können, Basteltrauma hin oder her. Und wir sind zur Buchbinderei um die Ecke gegangen und haben gefragt, ob sie uns nicht vielleicht helfen könnten. Eine Buchbinderei restauriert oder bindet normalerweise Bücher, schon klar, aber dort kennt man sich auch mit allem aus, was man aus Pappe machen kann. Und die beiden unfassbar freundlichen Buchbinderinnen haben sich die mitgebrachten Ägyptenbücher angesehen, kurz nachgedacht, und dann etwas stabile Pappe genommen, einmal, zweimal freihand geschnitten, etwas gebogen, etwas geknickt, kurz geklebt und zack, war die Krone fertig. Mit Schlange dran und allem. Unglaublich, das waren nur ein paar Handgriffe, jahrelange Erfahrung und Augenmaß, es ist so beeindruckend, wenn jemand sein Handwerk versteht, ich habe wirklich größten Respekt davor. Die Buchbinderinnen gaben dann noch wirklich anwendbare Hinweise, wie das Zepter und das weitere Zubehör herzustellen sei, das war eine Sache von Minuten und wir hatten eine wirklich gute, originelle Ausrüstung. Maßarbeit für Sohn I, der staunend daneben stand und den Beruf des Buchbinders erstmals in die engere Auswahl für später nahm. Die Herzdame hat alles noch mit Goldspray angesprüht, es wurde ein wunderbares Kostüm. Auch wenn Sohn I, als er das alles anprobierte, bemerkenswert trocken anmerkte, dass auf der Krone der Pharaonen aus Unterägypten eigentlich nicht nur eine Schlange, sondern auch ein Adler hätte sein müssen. Am Ende ist zu viel Bildung in frühen Jahren eben doch nicht bekömmlich.

Und ich habe dann tatsächlich der Versuchung widerstanden, die kunstvoll und professionell erstellte Krone anderen Müttern schon lange vor Rosenmontag zu zeigen und zu rufen: “Hier guck, Bastel-Bitch, selbstgemacht! Hah! Mach mal nach! Na los! Ist ganz einfach!” Aber man macht sich keinen Begriff, wie schwer es mir gefallen ist.

In den nächsten Wochen werde ich meine Beziehung zur Leitung der Kita verbessern müssen, damit ich rechtzeitig, weit vor allen anderen Eltern, das Karnevals-Motto des nächsten Jahres erfahren kann. Ich überlege, das Kostüm dann in einem Kunsthandwerkerforum auszuschreiben. Vielleicht kann man so etwas aber auch an der Hochschule für Bildende Künste als Diplom-Arbeit unterbringen? Egal. Auch im nächsten Jahr werden wir wieder für die kreative Lösung schlechthin stehen und den Neid der anderen Eltern genießen. Man muss nur wissen, wie es geht, dann ist es tatsächlich ganz einfach.

24 Kommentare

  1. Hypno-Babe

    “Bastel-Bitch”
    Mich verreißt es hier schier grad vor Lachen!
    Und: das mit dem Slum-Gefühl… das kenne ich.
    In mich hat sich scheinbar in keiner Weise ein weibliches Deko-Gen vererbt.

  2. Mama arbeitet

    Das werde ich gleich weitertwittern. Denn ich hasse basteln. Und Bastel-Bitch wird das Wort des Jahres 2013.

    Herzlichen Gruss mit drei linken Händen, Christine

  3. Mattes

    Haha, Bastel-Bitch! Grandios. Danke für diesen tollen Artikel, schön zu lesen, dass man nicht allein ist, sondern offensichtlich eine Subkultur von Bastelhassern gibt, zu der ich mich gern hinzu zähle :-)

    LG,
    Mattes

  4. Katja

    Danke, als Bastel-Bitch, habe ich trotzdem ihren Text genossen.
    Ich möchte nur anmerken das es schlimmer Themen geben kann!
    Letztes Jahr war es “Trachten dieser Welt” dieses Jahr “Gegensätze”.
    Herr Sohn wollte aber gern ein Drache sein und fand das so toll das er sich ein Jahr darauf gefreut hat wieder einer zu sein…

  5. Antje von Garnier

    Bisher dachte ich, ich sei die Einzige, die sich beim gruppendynamischen Laternebasteln unter Eltern in der Kita mit der stumpfen Kinderschere mies verletzt hat. Gruselig, mich widert dieser Brauchtumquatsch so an! Wie gut, dass ich hier erfahre kein Einzelschicksal zu sein!

  6. Paula

    “skilled experts for advanced Schnickschnack” und “Bastel-Bitch” – einfach super. Es dauert ein bisschen, bis ich mich wieder einkriege, meine Kollegin guckt mich schon so komisch an…

  7. walküre

    KÖSTLICH !!!
    Ich für meinen Teil kann eigentlich viel, wenn ich so überlege.
    Basteln allerdings gehört nicht zu meinen Fähigkeiten, und den Stress, den Sie und die Herzdame bei sowas bekommen, kenne ich nur allzugut aus eigener Erfahrung.

  8. Frieda

    Herr Budenbohm,
    da gehört doch jetzt aber wirklich ein Foto dazu, oder? Zumindest von der advanced buchbinderei expertin geskillten Krone!

  9. Uschi

    Großartig! Habe das jetzt mal meiner in Kairo lebenden Freundin geschickt, die wird sich auch grandios amüsieren…

  10. aprikaner

    herrlich! Ich würde ja gern ein Foto sehen wollen ;-)
    wie gut das mein Kind inzwischen zu cool für Fasching ist

    Liebe Grüße
    anja

  11. Lily

    Wenn ich an Bastelzeit mit Tante Adelheid im Kindergarten zurück denke, dann sehe ich immer nur Uhu-verschmierte Tonpappe vor mir. Zu mehr hat es nie gereicht bei mir, obwohl ich filzen, backen, stricken, häkeln und malen kann. Aber gebt mir eine Bastelschere und ich begehe Harakiri

  12. Astridka

    Selten so gelacht in letzter Zeit bei einem Blogpost! Da verzeiht die Kunstlehrerin die Bastellegasthenie, wenn man SO schreiben kann. Und da ich solche Posts gerne öfter lesen möchte, lieber Herr Buddenbohm, füge ich sie sofort in meine Blogroll. Nächstes Jahr zu Karneval dürfen sie mich gerne kontaktieren ( verstehe mich da als Expertin ).
    Herzliche Grüße
    Astrid

  13. Nadine

    “Und wenn man in einem solchen Haushalt ein paar Stunden zu Gast war, geht man irgendwann nach Hause, sieht sich um und denkt, man lebt im Slum.” ….hahaha… schöner treffender Text

  14. Ping: Die Buddenbohms im Bild | Herzdamengeschichten

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