Die Herzdame ist nicht erreichbar. Das ist schlecht, denn ab und zu habe ich im Laufe des Tages das Bedürfnis, etwas mit ihr zu besprechen, wie es unter Ehepartnern so ist. Manchmal geht es sogar um Dringendes, um Wichtiges, aber egal, es geht einfach nicht. Sie hat zwar ein Handy, jeder Mensch hat ja heute ein Handy – aber sie geht nicht ran. Ich kann einmal anrufen, dreimal oder zehnmal, ich habe auch schon dreißigmal nacheinander angerufen, es ist egal, sie geht nicht ran. Weil sie es nicht hört. Sie kann es nicht hören, weil das Handy irgendwo tief unten in ihrer voluminösen Handtasche liegt, neben sehr viel anderem Zeug, das dort als Schalldämpfer wirkt. Das Handy liegt immer in ihrer Handtasche, deswegen hört sie es auch nie. Der Umgebungslärm, die Autos, das Gerede der Kollegen, das Geschrei der Söhne, da hört man so ein dezentes Fiepen aus der Tiefe der Tasche natürlich nicht, das leuchtet ein.

Sie kann es leider auch nicht woanders tragen, etwa in einer Hosentasche, wo sie wegen der größeren Nähe zum Körper wenigstens das Vibrieren bemerken würde, nein, das geht definitiv nicht. Weil das nämlich nicht aussieht, sagt sie. Das Handy trägt auf, es macht seltsame Beulen in die Hose, das ist unschön. Unschön kommt selbstverständlich für sie nicht in Frage, unschön kann ich ja herumlaufen, sagt sie, das würde nicht weiter auffallen.

Also kommt das Handy in die Handtasche, da sieht es weder gut noch schlecht aus, da ist es schlicht unsichtbar. Und auch unhörbar. Die Herzdame ist gewissermaßen aus ästhetischen Gründen nicht erreichbar.  Ich hatte schon immer das Gefühl, dass schöne Frauen für mich unerreichbar sind. Aber erst durch die Herzdame weiß ich genau, dass es eine unabwendbare Tatsache ist. Und auch, wie sie sich genau erklärt.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)


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