Karneval (1)

Als ausgewachsener Hanseat hat man natürlich mit Karneval nichts zu tun, rein gar nichts, das liegt uns ganz fern. Man feiert das wohl im Kleinkindalter im Kindergarten, vielleicht auch noch in der Grundschule, aber mit etwa zehn Jahren wird das dann schlagartig uncool und man hat mit dem Thema garantiert lebenslang nie wieder etwas zu tun und ignoriert so vor sich hin. Nicht feindselig, wir sind hier ja tolerant, aber doch entschieden desinteressiert. Karneval ist irgendwo da draußen.

Es sei denn, man hat selbst Kinder. Deswegen war ich heute nachmittag mit einem kleinen Königstiger unterwegs zum Kinderarzt. Mit einem Königstiger, der die Party in der Kita gerade noch geschafft hatte, danach aber kurz mal wegen einer Lappalie einem Arzt gezeigt werden musste. Sohn II, der da im Königstigerkostüm gefährlich gewandet und wild geschminkt neben mir hertrottete, fauchte ab und zu Passanten an, war ansonsten aber eine mustergültig gezähmte Raubkatze. Wir gingen zum Bahnhof, hinunter zur U-Bahn. Anscheinend hatten alle Teilzeitangestellten in der Hamburger Innenstadt gerade gleichzeitig Feierabend gemacht und strebten kollektiv dem frühen Feierabend entgegen, die Bahn war rappelvoll, an einen Sitzplatz war überhaupt nicht zu denken. Mensch an Mensch, Schulter an Schulter. Oder, aus der Sicht von Sohn II: Knie an Knie. Normalerweise hätte ich ihn auf den Arm genommen, allerdings standen wir so verkeilt, dass ich mir erst Platz hätte freiboxen müssen, um ihn überhaupt hochstemmen zu können. Ich weiß nicht, wie viele Menschen in so einen U-Bahnwagen passen, hundert? Noch mehr? Wohl eher noch mehr. Über hundert Menschen, die schweigend und muffelig stadtauswärts fuhren, auf ihre Handys starrten oder angestrengt an den anderen vorbei, ins Leere. Schlecht gelauntes Schweigen im Waggon, jeder nahm den anderen übel neben ihm zu stehen, auch da zu sein, so entsetzlich nervtötend präsent zu sein. Keiner sprach, man hörte nur den Lärm der Bahn und eine leise, komplett unverständliche und verraschelte Durchsage  durch die Lautsprecher.

Und man hörte nach ein paar Minuten eine sehr gut verständliche, deutlich gebrüllte Ansage vom komplett unsichtbaren Sohn II, der von ganz unten durch die Menge rief: “KEINE ANGST! ICH FRESSE KEINE ERWACHSENEN!”

9 Kommentare

  1. Mell

    Mein Sohn (4) ergänzt nach dem Vorlesen dieser, wieder ganz wunderbaren Alltagsgeschichte: “Nur Kinder, oder?”
    Reizend der Junge. Oder?

  2. Tünnes

    Da würde den haneaten doch etwas mehr Lockerheit gut tun. Z.B. in Form von Karneval. Alaaf!

  3. Papi

    Wunderschön!
    Funktioniert so schön aber wohl nur in Hamburg
    In einer Kölner U-Bahn würden große Tiger oder Löwen zurückbrüllen oder ein Clown einen netten Kommentar geben….Auf jedenfall wäre es noch in der U-Bahn höchst amüsant.
    Unser diesjähriger “Darth Vader” (5 Jahre) würde bestimmt, mit Präsentation des Lichteschwertes einen kritischen Kommentar abgeben, bzw. an einem anderen Tag als Vampier die Zähne zeigen.

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