Die unerreichbare Frau

Die Herzdame ist nicht erreichbar. Das ist schlecht, denn ab und zu habe ich im Laufe des Tages das Bedürfnis, etwas mit ihr zu besprechen, wie es unter Ehepartnern so ist. Manchmal geht es sogar um Dringendes, um Wichtiges, aber egal, es geht einfach nicht. Sie hat zwar ein Handy, jeder Mensch hat ja heute ein Handy – aber sie geht nicht ran. Ich kann einmal anrufen, dreimal oder zehnmal, ich habe auch schon dreißigmal nacheinander angerufen, es ist egal, sie geht nicht ran. Weil sie es nicht hört. Sie kann es nicht hören, weil das Handy irgendwo tief unten in ihrer voluminösen Handtasche liegt, neben sehr viel anderem Zeug, das dort als Schalldämpfer wirkt. Das Handy liegt immer in ihrer Handtasche, deswegen hört sie es auch nie. Der Umgebungslärm, die Autos, das Gerede der Kollegen, das Geschrei der Söhne, da hört man so ein dezentes Fiepen aus der Tiefe der Tasche natürlich nicht, das leuchtet ein.

Sie kann es leider auch nicht woanders tragen, etwa in einer Hosentasche, wo sie wegen der größeren Nähe zum Körper wenigstens das Vibrieren bemerken würde, nein, das geht definitiv nicht. Weil das nämlich nicht aussieht, sagt sie. Das Handy trägt auf, es macht seltsame Beulen in die Hose, das ist unschön. Unschön kommt selbstverständlich für sie nicht in Frage, unschön kann ich ja herumlaufen, sagt sie, das würde nicht weiter auffallen.

Also kommt das Handy in die Handtasche, da sieht es weder gut noch schlecht aus, da ist es schlicht unsichtbar. Und auch unhörbar. Die Herzdame ist gewissermaßen aus ästhetischen Gründen nicht erreichbar.  Ich hatte schon immer das Gefühl, dass schöne Frauen für mich unerreichbar sind. Aber erst durch die Herzdame weiß ich genau, dass es eine unabwendbare Tatsache ist. Und auch, wie sie sich genau erklärt.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

14 Kommentare

  1. Seifenfrau

    Ganz genau. So ein Handy hab ich auch.
    Immer im Innern meines Rucksacks isoliert und schallgedämpft.
    Mein Mann versteht das auch nicht.
    Ich grüße Ihre Herzdame!

  2. Petra_s

    Ich gehöre zu denen, die ihr Handy meist leise stellen und da ich das Vibrieren eher selten mitbekomme, gucke ich in regelmäßigen Abständen und rufe zurück. Sogar fremde Nummern. Doch wie ungehalten Sie oft sind, diese Anrufer. Die einen poltern es auf die Mailbox – da warte ich dann ein wenig länger – die anderen sind trotz hochkarätiger Ausbildung nicht in der Lage einen Satz zu sagen und legen knirschend ( das hört man) auf. Ich bleib dabei. Ich bin erreichbar, aber meist über die Mailbox-Vorzimmerdame.

  3. Isabo

    Du machst mich fertig. Seit wir uns kennen, versuche ich Dir beizubringen, mich auf dem Festnetz anzurufen, weil ich das Handy nicht höre, denn das liegt selbstverständlich in irgendeiner Handtasche. Wo denn sonst. Zu Hause braucht kein Schwein ein Handy. Und jetzt erzählst Du mir nach all den Jahren, dass das bei der Herzdame genauso ist? Du weißt folglich nicht mal, dass Du SELBST ein Festnetz hast? Liebe Herzdame, vielleicht zeigst Du dem armen Mann mal Euer Festnetz, vielleicht versteht er ja auch in seinem Alter noch, wofür das gut ist? Ich dachte schon, es hätte mit mir und speziell meinem Festnetz zu tun.

  4. Isabo

    Ja, sehe ich ein. “Geschrei der Söhne” hat mich in die Irre geführt. Und in Büros gibts natürlich kein Festnetz.

  5. Lily

    @brise: Das frag ich mich auch. Mit meinem Handy kann man vermutlich die Weltherrschaft übernehmen, solang man dafür nicht telefonieren muss. Ätzend. Es hat sich den Platz ganz unten im Rucksack redlich verdient. Und zum ersten Mal stimmt das, was ich zu Beginn meiner Mobilfunk-Zeit sagte: Ich brauch es wirklich nur in Notfällen.

  6. Uschi

    Ich neige sogar dazu, mein Handy und seinen Aufenthaltsort ganz zu vergessen. Erst wenn ich dann Tage zu spät angemosert werde: “Ich hatte Dir doch eine SMS geschickt!”, fällt es mir wieder ein… Wann werden die Menschen in meiner kleinen Welt das endlich lernen?

  7. Paula

    Ich muss mein Handy manchmal selbst über Festnetz anrufen, um es wieder zu finden. Meistens liegt es in einem Rucksack oder in einer meiner beiden Taschen – natürlich ganz unten.

  8. walküre

    Was für ein wunderbares Kompliment !

    btw: Für den besten aller Ehemänner bin ich grundsätzlich erreichbar, aber sobald er zuhause ist oder wir gemeinsam unterwegs sind, kann mich mein Handy mal. Mich kontaktiert am zuverlässigsten via Mail, denn Mails werden täglich abgerufen, wohingegen ich mein Handy schon einmal ein paar Tage irgendwo im Haus liegen lasse. Befreiend, eigentlich.

  9. Papi

    Ich empfehle, der Herzdame ein Seniorenhandy zu schenken. Eines von denen, wo man den Klingelton ganz laut stellen kann, damit sie auch ohne Hörgerät gehört werden können. Ein solches Handy sollte die Handtaschendämpfung durchdringen können, oder?

  10. Novemberkindmama

    Und ich dachte schon, ich sei die einzige, bei der das Handy entweder
    a) auf lautlos gestellt ist (der peinliche Klingelton stört ja bei der Arbeit)
    b) sich ausgeschaltet hat, da der Akku alle war
    oder c) (falls a) und b) nicht zutreffen) zu Hause in der anderen Tasche herumliegt, die ich gerade nicht dabei habe. Ich bekam diesen Blogbericht übrigens neulich abends vorgelesen mit dem vorwurfsvollen Kommentar: “Das trifft 1:1 auf dich zu!”. Dabei hat unsere Kleine doch (wieder) ganz friedlich geschlafen, als ich von der Rückbildung nach Hause kam…

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